News

USA-Trainingslager für Ruggers

„Bringen wir die Jungs nach Hause“

Champions werden nicht auf dem Spielfeld gemacht, sondern in der Trainingshalle, heißt es. Ein neuer Vorschlag: Champions werden schon im Flieger zunichte gemacht, bevor sie überhaupt am Spielfeld ankommen. Stimmt zwar so auch nicht ganz in diesem Fall, ist aber doch vielleicht eine ganz passable Einleitung für diesen Bericht über die deutsche Rugby-Natio, die kürzlich extra für zwei Turniere in die USA geflogen war, um sich gegen die starke zu erwartende Konkurrenz den nötigen Schliff für das Unternehmen Peking zu holen.

Zunächst ging es für die Mannschaft um Bundestrainer Pierre Sahm und Co-Trainer Bert Metzger zum 8. Knock & Roll Tournament nach West Palm Beach/Florida. Das Desaster begann später mit dem Weiterflug nach Birmingham/Alabama zum zweiten Turnier, nämlich damit, dass der Flieger viel zu klein war, um das gesamte Equipment der Sportler zu transportieren. Trotz vorheriger Zusagen ging das Material nicht komplett mit, so dass der Chefcoach auf dem Flughafen zunächst selektieren musste, was im ersten Schwung mitdurfte und was nicht. Einige Stühle kamen denn auch nicht mehr rechtzeitig zum ersten Anpfiff in Palm Beach an. Gute Unterstützung gab es glücklicherweise vom Recreation Center der Lakeshore Foundation, in deren Sportarena das Turnier stattfand, um die Stühle vom Flughafen in die Halle zu beklommen.

Mit diesem Handicap und den bekannten Nebenwirkungen aufgrund der Zeitverschiebung gingen die Jungs denn auch ziemlich angeschlagen ins Turnier, aber immerhin spielten sie. Anders das Team aus Neuseeland, das – zugegeben nach 16 Stunden Flugzeit – die Sache erstmal ruhig angehen ließ und dankend abwinkte.

Zum Turnier in Palm Beach das Fazit vorweg: Ein Sieg, fünf Niederlagen. Und der sechste Platz unter sieben Teams. Im vergangenen Jahr machten die Deutschen den zweiten. Nur selten fand die Mannschaft diesmal zu sich und zu ihrer gewohnten Form, was nicht nur mit den Bedingungen der Anreise zu tun hatte. Da war auch schon mal von einer zu sehr ausgedehnten Winterpause des ein oder anderen Spielers die Rede (übel). Na, jedenfalls waren Trainerstab und Spieler wahrscheinlich gleichermaßen unzufrieden.

Alle wissen: In diesem Jahr geht es um viel. Die Nationalmannschaft befindet sich im Umbruch. Einige Spieler wollen voraussichtlich mit den Paralympics in Peking einen markanten Schlussstrich unter ihre Karriere setzen und sich danach vom Leistungssport verabschieden. Es wird ein Wechsel der Generationen stattfinden. Und Pierre Sahm hat ihn bereits eingeleitet. Bernd Jansen, ein erfahrener Spieler, der zweifelsohne auch den nötigen Biss hat, ist vom Trainer nicht für den Peking-Kader aufgestellt worden.

Dafür kam nach der EM der junge Christian Götze rein. In der „Next Generation“, die derzeit in der Champions League dazulernen soll, sollen sich die kommenden Leistungsträger herauskristallisieren. Pierre Sahm will keine Angst vor den großen Namen in seinem eigenen Team zeigen: „Ich werde die, die Leistung wollen, die fleissig sind, denen, die ein gutes Profil haben, aber faul sind, vorziehen.“ Elf Männer und eine Frau können es zumindest theoretisch nach Peking schaffen. Wer dies sein wird – noch im Mai muss der Kader vollständig stehen – hängt nicht zuletzt von Massnahmen wie dem USA-Trainingslager ab. Auch wenn‘s jetzt nicht so gut lief in den USA, immerhin wurde von den Deutschen vom ersten Spiel an viel experimentiert, und Probieren geht über Studieren, besonders dann, wenn es um noch Nichts geht.

