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EM Schwimmen

Die Abräumer

Professionalität siegt: Die Europameisterschaften im Schwimmen in Braunschweig haben in puncto Organisation für vergleichbare Events neue Maßstäbe gesetzt. Maß aller Dinge in sportlicher Hinsicht war das Team aus Großbritannien. Der haushohe Favorit von der Insel schleppte allein 63 Goldmedaillen ab. Professionelle Vorbereitung ist auch hier eben alles.

Vor dem Start. Foto: Franco Erschbaumer

Die britische Nationalhymne war beinahe schon so etwas wie der inoffizielle Song zur Schwimm-EM. Kein Musikstück, das an den sechs Veranstaltungstagen häufiger eingespielt wurde. Immer, wenn ein englisches Teammitglied das Siegertreppchen bestiegen hatte, schallte die Melodie aus den Lautsprechern im Heidelberger Sportbad. Und das kam ziemlich oft vor: Insgesamt holten die Briten in den exakt 200 Wettbewerben weit über 100 Medaillen (63 Gold – 32 Silber – 24 Bronze). Dahinter rangierten in der Teamwertung weit abgeschlagen die Mannschaften aus Spanien (29-32-26), Polen (16-12-22) und Frankreich (15-18-11). Die Deutschen belegten den fünften Rang mit elfmal Gold, 17mal Silber und 13mal Bronze. Die Rekordbilanz lautet auf 45 Welt-, zusätzlich 29 Europa- und 25 Deutsche Rekorde.

Cheftrainer Dr. Johannes Bruns hatte allen Grund, mit den persönlichen Leistungen seiner Schützlinge zufrieden zu sein. Herausragend die ersten Plätze von Annke Conradi über 50 Meter (1:17,15 Minuten) und 200 Meter Freistil (4:45,57), Maria Götze über 200 Meter Lagen (3:34,00), Daniela Pohl (100 Meter Freistil in 1:19,31), Stefanie Pütz (400 Meter Freistil in 5:14,97) und Swen Michaelis (1:23,54).

Sogar zu einer der erfolgreichsten Teilnehmerinnen überhaupt bei dieser EM avancierte die Münchnerin Claudia Hengst, die insgesamt sage und schreibe fünf Titel einheimste. Gold mit der Staffel gab es ebenfalls im 4 mal 100 Meter-Wettbewerb in der Besetzung Stefanie Pütz, Maria Götze, Beate Lobenstein und Claudia Hengst. Ihre Zeit: 5:00,85 Minuten.

Einen leichten Dämpfer musste der Weltmeister Lars Lürig aus Mülheim an der Ruhr einstecken. Er hatte bislang in seiner Karriere gewonnen, was es zu gewinnen gab, bloß ein EM-Einzeltitel fehlte ihm noch. Mit entsprechenden Ambitionen war der 25jährige Lehramtsstudent denn auch gerade in seiner stärksten Disziplin, den 50 Meter Freistil, an den Start gegangen. Doch schließlich wurde Lürig nur Fünfter und nicht nur das, er wurde auch an den Spanier Sebastian Rodriguez seinen Weltrekord los, der im Vorlauf bei 37,84 Sekunden angeschlagen hatte. „ich bin mit 39,19 Sekunden eine absolute Topzeit geschwommen, die normalerweise in jedem Finale der Welt für indestens Silber gereicht hätte“, ordnete Lürig sein Ergebnis schließlich ein. Zudem freute er sich über Bronze im 100 Meter-Freistil-Rennen sowie in der 4-mal-50-Meter-Lagen-Staffel mit seinen Teamkollegen Uwe Köhler, Thomas Grimm und Andreas Frank.

Für die Schwimmerinnen und Schwimmer wie für alle anderen Olympioniken gilt 1999 als ein Zwischenjahr. Die EM in Braunschweig diente zur Standortbestimmung vor Sydney 2000. So gesehen wirft der fünfte Platz in der Teamwertung einige Fragen auf. Immerhin hatte der Deutsche Behinderten-Sportverband (DBS) bei den Paralympics in Atlanta vor drei Jahren mit 56 Medaillen noch die erfolgreichste Mannschaft der Welt gestellt. Schwimmen den Athleten des DBS nun etwa die Felle davon?

