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Tischtennis

„Wie Gott in Frankreich“

Eins haben wir wieder gelernt kürzlich bei den Europameisterschaften in Frankfurt: Die Franzosen wissen nicht nur, gut zu leben, sondern auch verdammt gut Tischtennis zu spielen.

Rainer Schmidt zieht die wenigen Medien, die bei der EM vor Ort sind, auf sich. Foto: Franco Erschbaumer

Rainer Schmidt zieht die wenigen Medien, die bei der EM vor Ort sind, auf sich. Foto: Franco Erschbaumer

Schon vor Abschluss der 12-tägigen Veranstaltung zeichnete sich deutlich ab, dass Frankreich das Turnier als erfolgreichste Nation beenden würde. Bei insgesamt 36 Entscheidungen heimsten sie 13 Goldmedaillen ein, und dazu elf silberne und drei bronzene. Mit sieben Mal Gold sowie jeweils fünf Mal Silber und Bronze folgten bereits die deutschen Gastgeber.

Frankreich gegen Deutschland – Insider wissen, dass dies in Sachen Tischtennis ein Kampf der Systeme ist. Beim westlichen Nachbarn wird das Tischtennis der behinderten Spielerinnen und Spieler zentralistisch gefördert, was bedeutet, dass herausragende Spieler sich in der Tat gemeinsam zum Training einfinden und sich dementsprechend in den Phasen der Vorbereitung gegenseitig auf hohem Niveau spielerisch fordern.

Hinzu kommt, dass in Frankreich bei den Weltmeisterschaften 1998 in Paris eine Welle der Euphorie losgetreten wurde, die bis heute anhält – was sich auch in finanzieller Hinsicht für Spieler und Trainerstab positiv auswirkt.

Doch das deutsche Team kann „wirklich zufrieden sein“, findet Kai Gödecke, Cheftrainer der in den Wettkampfklassen 6 bis 10 spielenden Amputierten und Les Autres. Mit viermal Gold und zweimal Silber haben sich seine Schützlinge im Vergleich zur EM 99, wo sie dreimal Gold und dreimal Bronze holten, weiter verbessert. Das schönste daran: „Wir haben gerade ganz bewusst einen Umbruch vollzogen“, betont Gödecke. „Von den 19 Athleten, die in den Klassen 6 bis 10 an den Start gingen, waren neun vorher noch nicht bei einer EM oder überhaupt international aktiv. Und gerade was das Team 10 anbelangt, haben wir mit dem 17-Jährigen Jan Brinkmann einen sehr guten Nachwuchsathleten, den wir in den nächsten Jahren aufbauen und an die internationale Spitze heranführen möchten.“ Doch zu den Debütanten später mehr.

Dass Erfahrung nicht vor Niederlagen schützt, bewies Monika Sikora in der ersten Runde in der offenen Klasse. Sie erwischte einen klassischen Fehlstart in das Turnier, und nachdem sie ein Freilos hatte, schied sie in ihrem ersten Spiel gegen die spätere Dritte aus.

Foto: Franco Erschbaumer

Foto: Franco Erschbaumer

Danach aber zeigte sich die Bielefelderin Monika Sikora gemeinsam mit Christiane Pape (Bayreuth) wieder gewohnt von ihrer souveränen Seite. Die topgesetzten Spielerinnen, die dem DBS zuvor bereits zum fünften Male in Folge den Mannschaftstitel gesichert hatten, bestritten das Endspiel, in dem sich Pape im Schlusssatz mit 21:7 sicher behauptete. Die 40-Jährige Christiane Pape verteidigte damit ihren vor zwei Jahren in Piestany gewonnenen Titel und wurde mit zwei Gold- und einer Silbermedaille (Offene Klasse) zur erfolgreichsten Teilnehmerin in Frankfurt.

Bei den Männern gewann der einzige deutsche Paralympics-Sieger 2000 im Einzel. Jochen Wollmert, erwartungsgemäß auch den kontinentalen Titel in seiner Wettkampfklasse 7. Im Halbfinale hatte Wollmert den im Mannschaftswettbewerb unbesiegten Söflinger Thomas Kurfeß ausgeschaltet.

