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Aus dem Outrun-Archiv

42 km – Seite an Seite mit Zweibeinern

Im Juli 2007 war es zwei Jahre her, dass ich die Sportart Nordic Walking für mich als Beinamputierte kennen und lieben gelernt hatte. Ich hatte mit Freude und fleißig trainiert und mir ein Ziel gesteckt: Beim Fichtelgebirgs-Marathon in Gefrees im Norden Bayerns wollte ich den Halbmarathon Seite an Seite mit Zweibeinern bestreiten. Tatsächlich kam ich ins Ziel. Tage später erschien in der örtlichen Presse ein Artikel über meinen sportlichen Erfolg. Viele Menschen sprachen mich darauf an und drückten mir ihre Bewunderung aus. Da nahm ein Gedanke in mir Gestalt an: 2008 will ich in Gefrees den kompletten Marathon (42,19 km) laufen, um zu zeigen, dass Menschen mit Handicap viel mehr aus sich herausholen und machen können, als sie und andere glauben.

Ein Erlebnisbericht von Asha Noppeney

Asha Noppeney, hier bereits glücklich im Ziel. Foto: Achim Reinhold

Asha Noppeney, hier bereits glücklich im Ziel. Foto: Achim Reinhold

Mein Mann brachte mich dann auf die Idee, Sponsoren für jeden Kilometer zu suchen und das Geld den Kindern des Friedensdorf International e.V. zu spenden. Diese Kinder erleiden ein ähnliches Schicksal wie ich als Kind in Uganda, als ich im Alter von 7 Jahren in Folge eines banalen Unfalls und anschließenden Behandlungsfehlers meinen rechten Unterschenkel verlor. Ich begann mit dem Training.

Km 0: Wir starten in der Nacht
Gefrees-Kornbach, 5. Juli 2008, 24 Uhr, Temperatur: 6 Grad. Ich stehe neben meinem Mann Herbert, der mich auch als Mediziner betreut, am Start. An meinem T-Shirt steckt die Startnummer 7. Johannes Herold, ein Skilangläufer vom SC Gefrees, begleitet uns. Die anderen 790 angemeldeten Läufer werden erst am Vormittag auf die Strecke gehen. Wir starten in der Nacht, um gemeinsam mit den anderen ins Ziel zu kommen. Cheforganisator Reinhold Zeitler drückt auf die Startuhr. Etwa 10 Leute sind gekommen, um unseren Start zu bejubeln.

Asha auf der Strecke. Foto: Achim Reinhold

Asha auf der Strecke. Foto: Achim Reinhold

Wir sind ausgerüstet mit Stirnlampen. In einem Rucksack hat Herbert Wasser, mehrere Energiedrinks, Bananen und getrocknete Feigen sowie Wechselkleidung und Vebandszeug verstaut. Wir haben kaum geschlafen, aber die ersten Kilometer laufen unsere Beine wie von selbst.

Km 6,5: Der Leki-Berg wird zur ersten Prüfung
Die Sterne und die Stirnlampen beleuchten unseren Weg, der über Wiesen, Feldwege und durch Wald führt. Es ist einsam und kühl. Wir kommen gut voran. Johannes erzählt und erzählt. Der Leki-Berg liegt vor uns. Seine Steigung beträgt 16 Prozent, der Höhenunterschied 250 Meter. Wir kennen den Berg nicht, letztes Jahr war er nicht da. Die zweibeinigen Läufer hatten sich eine anspruchsvollere Strecke gewünscht. Der Leki-Berg wird zur ersten Prüfung für mich. Mit meiner Beinprothese fehlt mir die Leichtfüßigkeit der anderen Sportler.

KM 8: Eine Banane gibt mir Kraft
Wir haben den Leki-Berg gut überwunden. Johannes hat sich gewundert, wie schnell ich war. Ich will fix weiter, fühle mich gut. Eine Banane gibt mir Kraft. Alle 45 Minuten stoppen wir für ein Getränk – für Wasser oder einen Vitaminsaft.

KM 12: 848 Meter über dem Meeresspiegel
Wir haben den höchsten Punkt der Strecke erreicht: Die Hohe Haide, 848 m über dem Meeresspiegel und mein erstes, wichtiges Etappenziel. Ich liebe diesen Ort! Seine Energie springt auf mich über, ich könnte Bäume ausreißen. Bisher haben wir 500 Höhenmeter überwunden. Am Berg gegenüber leuchten die Lichter Bischofsgrüns ins Dunkel.

Km 15: ein enger Pfad voller Wurzeln
Seit der Hohen Haide geht es bergab. Die Strecke ist trotzdem anspruchsvoll, ein enger Pfad voller Wurzeln. Am Soldatenfriedhof zieht Herbert an der Glocke – ein Gruß an die Toten. Schnell weiter, der letzte Anstieg liegt vor uns. Die Sonne geht auf.

KM 18: Asha, du darfst dich nicht verletzen
Die Wiese, die wir hinter uns haben, hatte es in sich. Ich kämpfe mich über Erde und Steine. Die Sonne sticht, obwohl es noch früh ist. Wir freuen uns auf die Halbzeit. Noch etwa drei Kilometer bis zum Ziel und dann geht alles wieder von vorne los. Doch die letzten drei Kilometer sind eine Qual für mich. Es geht zwar bergab, aber zahlreiche Steine und Erdklumpen sind eine Gefahr für mich. Ich sage mir immer wieder: Asha, du darfst dich nicht verletzen! Langsam und vorsichtig gehe ich Schritt für Schritt.

