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Stefan Utz

„Wir wollen den Schwung mitnehmen“

Mit dem Gewinn des WM-Titels 2010 im italienischen Sabbiadoro übertrafen die deutschen  E-Hockey-Spieler alle Erwartungen, insbesondere ihre eigenen. Outrun sprach mit Stefan Utz über die WM, und wie es danach weitergehen soll.

Stefan Utz ganz oben. Foto: Mirco Albrigo

Outrun: Stefan, wie hast Du die Weltmeisterschaften in Italien erlebt?

Stefan Utz: Es waren meine zweiten Weltmeisterschaften. Die erste WM fand in Helsinki in Finnland 2004 statt. Ich muss feststellen, dass die Strukturen um den E-Hockeysport immer professioneller werden. Es war ein wunderbares Erlebnis. Einfach großartig!

Outrun: Weltmeister zu werden bedeutete insbesondere, an den Niederländern vorbei kommen zu müssen, die bis dato noch nie ein Länderspiel verloren hatten. Du hast selbst von einem Wunder gesprochen. Wie kam es dazu?

Stefan Utz: Das ist richtig. Die Niederländer haben noch nie ein Spiel bei Welt- und Europameisterschaften verloren. Wir Deutsche haben es zum ersten Mal geschafft. Wir galten natürlich nicht als Favorit im Endspiel. Selbst die Italiener und auch noch die Finnen galten als Geheimfavorit auf den WM-Titel. Wir haben uns aber sehr professionell auf die WM vorbereitet. Die deutsche Nationalmannschaft hat sich sechs Mal im Jahre 2010 zu Trainingslehrgängen getroffen. Ein Trainingslehrgang ging über das ganze Wochenende. Wir haben super trainiert und taktisch wurden wir hervorragend vom Trainer eingestellt. Aber auch die Stimmung im Team war von Anfang an super. Das alles Zusammen war der Schlüssel des Erfolgs.

Outrun: Was zeichnet das Spiel der Niederländer aus? Und was hat die deutsche Mannschaft diesmal besser gemacht?

Stefan Utz: Das Spiel der Niederländer zeichnet die Passgenauigkeit und das flüssige Kombinationsspiel aus. Wir haben hinten in der Abwehr sehr gut gestanden aber auch frühzeitig mit zwei offensiven Spielern die Niederländer gestört, damit sie nicht zu ihrem sicheren Kombinationsspiel gekommen sind. Außerdem haben wir versucht, ihren Goalgetter aus dem Spiel herauszunehmen. Das alles ist uns sehr gut gelungen. Aber noch erfreulicher war, dass wir auch spielerisch zu überzeugen wussten. Wir waren die spielstärkere Mannschaft im Finale. Das wurde uns von allen Seiten bestätigt.

 Outrun: War der Finalsieg ein positiver Ausrutscher, oder ist nun in Deutschland ein neues E-Hockey-Zeitalter angebrochen?

Stefan Utz: Wir wollen natürlich den Schwung von der gewonnenen Weltmeisterschaft nach Deutschland mitnehmen. Das gibt uns sicherlich Auftrieb für den E-Hockeysport. Wir wollen mit unseren Sport und der gewonnenen Weltmeisterschaft in die Öffentlichkeit gehen und zeigen, dass auch schwer behinderte Menschen tollen Sport zeigen können und Höchstleistung bringen. Wir dürfen aber unseren Nachwuchs nicht vernachlässigen und uns vom WM-Erfolg nicht blenden lassen. Die Basisarbeit in den Vereinen ist ganz wichtig. Das ist unser Fundament, um weiterhin in der Weltspitze eine gute Rolle spielen zu können.

Outrun: Im Vergleich zu vielen anderen B-Sportarten verfügt das E-Hockey über gefestigte Organisationsstrukturen. Hapert es noch irgendwo im alltäglichen Trainings- und Spielbetrieb?

Stefan Utz: Es ist richtig, dass wir gerade in den letzten Jahren viel für die Struktur im E-Hockey geleistet haben. Wir sind im Deutschen Behindertensportverband, was der Dachverband darstellt und im Deutschen Rollstuhlsportverband eingebettet. Es gibt den Fachbereich E-Rollstuhlsport im Deutschen Rollstuhlsportverband, der für das E-Hockey zuständig ist. Wir haben verschiedene Ausschüsse gegründet, wo jeder seinen Bereich abdeckt, was den Spielbetrieb im E-Hockey sichern soll. Was sich aber für unsere Sportler immer wieder als großes Problem darstellt, sind die Fahrten zum alltäglichen Training und natürlich auch dann zu den Spieltagen oder auch zu den nationalen-und internationalen Turnieren. Wir sind auf Spezialfahrzeuge angewiesen, wegen unserer Elektro-Rollstühle. Diese Fahrzeuge sind sehr kostspielig. Das nötige Personal für die Begleitung unserer Spieler ist auch ein ständiges Thema. Wir brauchen viele engagierte Menschen, die uns bei unserem Sport begleiten, damit die Spieler zum Training und den Spieltagen kommen können. Ich bin sehr dankbar, wenn sich Leute melden, die uns dabei unterstützen möchten. Sie können sich gerne bei mir melden.