Bronzene Plaketten gab es für die Älteste im deutschen Aufgebot, die 58 Jahre alte Monica Bartheidel (WK 3) aus Hamburg, den Berliner Jan Gürtler (WK 3) sowie den Bayreuther Dietmar Kober in der WK 4. Für vier deutsche Sportler erfüllte sich dagegen die Hoffnung auf eine Medaille denkbar knapp nicht: Grit Nollau (Oschatz/WK 6-7), Annekathrin Lüdemann (Husum/WK 8), Walter Kilger (Plattling/WK 1) und Thomas Kurfeß (Söflingen/WK 7), der fünffache Olympiasieger, wurden Vierte.

Eine leichte Enttäuschung rief das Ausscheiden des Plattlingers Otto Vilsmaier in der WK 2 hervor, der in der Runde der besten Acht dem Slowaken Jan Riapos in drei Sätzen unterlag.

Doch zurück zu zwei Debütanten, genauer zum 23-Jährigen Holger Nikelis (Köln) und Dieter Meyer (Bad Orb). Den beiden war es gelungen, sich auf Anhieb in ihren Wettkampfklassen ganz vorne zu etablieren. Und wenn wir ganz vorne sagen, meinen wir auch ganz vorne.

Während mit dem Erfolg des jungen Rheinländers nach seinem Gewinn des Titels Deutscher Meister zumindest intern geliebäugelt wurde, sorgte der 31-Jährige Meyer, der erst in diesem Jahr als zweiter der nationalen Meisterschaften auf sich aufmerksam gemacht hatte, für eine riesige Überraschung. Auf seinem Weg zu Gold schaltete er gleich zwei Paralympicssieger von Sydney aus: im Viertelfinale den Münchner Daniel Arnold und im Endspiel den zu den erfolgreichsten Akteuren im internationalen Behindertensport gehörenden Rainer Schmidt.

Während des Endspiels waren die Fernsehkameras noch die meiste Zeit auf den Pfarrer Schmidt gerichtet, doch der hatte gegen den Newcomer, der eigentlich keiner ist, nichts zu bestellen. Meyer holte den Titel, wobei er sich in dem gesamten Turnier keinen einzigen Satzverlust leistete. „Da gehört schon einiges dazu“, meint auch Kai Gödecke, der seit Neustem sein Bundestrainer ist.

Foto: Franco Erschbaumer

Foto: Franco Erschbaumer

Meyer wurde zwar erst dieses Jahr für den Behindertensport entdeckt, kann aber ausgiebige Ligaerfahrung bei den sogenannten Nichtbehinderten aufweisen. Zum Tischtennis ist er über das eingeschränkte Angebot im Sportverein seiner Gemeinde und über seine Familie gekommen. „Die ist tischtennis-verrückt“, gibt er zu. Lustig auch die Geschichte, wie Rainer Schmidt zum Tischtennis gekommen ist: „Ich bin als Junge mit meiner Familie in ein Kaff nach Österreich in den Urlaub gefahren. Und da gab es nichts anderes als eine Tischtennisplatte.“ Eine Zeitlang sah er dem Treiben der anderen zu, aber bald hat er es selber ausprobiert. Nach den Weltmeisterschaften im kommenden Jahr in Taiwan will der sympathische Athlet seine internationale Karriere beenden.

„Was die Klasse 6 anbelangt, haben wir zur Zeit alle internationalen Mannschaftstitel, die es gibt“, erklärt Gödecke. „Wir sind Weltmeister, Europameister und Paralympicssieger. Wer sich bei uns im eigenen Land schon gut durchspielt, der wird international in der Regel auch vorne mitspielen können.“ Für ihn kam der Titelerfolg von Dieter Meyer also doch nicht ohne Vorwarnung, denn „er hat bei den Deutschen Einzelmeisterschaften Rainer Schmidt im Viertelfinale besiegt, und im Endspiel knapp in drei Sätzen gegen Daniel Arnold verloren. Da wussten wir schon, das ist ein Guter.“