Auftakt um 13:30 Uhr gegen die Denver Harlequins, den aktuellen USA-Meister. Die Strapazen der Anreise in jedem einzelnen Knochen, versuchten die Deutschen unausgeschlafen das beste aus der Situation zu machen (47:52). Gegen die seit jeher starken Kanadier verloren die Jungs dann ab 18 Uhr mit 42:52. Tags darauf spielte Deutschland gegen die Hoveround Gunners, ein Team aus Sarasota in Florida, erstmals ganz gut, was denn auch den einzigen Sieg einbrachte (53:40).

Um 15 Uhr hieß der nächste Gegner dann Lakeshore Demolition. Die US-Amerikaner, in diesem Turnier nicht umsonst an eins gesetzt, spielten eindeutig auf einem anderen Niveau . Gegen das mit Nationalspielern gespickte Team konnten die Deutschen quasi nur dazulernen (38:51).

Knapp ging es gegen die gastgebenden Ausrichter South Florida Rattlers zu, das aber auch noch mit 44:46 verloren ging. Das war dann wirklich so ´was wie ein sportlich-mentaler Schlag in die Weichteile der deutschen Nationalspieler. Interessant, dass sie danach gegen Texas Stampede nochmals wirklich gut spielten, wenn auch chancenlos (43:54). Die Texaner hatten zuvor sogar Kanada geschlagen.

Nach dem Turnier gab es für die Deutschen dann doch noch die Gelegenheit, etwas die Sonne Floridas zu genießen. Außerdem gab es ein Freundschaftsturnier, bei dem es ihnen zum ersten Mal überhaupt gelang, die Neuseeländer zu besiegen. Mit diesem Erfolg stieg auch gleich wieder die Stimmung im Team.

Ein paar Tage später erfolgte dann die heftige Reise nach Birmingham in Alabama zum 8. Lakeshore Demolition Derby. Dort sollten die Jungs den siebten Platz belegen, hinter den Teams Lakeshore Demolition, Texas Stampede, New Zealand, Portland Pounders, British Lions und Canada I. Abgeschlagen auf den Rängen acht bis 12 die British Bulldogs, Sweden, San Diego Sharp Edge, Canada II und die University of Arizona Wildcats. Erwähnenswert, dass die Neuseeländer unter keinen Umständen noch mal verlieren wollten und für ihren 44:39-Sieg ziemlich Gas gaben.

Zum Rückflug lest am besten selbst aus dem Mannschaftstagebuch. Ein einziges Jammertal: Flieger wegen Schlechtwetter gecancelt – Chicago nur eine Flugbahn geöffnet – 6 Stunden in Birmingham Wartezeit – Co-Trainer zunehmend kranker – in Chicago mehrere Anschlussflüge ausgefallen – die wurden alle auf einen Lufthansa Flug umgelegt – Problem: alle Spieler, Staff + Material auf den Flieger zu bekommen – Flugkapitän angesprochen – Stichwort Nationalmannschaft öffnet Türen – der Kapitän und seine Crew haben sich super vorbildlich darum bemüht, uns alle komplett auf den Flug zu bringen – „Sehen wir zu, und bringen wir unsere Jungs nach Hause“. fee/outrun

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

Das könnte Dich auch interessieren:

Interview mit Rugby-Coach Heiko Striehl

„Wir sind in der Bringschuld“

Zoff in der Rugby-Nationalmannschaft. Nach dem 4. Platz bei den European Top Six in Lockeren/Belgien fühlte sich Nationaltrainer Heiko Striehl aufgefordert, mal ein Machtwort zu sprechen. Outrun wollte von ihm wissen, was da los war. Outrun: Stimmt es, dass der … Weiterlesen

