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Handbike WM 2002

„I love this hill“

Die Weltmeisterschaft 2002 der Handbiker im eigenen Land in Altenstadt. Da wollten fast alle mitmachen. Das zeichnete sich schon bei den beiden Trainingslagern auf Mallorca und in Italien Anfang des Jahres ab. Vor eine Teilnahme hatte der Bundestrainer jedoch die Qualifikation gesetzt, da letztlich nur drei Fahrer pro Klasse mitfahren konnten. Diese Qualifikation setzte sich aus den Ergebnissen der ersten vier EHC-Rennen, den Ergebnissen der letzten Leistungsdiagnostiken und der Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften zusammen.

Ende Juli wurde dann endlich die Nominierung bekanntgegeben und die „Auserwählten“ versuchten nun noch in letzter Minute, ihr Training auf die WM auszurichten. Das „Team Otto Bock“ hatte mit dem Reha Team Saggau einen Sponsor gefunden, der vier WM-Teilnehmern ein Trainingslager in Trappenkamp in der Holsteinischen Schweiz finanzierte.

Nach dem Churchrace in Kirchboitzen, einem letzten Formtest, wurden dort dann bei herrlichem Wetter Kilometer gebolzt. Ist übrigens auch Hobbybikern zu empfehlen. Eine tolle, abwechslungsreiche Landschaft und zahlreiche Nebenstraßen, wo man nach Herzenslust drauflosfahren kann.

Die letzte Woche vor dem großen Ereignis gehörte dann dem Bike. Generalüberholung der Bowdenzüge und der Bereifung und so weiter sowie leichtes Training waren nun angesagt. Dann ging es los nach Altenstadt. Nach einer nahezu endlosen Anfahrt von 650 Kilometern kamen wir vor Ort der Veranstaltung an und wurden „kaserniert“. Die Unterbringung erfolgte nämlich in einer Kaserne der Luftwaffe. Leider waren die sanitären Einrichtungen dort nicht wirklich für Rollstuhlfahrer geeignet. Lediglich zwei Toiletten für 40 Rollstuhlfahrer, die dann auch noch mittels eines Bürostuhles befahren werden mussten, sorgten bei einigen Teilnehmern für lange Gesichter und sorgten für eine Fluchtwelle in die Fremdenzimmer der Umgebung. Nicht gerade eine schöne Visitenkarte für das Gastgeberland einer Weltmeisterschaft, gerade im Hinblick auf die laufende Olympiabewerbung für 2012.

Der nächste Ärger war dann die „Einkleidung“ des deutschen Handbike-Teams. Nachdem sich bis zum Abendessen niemand von der Mannschaftsführung blicken ließ, gingen wir halt in unseren Privatklamotten zum Essen. Hier konnte man dann schön die verschiedenen Nationalitäten unterscheiden. Uns konnte man an Jeans und bunter Oberbekleidung erkennen. Nach dem Essen ging es dann zur mit Spannung erwarteten Klassifizierung der Sportler. Diese dauerte für uns bis Mitternacht und so fielen wir dann ziemlich müde in die Betten. Naja, vielleicht wird es morgen beim Frühstück etwas mit der Einkleidung…

Pustekuchen! Die Teamführung war bereits zeitig nach Augsburg zu den Bahnwettbewerben aufgebrochen. Wir hatten bisher noch nicht einen der Damen und Herren zu Gesicht bekommen. Da bleibt doch ein etwas fader Nachgeschmack. Gut, dann Training halt in unseren eignen Trikots. Immerhin konnte man uns auch hier gut erkennen, weil die Deutschen die einzige Nation waren, die mit ihren Privatsachen trainierte. Gut, wenn man immer alles dabei hat.

Donnerstagabend bekamen wir dann erstmalig unseren Bundestrainer zu Gesicht und es sollte nun tatsächlich eine Einkleidung erfolgen. Nachdem wir im Vorfeld Fragebögen mit Hut-, Schuh- und Handschuhgrößen ausgefüllt hatten, war die Ernüchterung doch groß. Für jeden gab es einen Trainingsanzug Größe XXL (sieht bei meinen 172 cm echt geil aus!), ein Kurzarmtrikot, eine kurze Radlerhose und ein Langarmtrikot. Keine Regensachen, keine Windbreaker-Westen, keine langen Hosen. Begründung: es wäre nicht genug Geld da. Das kann doch eigentlich nicht sein. Es sollte doch in unserem Lande eine Sportbekleidungsfirma zu finden sein, die als Kleidersponsor für eine Nationalmannschaft auftritt! Vielleicht hat man nur nicht gefragt…Jetzt konnten wir nur hoffen, dass es trocken und einigermaßen warm bei den Rennen bliebe.

