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Paralympics 2000 Sydney

„Welcome athletes, welcome world“

Mit den Worten „welcome Athletes, welcome world“ löst Robert Steadward, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), am Abend des 18. Oktober 2000 einen kollektiven Jubelschrei aus. Das Stadium Australia ist ausverkauft. 110.000 Zuschauer verfolgen von den Tribünen aus das Geschehen. Sie halten winzige Taschenlampen in den Händen und verzaubern das Stadion in ein Meer von funkelnden Lichtern. Riesige Engel und überdimensionale Fische gleiten durch die nebelige Luft, hunderte von Kindern bemalen den Boden des Stadions mit bunten Mustern. Dann marschieren sie ein, die 4.032 Athletinnen und Athleten sowie Betreuer und Offiziellen, nacheinander alle Nationen. Algeria, Angola, Argentinia, …123 an der Zahl. Die Australierin Louise Sauvage nimmt die paralympische Fackel entgegen und entzündet das Feuer. Die Paralympischen Spiele Sydney 2000 sind eröffnet.

Im Olympia-Park Homebush Bay herrscht Volksfeststimmung. Durchschnittlich 90.000 Menschen tummeln sich täglich auf dem riesigen Olympiagelände. Kinder in Schuluniformen halten sich an den Händen und laufen, kleine Fahnen schwenkend, hinter ihren Lehrern her. Familien picknicken auf den großen Rasenflächen vor dem Stadion. Australier, Chinesen, Japaner, Farbige, Weiße, Behinderte und Nichtbehinderte. Eine Lautsprecherstimme verkündet: „Liebe Besucher, das Aquatic Center ist jetzt voll. Bitte haben Sie Verständnis. Im Super Dome können Sie jedoch gleich die Basketball-Begegnung Deutschland gegen Australien sehen, im Pavillon 2 beginnt um 12 Uhr…“ Ordner auf Hochleitern dirigieren die Menschenmassen mit ihren Flüstertüten in die richtigen Schlangen.

Dazwischen ist eine Handvoll deutscher Rugbyspieler an ihren National-Shirts zu erkennen. Heiko Striehl, deutscher Rollstuhl-Rugby-Nationalcoach, und seine Mannen sind umringt von Kindern, die lärmend nach Autogrammen verlangen. Bei der Aufstellung fürs Erinnerungsphoto drängen sich auch die Mütter mit ins Bild. „Ein Durchkommen ist hier ja völlig unmöglich, alle wollen Autogramme“, freut sich Striehl, sichtlich überrascht.

Im Downes Pavillon ist die Hölle los. Die Zuschauertribüne liegt im Halbdunkel. Auf der ausgeleuchteten Bühne die Hantelbank, die Schiedsrichter, und – ein Ansager, der seine Laufbahn als Animateur in einem Ferienclub begonnen haben muss. „Rada, tatatatatadaa, tatatatatadaa,…“, händeschwingend mobilisiert er die ohnehin schon elektrisierte Menge immer wieder. Aufmarsch der Gewichtheber Gewichtsklasse bis 100 Kilo. Es tobt der Bär.

FÜR JACKE UND HUT

Zwei Wochen nach Erlöschen des olympischen Feuers organisiert Australien noch einmal ein rauschendes Fest. Nicht ganz uneigennützig natürlich. Schließlich nutzt man die Chance, der Weltöffentlichkeit einmal zu zeigen, dass das Land mehr zu bieten hat als Ayers Rock, Känguruhs und Bumerangs. Dabei ist es ihnen gelungen, nicht nur die größten, sondern – so die einhellige Meinung aller Beteiligten – auch die besten Paralympischen Spiele aller Zeiten auszurichten. Die Begeisterung und Freude, das Interesse der Australier, das den Athletinnen und Athleten in Sydney entgegenschlägt, haben die meisten Sportler in ihren Heimatländern nie erlebt, und sie werden wohl noch lange auf ein zweites Mal warten müssen.

Der Organisationsaufwand für die Spiele ist gewaltig, der Ablauf nahe perfekt. Zeitverzögerungen? Nie gehört! Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch wie bei einem Gipfeltreffen. Waren es zur Olympiade bereits 50.000 Menschen, so finden sich zu den Paralympics nochmals 10.000 freiwillige Helfer aus aller Welt bereit, den Ablauf der Spiele unentgeltlich zu unterstützen. Ob als Bürokraft, Helfer im Athleten-Dorf, Dolmetscher, Wegweiser, Eisverkäufer, Koch, Küchenhilfe, Platzanweiser, Kontrolleur – überall sind die so genannten Volunteers im Einsatz. Sie sichern den reibungslosen Ablauf und haben immer ein freundliches Lächeln parat. Reisekosten und Unterkünfte müssen sie selbst bezahlen. Ihr Lohn für die jeweils dreiwöchigen Strapazen: Dabeisein, außerdem noch eine bunte Jacke und ein Hut. Da drängt sich ganz automatisch die Frage auf, ob das wohl überall möglich gewesen wäre.