Für eine weitere Überraschung sorgte Thorsten Schwinn, der in der offenen Wettkampfklasse 8 bester deutscher Starter wurde. Mit der Mannschaft holte er in der Wettkampfklasse 8 hinter den Franzosen die Silbermedaille. Für die Zuschauer, die es in der Eissporthalle leider nicht gab, doch auch dazu später mehr, wäre seine Spielweise ein besonderer Augenschmaus gewesen. Schwinn ist einseitig beinamputiert, hat sich aber beim Spiel nie an eine Prothese gewöhnen können. Daher stützt sich der 24-Jährige Akteur der VSG Friedberg mit einer Krücke ab. Bemerkenswert ist bereits seine Aufgabe, bei der Schwinn mit der linken Hand den Ball hochwirft, um gleich darauf mit dieser nach der Gehhilfe zu greifen, die er im Ruhezustand unter den Oberschenkelansatz klemmt.

Was er bei längeren Ballwechseln mit seiner Gehhilfe anstellt, grenzt an Akrobatik. Zwei Jahre habe es gedauert, bis er diese spezielle Technik drauf hatte. Bei den Paralympics in Sydney war er wegen seiner Spielweise nicht am Start, weil es das Reglement nicht vorsah, ohne Prothese, aber mit Krücke zu agieren. Dieser Passus wurde nun geändert. Jetzt heißt das nächste große Ziel des 24-Jährigen Athen.

Ebenfalls zu den herausragenden Spielern der Tage zählte der Gewinner der offenen Klasse und der Männer 9, der seit 1980 für Österreich spielende Stanislaus Fracyk, der Mitte der Siebziger Jahre noch dreimal in Folge den nationalen Titel im Männer-Einzel gewann und sein Land ein Dutzend Jahre international vertreten hatte – als Unterschenkelamputierter.

Die Veranstaltung wurde von den Spielern allgemein gelobt. Trainingsmöglichkeiten zwischen den Spielen, Unterbringung und Verpflegung, da gab es wohl nichts zu meckern. Es wurde den Veranstaltern auch zugute gehalten, dass sie kurzfristig aufgrund eines erhöhten Grundwasserspiegels die Europameisterschaften von der Frankfurter Ballsporthalle in die Eissporthalle verlegen mussten.

Allerdings müssen sich die Verantwortlichen wohl die Frage gefallen lassen, ob sie denn im Vorfeld in punkto Öffentlichkeitsarbeit alles versucht haben. Auch regional ist da nicht viel passiert. Jeder, der im Behindertensport tätig ist, weiß, dass es nicht einfach ist, Zuschauer für ein Event zu interessieren. Doch haben gerade erst die Paralympics in Sydney gezeigt, dass neue Konzepte mitunter zu erstaunlichen Resultaten führen können. Bei der ersten Europameisterschaft im eigenen Lande nach Sydney hätte man mit mehr Ernsthaftigkeit versuchen können, anzuknüpfen. „Ich habe mich bei der Eröffnungsfeier geschämt“, meinte ein österreichischer Teilnehmer, der sich über die leeren Ränge geärgert hatte. Und hochmotivierte Helfer fühlten sich gegen Ende der Meisterschaft mit ihrem Improvisationstalent allein gelassen.

„In einigen Bereichen hätte man manches anders machen können“, hält DBS-Vizepräsident Dr. Karl Quade dagegen, „da fehlte es uns aber an Alternativen und der nötigen Manpower.“ Franco Erschbaumer; Mitarbeit: Winfried Prondzinski

Medaillenspiegel: 1. Frankreich 13 Gold/11 Silber/ 3 Bronze; 2. Deutschland 7/5/5; 3. Tschechien 4/2/5; 4. Spanien 3/-/2; 5. Polen 2/4/3; 6. Österreich 2/1/2; 7. Russland 1/3/-; 8. Slowenien 1/3/-; 9. Jugoslawien 1/1/-; 10. Norwegen 1/-/1; 11. Belgien 1/-/-; 12. Großbritannien -/2/1; 13. Italien -/1/2; 14. Niederlande -/1/1; 15. Ungarn -/1/-; 15. Schweiz -/1/-; 16. Schweden -/-/4; 17. Finnland -/-/3; 17. Israel -/-/3; 18. Slowakei -/-/1

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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