Am Freitagabend ging es dann endlich mit dem Rennen los und das Wetter spielte auch mit. Als erstes wurden die Straßenrennen ausgefahren. Begonnen wurde mit der Division A (Tetras) und den Frauen. Am Star gab es dann leichten Tumult, weil bei Andreas Kiemes, dem deutschen Ass in dieser Klasse, der Schaltzug riss. Naja, dachten alle, ist ja ein Mechaniker anwesend. Für den sollte es ein Kinderspiel sein, innerhalb einer Viertelstunde so ein Verschleißteil zu wechseln. War es aber nicht, weil anscheinend kein Bowdenzug vorhanden war. So wurde dann die Schaltung unten auf einem der mittleren Gänge festgezurrt und Andreas konnte mit immerhin zwei Gängen sein Rennen fahren. Heraus kam die Bronzemedaille. Wenn der Kerl alle 18 beisammen gehabt hätte…

Bei den Frauen gab es einen tollen Kampf zwischen der Holländerin Monique van der Vorst, die einige Probleme mit ihrem Helm hatte, und den Amerikanerinnen. Die deutschen Mädels konnten vorne (noch) nicht eingreifen. Nachdem die Amerikanerin Monica Bascio einen kleinen Ausflug in ein Maisfeld gemacht hatte, dachten alle, das Rennen wäre gelaufen. Aber der Helm von Monique van der Vorst löste sich immer wieder, so dass sie zweimal anhalten musste. Klar, dass ihre Konkurrentinnen hierdurch jedes Mal wieder aufschließen konnten. Mit einem tollen Spurt sicherte sich die junge Holländerin jedoch den Titel.

In der Division B (hohe Paras) teilte sich das Feld gleich am Anfang in zwei Gruppen. In der Spitzengruppe fuhren die beiden Deutschen Tobias Knecht und Norbert Jakobi, die Amerikaner Greg Hockensmith und Matthew Updike und der Franzose Patrick Moyses. Eigentlich dachte jeder, der Kampf würde zwischen den Deutschen und den Amerikanern entschieden, aber Patrick schonte im Rennen seine Kräfte und konnte sich mit einem fulminanten Sprint den Weltmeistertitel sichern. Zweiter wurde Tobias Knecht und Dritter Greg Hockensmith.

Das dritte Rennen war eine Demonstration von Johann Mayrhofer und Florian Sitzmann. Beide konnten sich sofort vom Feld absetzen und deklassierten die Konkurrenz um eine Runde. Im Sprint siegte schließlich Mayrhofer vor Sitzmann. Zweiter wurde im Sprint der Verfolger Torsten Purschke.

Als es bei der Siegerehrung anfing zu regnen, kam ein wenig Hektik bei den Funktionären des deutschen Teams auf: Die Handbiker zogen sich doch tatsächlich ihre privaten Regenklamotten an! Sowas geht ja gar nicht. Man soll ja schließlich sein Land repräsentieren. Aber womit? Flugs wurden noch ein paar Bekleidungsstücke der Paralympics in Atlanta ausgebuddelt, die dann unter den Sportlern reihum gingen. Hat gerade noch so geklappt.

Der Samstag begann gleich nach dem Aufstehen mit dem Einzelzeitfahren der Tetras und Frauen über 7,5 Kilometer. Da Andreas Kiemes in der Nacht seine Schaltung repariert hatte, konnte ihm niemand seinen Sieg nehmen. Er gewann mit einer halben Minute Vorsprung vor James Harlan (USA) und Yvon Buchmann (FRA).

Bei den Frauen konnte sich die Amerikanerin Monica Bascio den Titel vor Monique van der Vorst sichern. Dritte wurde Helene Hines (USA).

Für die Division B und C hatte sich der Veranstalter etwas besonders Feines ausgedacht: ein Einzelzeitfahren über 23 Kilometer mit einem Höhenunterschied von 250 Meter. Da das Gelände vor und nach dem Anstieg ebenfalls leicht wellig war, konnte man diese Strecke als durchaus weltmeisterschaftstauglich bezeichnen. Schon auf der Anfahrt zum Berg ging der Puls bis an die Schmerzgrenze. Dann waren diese vier Kilometer Steigung zu bewältigen. Erst um die drei Prozent, dann immer steiler. Im Schnitt waren es fünf Prozent Steigung. Dieser Streckenabschnitt verlangte einem wirklich alles ab. Vor allem, weil oben der Wendepunkt der Strecke war und einem die Gegner entgegenkamen. Man konnte sich also ausrechnen, wo man steht. Oben dann die Wende und dann mit 60 Klamotten den Berg runter. Da war ein wenig Ausruhen angesagt, um die Wellen bis zum Ziel noch gut mitzunehmen.

In der Division B war der Amerikaner Greg Hockensmith auf diesem Profil nicht zu schlagen. Mit zweieinhalb Minuten Vorsprung gewann er vor Tobias Knecht aus Reichartshausen und seinem Teamkollegen Matthew Updike. Kommentar nach dem Rennen: „Oh, I love this Hill.“

In der Division C strafte Johann Mayrhofer seine Konkurrenten ab. Mit zwei Minuten Vorsprung auf den Zweiten, Scott McNeice aus den USA, und dreieinhalb Minuten auf den Dritten, Cefas Bouman aus den Niederlanden, gelang ihm das Double. Bester Deutscher wurde hier Florian Sitzmann auf Rang vier.

Der Abend endete dann im großen Festzelt, wo die diversen Medaillen des deutschen Teams und er Weltmeistertitel von Andreas Kiemes gefeiert wurden. Thomas Wagner

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