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Interview mit Golfprofi Anthony Netto

„Ohne Balance keine Chance“

Anthony Netto spielt nicht bloß Golf, er lebt Golf. Seine ersten Abschläge trainierte der gebürtige Südafrikaner im Alter von fünf Jahren. Seit den 80ern verdiente er sein Geld als Golfprofi. Durch Multiple Sklerose und eine Genickfraktur ist er heute auf den Rollstuhl angewiesen, aber das hindert ihn nicht daran, perfektes Golf zu spielen. Outrun besuchte Anthony Netto auf dem öffentlichen Golfplatz Gut Clarenhof in Köln.

Outrun: Welches Handicap hast Du eigentlich, Anthony?

Anthony: Ein Profi hat kein Handicap. Er hat Handicap 0, was man in der Golfsprache Scratch nennt. Okay, genau genommen habe ich doch eins, mir fehlt nämlich die ideale Bereifung und ein motorisierter Rollstuhl, um auf dem Grün fahren zu können.

Outrun: Das ist die Antwort eines wahren Golfprofis, wie wir sie nicht anders erwartet haben. Erzähl doch mal, wie Du als Nationaltrainer der deutschen Mannschaft die Europameisterschaft erlebt hast.

Anthony: Mich hat die EM positiv überrascht. Das Niveau war sehr hoch. Mit den Ergebnissen, die dort erzielt wurden, wäre mancher Golfprofi zufrieden gewesen. Um mal einen Vergleich anzustellen, würde ich sagen, dass die Spielleistungen der in der 1. Bundesliga im Fußball entsprochen haben. Dabei darf nicht vergessen werden, dass in Maria Bildhausen über ganze vier Tage gespielt wurde.

Outrun: Welche Spieler haben Dich am meisten beeindruckt?

Anthony: Natürlich Jörgen Eriksson aus Schweden, er hat ein herausragendes Ergebnis erzielt und seine Aufholjagd am letzten Tag war sensationell. Herausragend waren auch die Leistungen der beiden Deutschen Christian Nachtwey in der Rollstuhl-Kategorie und Ivars Weide, der übrigens früher Profi-Eishockey gespielt hat. Beeindruckt hat mich aber auch allgemein die Einstellung der Spielerinnen und Spieler. Sie alle waren sehr hoch motiviert und haben scheinbar nie daran gedacht, aufzugeben. Sicherlich ein Beispiel dafür, wie sie überhaupt mit ihrer Behinderung umgehen.

Outrun: Weißt Du noch, wann Du das erste Mal einen behinderten Golfer beim Spiel erlebt hast?

Anthony: Das war in den 70er Jahren in Südafrika. Ein Einarmiger, der – ich glaube – Handicap sieben hatte, was Bundesliga-Niveau entspricht. Ich selbst habe mich mit Behinderten in den letzten Jahren beschäftigt, darunter viele Schlaganfall-Patienten. In Köln habe ich vor drei Jahren mit einem MS-Patienten begonnen, auf dem Gut Clarenhof sehr intensiv zu trainieren. In dieser Zeit ist mir auch die Idee mit den Buggys gekommen.

Outrun: Ist es schwierig für Euch, an Nachwuchsspieler ranzukommen?

Anthony: Der Golfsport befindet sich in der Aufbruchphase. Und ich möchte vorbereitet sein, wenn die Spielerinnen und Spieler kommen. Die Begeisterung und die Motivation, immer besser zu werden, ist bei den Leuten groß. Und schließlich fängt auch Gesundheit im Kopf an. Wenn wir den Kopf positiv einstellen können, dann erleben wir einen Domino-Effekt. Wichtig in Zusammenhang mit neuen Spielern ist auch, das der Golfsport in der Vergangenheit sehr elitär rübergekommen ist, das wollen wir ändern.

Outrun: Was meinst Du, wird sich der allgemeine Golfboom positiv auf die Szene der behinderten Golfer auswirken?

Anthony: Es besteht die Möglichkeit, aufgrund der Projekte des Behinderten Golf Clubs Deutschland und mit Hilfe der Unternehmen, die uns unterstützen. Zur Zeit ist es noch so, dass wir national gesehen keine richtige Mannschaft haben wie beispielsweise die Schweden. Unser Team besteht nur aus Leuten, die schon vor ihrer Behinderung Golf gespielt haben. Wir hoffen, dass der Deutsche Golf Verband uns ein kleines Budget für 2002 zur Verfügung stellt.

Outrun: Du hast vorhin die Leistung des blinden Spielers Ivars Weide angesprochen. Wie kann ein Blinder Golf spielen, kannst Du das mal kurz beschreiben?

Anthony: Man spielt grundsätzlich sowieso am besten, wenn man den Ball nicht anschaut. Entscheidend sind ein starker Gleichgewichtssinn und das Ballgefühl. Der Caddy richtet den Spieler vor dem Abschlag aus. Und das kurze Spiel ist sowieso das schwierigste. Hier wird vom Spieler die Distanz zwischen Ball und Loch abgelaufen.

Outrun: Anthony, Du als Profi: Welche Tipps würdest Du uns geben, worauf es beim Golfen ankommt?

Anthony: Man braucht als erstes viel Geduld. Dann ist der Griff wichtig, also wie man den Schläger richtig hält. Das ist aber vollkommen individuell, deswegen sollte man immer mit Trainer anfangen zu lernen. Das wichtigste aber ist der Rhythmus, um sein Gleichgewicht zu halten. 90 Prozent ist Rhythmus. Man denke an einen Seiltänzer, der ganz ohne Kraft eine Stange. Liegt die Stange nicht exakt in der Mitte, muss er hierfür Kraft einsetzen und gerät aus dem Gleichgewicht. Beim Golfen gibt es den Spruch: „Ohne Balance keine Chance“.

 Das Gespräch führte Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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