Outrun: Welchen Stellenwert hat E-Hockey im Allgemeinen hierzulande unter E-Rollstuhl-Fahrern?

Stefan Utz: Das E-Hockey hat für die E-Rollstuhlfahrer einen ganz großen Stellenwert. Ich erlebe es immer wieder selbst in meiner Arbeit, wie wichtig der E-Hockeysport für die Sportler ist. Durch den Sport wächst zugleich das Selbstbewusstsein und auch die Selbstständigkeit der Sportler. Es gibt ihnen Halt und eine feste Struktur in ihrem Leben. Sie trauen sich mehr zu und lernen ihre Stärken kennen, von denen sie vorher nichts gewusst haben. Außerdem kommen sie mit Leuten zusammen, mit denen man sich austauschen kann und man reist gemeinsam um die Welt. Eine wunderbare Geschichte für alle Sportler. Ich selbst habe schon von einigen Spielern gehört, dass sie ihren Wohnort aussuchen, wo sie auch E-Hockey spielen können. Daran sieht man, dass das E-Hockey den E-Rollstuhlfahrern sehr viel bedeutet. Ich kann nur jedem E-Rollstuhlfahrer empfehlen, beim E-Hockey-Training vorbeizuschauen. Fast alle E-Rollstuhlfahrer sind dann auch ins E-Hockey eingestiegen.

Outrun: Worauf sollte der interessierte Laie sein Augenmerk richten, wenn er sich – vielleicht zum ersten Mal – ein E-Hockey-Spiel ansieht?

Stefan Utz: Natürlich auf den tollen Sport! Die E-Rollstühle sind mittlerweile auf den höchsten Stand der Technik für den E-Hockeysport entwickelt worden. Das ist auch faszinierend für den Laien, und auch die taktischen Verhaltensweisen der Teams, sind absolut zu erkennen. In unserem Sport gibt es sehr viel unterschiedliche Behinderungsbilder unter den Spielern. Manche fahren mit ihren Atemgerät auf dem Spielfeld herum. Andere können den Schläger nicht mehr selbst in der Hand halten und doch können sie bei uns mitspielen. Der Schläger, der so genannte T-Stick, wird am Rollstuhl fixiert. Damit aber ein gleiches Niveau herrscht, spielen wir nach einer Klassifizierung. Hier bekommen alle Spieler eine Punktzahl zwischen 0,5 bis 5 Punkten. Je stärker jemand körperlich ist, desto größer ist seine Punktzahl. Die Gesamtpunktzahl des Teams darf aber nicht über 11 Punkte betragen. Was aber für den Laien auch schnell zu erkennen ist: Dass es Sportler sind, wie jeder andere nicht behinderte Sportler, die gewinnen wollen und dafür alles geben.

Outrun: Um nochmal auf Italien zurück zu kommen. Ist dort Barrierefreiheit ein Thema? Wie hast Du das dort empfunden?

Stefan Utz: Ich denke unter uns behinderten Menschen ist Barrierefreiheit immer ein Thema, egal wo du herkommst, ob Italien, USA oder Deutschland. Wenn auf unserem Planeten eine grundsätzliche Barrierefreiheit vorgenommen wird, dann fühlt man sich als Betroffener nicht wirklich behindert. Was uns behindert, sind die Barrieren die man leider immer wieder vorfindet. Auch in den Köpfen der Menschen muss dafür ein Bewusstsein geschaffen werden. Nur dann können wir unsere Umgebung barrierefrei gestalten. Mein Eindruck ist, dass man in Italien pragmatischer an das Thema ran geht. Hier versucht man vor Ort, die Sachen anzupacken. Kleine Veränderungen an den Zugängen und Gebäuden werden vorgenommen und müssen nicht über tausend Behörden laufen. Ich habe die Italiener als sehr gastfreundlich wahrgenommen und das hilft auch sehr Barrieren abzubauen und sich in einem Land wie Italien wohl zu fühlen.

Outrun: Welche Rolle spielen die USA, Großbritannien oder beispielsweise China im E-Hockey-Sport, die ja ansonsten große B-Sport-Nationen sind. Oder anders gefragt. Warum waren die bei der WM nicht dabei?

Stefan Utz: In den USA und Kanada sind die Spielregeln im E-Hockey leider anders als hier in Europa. Das internationale Komitee im E-Hockeysport ist gerade dabei mit den beiden Ländern eine Angleichung zum europäischen E-Hockey zu finden. Das ist für unseren Sport ein ganz wichtiger Punkt, was die Zugehörigkeit für die Paralympics betrifft. Wir benötigen noch mehr Länder aus den anderen Kontinenten wie Nord- und Südamerika und Asien. Im Land Australien haben wir es schon geschafft. Hier wird der gleiche E-Hockeysport gespielt wie in Europa. Wir sind aber guter Dinge, dass bei der nächsten WM auch die Amerikaner und Kanadier teilnehmen.

Das Interview führte Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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