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Weltrekord: 1002 Kilometer nonstop

„Am Limit, aber glücklich ohne Ende“

Rollstuhlfahrer und Extremsportler Manfred Putz ist seit der Nacht zum Sonntag (22. September 2013) auch Weltrekordhalter: 1002 Kilometer ist er seit dem Start am Freitag um 10 Uhr im Handbike gefahren, unterbrochen nur von zwei einstündigen Verpflegungspausen. Um diese schwer fassbare Leistung etwas greifbarer zu machen, stelle man sich einfach vor, dass die Marathondistanz mit 42,195 Kilometern als Langstrecke gilt. 1002 Kilometer entsprechen rund 24 Marathon-Entfernungen hintereinander. Gefahren ist er die Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 24 km/h.

Am Limit, aber glücklich ohne Ende: Manfred Putz. Foto: Stefan J. Pflanzl

Am Limit, aber glücklich ohne Ende: Manfred Putz. Foto: Stefan J. Pflanzl

42 Stunden lang im Handbike, bei Tag und bei Nacht, auf einem 98 Kilometer langen Rundkurs am Neckar. Ein wenig Abwechslung verschaffte die Fangemeinde, die den Weltrekord online per Facebook begleitete. „Immer wieder wurden mir eure Postings mitgeteilt, die mir geholfen haben, das Ziel zu erreichen. Gemeinsam im Team haben wir es geschafft, die Botschaft raus zu tragen“, dankte „Mandi“, wie er in der Szene gerufen wird, für die Unterstützung.

Neben der Anfeuerung aus dem Internet halfen vor Ort Frank Wierth aus Neckargmünd und einige Fahrer aus dem Ottobock Handbike Team. Tobias Knecht und Olaf Heine am Freitag, Ralf Weisang in der Nacht zum Sonnabend, Torsten Purschke nach rund 700 Kilometern sowie Frank Wierth und noch einmal Tobias Knecht bis zum Ziel leisteten Putz zumindest auf einigen der 98-Kilometer-Runden Gesellschaft. Michael Biermann kümmerte sich um das Organisatorische, zum Beispiel die digitale-Kommunikation oder die Betreuung von Fotograf und Kameramann.

Fahren durch die Nacht. Foto: Stefan J. Pflanzl

Fahren durch die Nacht. Foto: Stefan J. Pflanzl

Der Start erfolgte bei der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach, wo sich das Ottobock Handbike Team sehr gut auskennt. Jeweils zwei Wochen im Jahr bieten die Fahrer in dieser Einrichtung für Querschnittsgelähmte Sportkurse an, um auf die Möglichkeiten von Mobilität trotz Behinderung aufmerksam zu machen. „Es müssen ja nicht gleich 1000 Kilometer sein“, sagt Michael Biermann. „Auch die ersten zehn vergisst man nie mehr.“

Putz ging es zum einen um Selbsterfahrung im Grenzbereich, Extremsport eben. Er wollte ins Guinness-Buch der Rekorde und dazu die alte Bestmarke deutlich übertreffen, die Jens Hoffmann im August 2012 auf 700 Kilometer geschraubt hatte. Aber ebenso wollte er Aufmerksamkeit für seine Botschaft wecken: „Alles ist möglich, man muss es nur tun!“ Auch Mutmachen war ein Ziel des Weltrekord-Projekts.

Das Begleitfahrzeug schirmt Manfred von hinten ab. Foto: Stefan J. Pflanzl

Das Begleitfahrzeug schirmt Manfred von hinten ab. Foto: Stefan J. Pflanzl

Manfred Putz ist seit einem Verkehrsunfall 1996 querschnittsgelähmt. Als Leistungssportler hat der 43-Jährige seitdem viel erreicht. Im Einzelzeitfahren wurde der Handbiker 2006 Europa- und 2007 Weltmeister. Dem Weltcup-Gesamtsieg folgte bei den Paralympics in Peking 2008 ein vierter Platz. Über all die Jahre sammelte er 15 Titel als Österreichischer Staatsmeister. Was ihn antreibt, hat er einmal so beschrieben: „Wenn ich im Handbike sitze, vergesse ich meine Schmerzen, ich tauche in eine andere Welt ein, eine Welt voller Freiheit und Genuss und Leidenschaft.“

Auf den Weltrekord hat er sich lange vorbereitet, unter anderem mit einem Trainingslager in Südafrika, als hierzulande noch der Winter planmäßigem Straßentraining entgegenstand. Phasenweise schmerzten nun bei der Rekordfahrt trotzdem mal die Hände, mal die Oberarme. Ganz anders gelagerte Probleme bescherten der Regen am Freitagmorgen, eine Reifenpanne und mitten in der Nacht der Ausfall der Handbike-Beleuchtung, die sich glücklicherweise schnell reparieren ließ. „Ich steige erst ab, wenn ich die 1000 Kilometer habe, ihr müsstet mich schon vom Bike prügeln“, ließ der Fahrer die Facebook-Community an seinem Kampfgeist teilhaben.

Das Ziel erreichte er „körperlich absolut am Limit, aber glücklich ohne Ende“. Und das nächste Projekt? Manfred Putz: „Für 2014 ist der 24-Stunden-Weltrekord angedacht. Und im Ultrahandbiketeam gemeinsam mit Thomas Frühwirth denken wir gerade über das Race Across America nach ….“ – Das wären dann 4800 Kilometer von der West- zur Ostküste.

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