Beigetragen zur breiten Akzeptanz der Paralympics im eigenen Land hat eine effiziente Öffentlichkeitsarbeit. Das beweisen nicht allein die 1.108.914 verkauften Eintrittskarten. Bereits seit Monaten unterrichten die australischen Medien über das bevorstehende Mega-Ereignis im Behindertensport. Sportlerinnen und Sportler wie etwa die Rennrollstuhlfahrerin Louise Sauvage oder die Leichtathletin Lisa Llorens werden bereits im Vorfeld zu Berühmtheiten, deren Wettkämpfe mit Spannung erwartet werden. Werbespots, etwa für die Sportart Rollstuhl-Rugby, gehen über die TV-Sender. Mehr als 320.000 Schulkinder aus ganz Australien nehmen an einem Programm zur Einbeziehung in die Paralympics teil und besuchen die Wettkämpfe. Eine tolle Idee, die zum einen volle Ränge, zum anderen quirlige Stimmung in den Hallen garantiert und außerdem den nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt hat, Berührungsängste bei den Kinds gar nicht erst aufkommen zu lassen.

MEIN BERUF? SPORTLER!

Das Stichwort dieser Paralympics heißt Professionalisierung. Einst galten die Spiele als Mekka des Amateursports. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Der Wind weht rauer. Der Profisport hält mit all seinen Vor- und Nachteilen Einzug: Auf der einen Seite bessere Ergebnisse, Sponsorengelder, bessere Trainingsbedingungen, mehr Öffentlichkeit. Auf der anderen Leistungsdruck und Dopingsünden. Die Zeiten, in denen ein Sportler in fünf verschiedenen Disziplinen die Medaillen abräumte, sind endgültig vorbei. Viele Sportler trainieren wie Profis, einige Athleten, etwa der US-Sprinter Tony Volpentest, verdienen mit dem Sport bereits ihren Lebensunterhalt.

Deutsche Trainer arbeiten auf Honorarbasis. Deutsche Sportler müssen vor, neben und nach ihren Jobs trainieren. Das dies zwar durchaus zu guten Leistungen, nicht aber zu Weltrekorden führt, belegt folgende Zahl: Fast neunzig Prozent der 27 deutschen Schwimmer erreichen ihre persönlichen Bestleistungen, dennoch reicht das nur für zwei Goldmedaillen.

Die Deutschen – und nicht nur sie – sind von der neuen Situation überrascht worden. Die Aussage Karl Quades, Chef de Mission des deutschen Teams, mutet fast an, als wäre man aus einem Dornröschenschlaf erwacht: „Wir hatten uns vorgenommen, wieder Dritter insgesamt zu werden und bestes europäisches Team. Die Ziele sind verfehlt worden. Wir zählen zu den Verlierern.“ Das Team landete auf Platz zehn in der Nationenwertung, vor sich die europäischen Mannschaften aus Großbritannien, Spanien, Frankreich und Polen. „Für uns war Sydney eine Art Weckruf“, erklärt Theodor Zühlsdorf, Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes.

OHNE MOOS NIX LOS

Zahlreiche Länder haben nach den Spielen in Atlanta begonnen, neue Wege zu beschreiten, um sich auf Sydney vorzubereiten. In Australien wurden Sponsoren wie beispielsweise die Fluglinie Qantas mobilisiert, die die heimischen Teams finanziell unterstützen. Sämtliche Athleten werden am Australien Institute of Sports in Canberra in gleicher Weise betreut wie die nichtbehinderten Sportler. In Großbritannien, wo ebenso wie in Spanien den Behindertensportlern Gelder aus einer Lotterie zufließen, arbeitet man eng mit den Spitzensportverbänden der Nichtbehinderten zusammen. Beispielsweise aussichtsreiche Bahnradfahrer sammeln ihre ersten internationalen Erfahrungen als Tandempiloten für ihre blinden Kollegen.

Welchen Weg wird der Sport in Zukunft gehen? Für Robert Steadward steht fest: „Nach Sydney ist die Welt nicht mehr die gleiche, zumindest nicht im Behindertensport. Ich glaube, dass wir mit diesen fast perfekten Spielen ein größeres Verständnis für unsere Athleten gefunden und ein neues Zeitalter begonnen haben.“ Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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