Rollstuhl-Rugby

Tränen um den zweiten Platz

Mit dem Pokal des Vizemeisters in der Tasche, kehrte das deutsche Rugby-Team von der Europameisterschaft im schweizer Nottwil heim. Gegen Titelverteidiger Schweden verloren die Spieler um Trainer Heiko Striehl knapp mit 27:29. Es ist das bislang beste Ergebnis für die … Weiterlesen


Rugby-Coach Heiko Striehl

„Finale wurde auf der Strafbank entschieden“

Bei der DM in Ulm sorgte Coach Heiko Striehl mit seinen Donauhaien und Rang drei für einen Überraschungserfolg. Der Nationaltrainer in ihm war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon bei der Europameisterschaft, die Mitte Juni 1999 im Schweizer Nottwill stattfindet. Outrun … Weiterlesen

DM im Rollstuhl-Rugby

Road Runners auf der Überholspur

Wachablösung bei der Deutschen Meisterschaft im Rollstuhl-Rugby: Den durch Krankheit geschwächten Heidelberger Löwen ist in Ulm das Brüllen vergangen. Die Road Runners Bochum holten den begehrten Pokal ins Ruhrgebiet. In einem packenden Endspiel setzten sich die Bochumer gegen die Cologne … Weiterlesen


Rollstuhl-Rugby

Only the Best (für alle)

Rollstuhl-Rugby ist nichts für Warmduscher. Scheppernde Crashs gehören zum guten Ton des Spiels. Doch mit brachialer Gewalt kommt man beim RR nicht weit. Vornehmlich sind es Spielintelligenz und Teamgeist, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Outrun beobachtete das Geschehen beim … Weiterlesen

Rollstuhlrugby-EM

„Die Sensation schaffen“

Der frühere Schwimmer Swen Michaelis möchte mit dem deutschen Team seine fünfte Paralympics-Teilnahme erreichen. Auf dem Feld geht es mächtig zur Sache. Mit Vollgas in die richtige Position kommen – und dabei hoffen, dass man nicht vom Gegner abgeräumt wird. … Weiterlesen


In Nottwill ohne Christian Götze

Rebels im Halbfinale gestoppt

  Beim ersten Turnier der neuen Rollstuhlrugby-Saison belegten die Rebels aus Karlsruhe im schweizer Nottwil einen guten vierten Platz. Der Titel der letzten drei Jahre konnte diesmal nicht verteidigt werden. Grund war eine Hüft-Operation des Stammspielers Christian Götze. In die … Weiterlesen

Abschiedsspiel von Peter Schreiner

Rebels holen 8. Champions League-Titel

Die Karlsruhe Rebels, Deutschlands erfolgreichste Mannschaft im Rollstuhl-Rugby, haben in Heidelberg mit drei weiteren Siegen am letzten Spielwochenende zum achten Mal den Titel in der Champions League-Titel gewonnen. Mit den drei neuen Spielern Fabian Müller, Jens Sauerbier und Thomas Schuwje sowie … Weiterlesen


Deutsche Rugger siegen erstmals gegen Briten - Belgier Europameister

Der Knoten ist geplatzt

In einem umkämpften und hochklassigen Spiel um Platz 3 gelang es dem deutschen Rollstuhl-Rugby-Team um Cheftrainer Pierre Sahm erstmals, die Auswahl aus England zu schlagen, und sicherte sich damit die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft 2009 in Dänemark. Somit erreichte das … Weiterlesen

Bernd-Best-Turnier stösst an Grenzen

Mehr geht nicht

Sichtlich erleichtert zeigten sich Norbert Leisten und Wilfried Klein nach der Siegerehrung und drei Tagen Jubiläums-Turnier in Köln. Obwohl das Turnier reibungslos verlief wurde klar, dass die Kapazitäts-Grenzen bald erreicht sind. „Nach außen bin ich ein Eisberg, im Inneren bin … Weiterlesen