KM 21: Die Menschen winken mir zu
Gefrees-Kornbach, 6 Uhr 10, 14 Grad. Viele Menschen wuseln beim Start- und Zielpunkt herum. Sie winken mir zu. Ich trinke kalten Kaffee und begebe mich sofort wieder auf die Strecke, will keine Zeit verlieren. Kurz darauf muss ich den durchgeschwitzten Strumpf wechseln, der meinen Stumpf schützt. Die Prothese funktioniert einwandfrei.

Km 27: Es gibt Wasser und Melonen

Die Sonne knallt auf uns herab. Am Fuß des Leki-Berges stoppen wir kurz bei einer Verpflegungsstation, die jetzt geöffnet hat. Es gibt Wasser und Melonen. Wir stärken uns für die große Herausforderung des steilen Berges.

KM 29: Ich entdecke einen Riss in meinem Strumpf
Wenn die Kinder nicht gewesen wären! Zehn Kids in blauen T-Shirs sitzen ganz oben auf dem Leki-Berg, skandieren meinen Namen und halten Transparente mit Durchhalteparolen in die Höhe. Sie motivieren mich, die schlimme Steigung zu bezwingen. Oben entdecke ich einen Riss in meinem Stumpf. Herbert klebt ein dickes, weiches Pflaster drauf. Zum Glück fühle ich keinen Schmerz.

KM 33: Hannes ist noch skeptisch
Wir haben ein zweites Mal die Hohe Haide erklommen. „Jetzt habe ich es geschafft“, sage ich zu Johannes. Er ist skeptisch. Mein Stumpf macht mir zu schaffen, erst vor zwei Wochen hatte ich einen Wunde, die sich jetzt wieder regt. Ich verdränge die Schmerzen. Herbert pflastert, klebt und streicht die Wunde mit Vaseline ein.

Km 36: Meine Konzentration ist gestört
Der schwere Abstieg zum Friedhof. Ich werde langsamer. Es ist eng. Viele andere Läufer, die am Vormittag gestartet sind, überholen mich. Fast jeder spricht oder feuert mich an. Sie meinen es gut, aber es nervt, weil es meine Konzentration stört. Ich bleibe freundlich. Die Strecke erscheint mir jetzt viel anspruchsvoller als in der Nacht. Am Ende des Abstiegs wechseln wir die Pflaster, ich blute. Mein Mann gibt sein Bestes.

Km 40: Ein Abschnitt voller Stolpersteine
Das Ziel ist so nah! Doch dieser furchtbare Abschnitt voller Stolpersteine liegt noch vor mir. 500 Meter, die mich viel Kraft kosten. Ich schaffe es auch dieses Mal ohne zu stolpern oder zu stürzen.

Als Asha die Ziellinie überschreitet, hat sie Tränen der Freude in den Augen. Foto: Achim Reinhold

Als Asha die Ziellinie überschreitet, hat sie Tränen der Freude in den Augen. Foto: Achim Reinhold

KM 41: Info per Walkie-Talkie

Eine wichtige Information erreicht uns per Walkie-Talkie: Meine Schirmherrin, die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Anita Knochner, ist im Ziel eingetroffen. Ich ziehe schnell ein neues T-Shirt und einen frischen Rock an. „Du wirst gleich das Ziel sehen und viele Menschen, die auf dich warten“, hatte mir der Moderator am Funkgerät versprochen. Es stimmt: Nach wenigen Metern erkenne ich den Schriftzug „Ziel“, das große Zelt und ein Spalier von Zuschauern. Wie beflügelt laufe ich weiter. Herbert und Johannes, meine treuen Begleiter, lassen sich einige Meter zurückfallen. Ich höre wie durch Watte aus den Lautsprechern die Worte des Moderators, der mich hoch leben lässt.

KM 42,19: Weinend überschreite ich die Ziellinie

Das hat sie sich verdient. Foto: Achim Reinhold

Das hat sie sich verdient. Foto: Achim Reinhold

Gefrees-Kornbach, 13 Uhr 42, 20 Grad. Wer bin ich? Ich überschreite zitternd und weinend unter Jubel die Ziellinie. Ich kann kaum etwas wahrnehmen, schüttle fast blind Hände. Ich habe es geschafft! Der Moderator geleitet mich ins Zelt hinein. Dort sitzt niemand mehr, alle applaudieren und rufen. Gilt das wirklich mir? Anita Knochner, meine Schirmherrin, wartet mit Blumen auf mich. Ich erkenne sie sofort, obwohl ich sie noch nie gesehen habe: Sie sitzt in einem Rollstuhl. Ich falle ihr in die Arme. Auch sie ist bewegt. Alle Zuschauer im Zelt hören ihren Worten zu und als ich wieder klar denken kann, ergreife ich das Mikrofon und bedanke mich: Bei den Organisatoren, meinem Mann, Johannes, Frau Knochner, allen, die mich unterstützt haben und den Sponsoren. Denn für die Kinder des Friedensdorf International sind fast 4000 Euro zusammen gekommen. Asha Noppeney/ Anja Bischof

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