Nicht erst in Braunschweig, dafür aber noch nie so deutlich wie in Braunschweig, hat sich gezeigt, dass die europäische Konkurrenz nicht geschlafen hat in den vergangenen Jahren. Gerade in Großbritannien hat sich eine starke Basis gebildet, aus der die Spitzenschwimmer von heute und morgen heranwachsen. Und das kommt nicht von ungefähr: Großbritanniens Schwimmer werden mit etwa einer Million Pfund (umgerechnet rund drei Million Mark) durch die britische Telekom und die Lottogesellschaft gesponsert. Das schafft Verhältnisse wie im Schlaraffenland. „Wir müssen in diesem Jahr mit 130.000 Mark auskommen“, stellt Beate Lobenstein einen Größenvergleich her.

Die 47 englischen Athleten – das größte Aufgebot bei dieser EM – wurden von einem Stab aus 21 Trainern, Medizinern und Physiotherapeuten betreut. Nach jedem Rennen wurden bei ihnen Laktat-Tests durchgeführt. „Wir waren im Januar mit 20 Schwimmern im Trainingslager an der australischen Gora Cost bei Brisbane“, erzählte Clive Durren, Cheftrainer des Teams und gleichzeitig hauptamtlicher Direktor für den Bereich Behinderensport beim britischen Schwimm-Verband ASF. Im Oktober ging es dann wieder für sie nach Australien, um unter anderem an den nationalen Meisterschaften in Sydney teilzunehmen. „Mit den Geldern können wir Trainer und umfangreiche Lehrgangsmaßnahmen finanzieren“, berichtet Durren weiter. Doch damit nicht genug. „Die besten behinderten Schwimmsportler erfahren eine individuelle Unterstützung bis zu 18.000 Pfund pro Jahr.“

Die Bedignungen in Großbritannien sind mit denen in anderen Ländern also kaum mehr zu vergleichen. „Die schwimmen und trainieren mittlerweile in einer anderen Welt“, findet denn auch DBS-Co-Trainer Ralf Kuckuck. Bleibt zu hoffen, dass das Engagement großer Unternehmen in Großbritannien als Beispiel dient und auch die Entwicklung des Behindertensports in anderen Ländern vorantreibt.

Das 38köpfige deutsche Team repräsentierte sich außerdem in Braunschweig als eine Mischung aus international erfahrenen, erfolgreichen Athleten und Nachwuchsschwimmern. Mit von der Partie waren noch fünf Einzelsieger der Paralympics von 1996: Maria Götze (Chemnitz), Claudia Hengst (München), Holger Kimmig (Offenburg), Daniela Pohl (Jena) und Lars Lürig. Auf einige andere Leistungsträger hat der DBS verzichten müssen, beispielsweise auf die Braunschweigerin Daniela Tschachschal, die ihr zweites Kind erwartete, oder Daniela Röhle (Berlin), die wegen gesundheitlicher Probleme ihre Teilnahme absagen musste. Gleich fünf Aktive mit einer Sehbehinderung sind aufgrund der strengeren Anwendung der Klassifizierungsordnung nicht mehr dabei. Und außerdem fehlten Christian Fritsche (Salzwedel), Stefan Löffler (Sindelfingen), Kay Espenhayn aus Leipzig und der Offenburger Mario Kofler. „Allein mit diesen Namen verbinden wir gut 15 Medaillen, die wir jetzt auf einen Schlag in unserer Bilanz weniger haben“, kommentierte Co-Trainer Bernhard von Welck.

Insgesamt wurde die Veranstaltung von den 400 Aktiven aus 34 Ländern ebenso wie von den Betreuern und Offiziellen durchweg gelobt. Der ausrichtende Verein SSC Germania 08 Braunschweig hat sich mächtig ins Zeug gelegt und nichts dem Zufall überlassen wollen. Von der Eröffnungsfeier über das Rahmenprogramm bis hin zur Hallenausstattung wurde an alles gedacht. Mittels einer Hydraulik konnten die Medaillengewinner bei der Siegerehrung elegant empor gehievt werden. Die Stadt Braunschweig hat anlässlich der Veranstaltung einen 50.000 Mark teuren Plattformlift installieren lassen, um die beiden Schwimmhallen für die Rollstuhlfahrer miteinander zu verbinden. Von dieser Maßnahme werden behinderte Badegäste auch in Zukunft profitieren.

Für die deutsche Mannschaft heißt es nun, den Blick nach vorn zu richten. Lars Lürig will für Sydney 2000 nochmals seinen derzeit vom Studium in Münster bestimmten Tagesablauf unter das Diktat des Sports stellen. „Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr nochmal richtig zuschlagen kann. So möchte ich mich nicht verabschieden.“ Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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