News

RR-Spieler Jens Sauerbier

„Was ich lebe, möchte ich weitergeben“

Jens Sauerbier hat schon drei Europameisterschaften und eine Weltmeisterschaft gespielt. Dennoch ist der Rollstuhlrugbyspieler überzeugt, dass die Heim-EM in Koblenz vom 27. Juni bis 1. Juli in der Conlog-Arena „das schönste Event wird, bei dem ich bislang dabei war. Es ist direkt vor der Haustür, du kennst alle und kannst Freunde einladen.“

Jens Sauerbier, hier bei einem Freundschaftsspiel gegen Tschechien Anfang des Jahres, freut sich auf die EM vor heimischem Publikum, Foto: Oliver Kremer/ pixolli

Im Mai vergangenen Jahres hatte das deutsche Team beim letzten Qualifikationsturnier für die Paralympics in Rio de Janeiro nur Rang fünf belegt und durfte nicht in Brasilien starten. Ein Ziel, das der 30-Jährige für sich klar formuliert hatte: „Da waren wir alle leicht deprimiert. Als wir dann aber den Zuschlag für die EM bekommen haben, war das wie ein Trostpflaster. Die Freude ist gestiegen, es ging steil bergauf.“ Ende Dezember fing die Vorbereitung auf das Heimturnier an. Mittlerweile wird auch immer mehr die Handschrift von Nationaltrainer Christoph Werner sichtbar, der das Team oft zu Trainingslagern und Turnieren zusammenholte. „So viele Trainingslager hatten wir noch nie“, sagt Sauerbier: „Wir haben auf jeden Fall einen körperlich besseren Zustand als vor der Paralympics-Qualifikation, weil jeder individuell noch mal unheimlich viel gemacht hat.“

Schließlich will das deutsche Team bei der Heim-EM, die in zwei Wochen eröffnet wird, nicht nur ein guter Gastgeber sein, sondern auch das Halbfinale erreichen, was angesichts der beiden Paralympics-Teilnehmer Frankreich und Schweden sowie Außenseiter Finnland in der Vorrundengruppe nicht leicht wird. „Deutschland richtet die EM ja nicht aus Lust und Laune aus, sondern es wird auch etwas Zählbares von uns erwartet. Und wir wollen natürlich niemanden enttäuschen, deshalb müssen wir unter die ersten Zwei der Gruppe“, sagt Sauerbier und verrät die Stärke des deutschen Teams: „Wir treten als Mannschaft auf, weil wir nicht die Einzelspieler haben wie andere Nationen. Durch die besseren Grundlagen sind wir auch im Kopf fitter, darauf wird es ankommen.“

„Rollstuhlrugby ist so voller Action, dass es jeden in den Bann zieht“

Sauerbier weiß, wovon er spricht, schließlich hat er im vergangenen Jahr sein Master-Studium der Sportwissenschaften abgeschlossen, nachdem er zuvor soziale Arbeit studiert hatte. Nun ist er Privatdozent an der Berliner Medical School. Die Doktorarbeit ist in Planung, schließlich will Sauerbier auch auf dem akademischen Weg vorankommen – und dann am liebsten im Behindertensport arbeiten.

Dass er zum Rollstuhlrugby gekommen ist, verdankt er seinem Studium. Sauerbier war damals ein erfolgreicher Handbiker und musste neben Handbike und Tischtennis noch eine Mannschaftssportart wählen. Auf der Messe Rehacare war er auf Rollstuhlrugby aufmerksam geworden und erinnerte sich, dass die Sportart für Tetraplegiker wie ihn geeignet sei. „Rugby ist so voller Action, dass es jeden in den Bann zieht. Der Rest ist Geschichte: Zwei Jahre später war ich schon für die EM nominiert. Wenn man mal leistungsmäßig Sport betrieben hat, entwickelt man auch schnell einen großen Ehrgeiz“, sagt Sauerbier, der in der Jugend beim FC Magdeburg spielte und von einer Karriere als Fußballprofi träumte, bis er mit 16 Jahren einen Autounfall hatte und seither querschnittgelähmt ist.

Die sportliche Laufbahn hat er nun im Rollstuhlrugby hingelegt. Seit drei Jahren spielt er bei den Berlin Raptors, wurde in der Zeit zweimal Deutscher Meister und einmal Vize, davor hatte er mit Karlsruhe die Champions League gewonnen. Gleichzeitig ist er auch für seinen Heimatverein Biederitz in der 2. Bundesliga Nord, in Frankreich und England aktiv.

Der ganze Aufwand wäre ohne seine Freundin Izabela und die Familie nicht denkbar. Doch für Sauerbier ist selbst aktiv sein nicht alles, genauso gerne bringt er andere zum Sport. „Sport gibt und ermöglicht so viel. Und das was ich lebe, möchte ich weitergeben“, sagt er: „Es ist einfach so wertvoll, zu sehen, wie Menschen durch Sport Fortschritte machen und Dinge schaffen, die davor undenkbar gewesen wären.“ Und was alles möglich ist, das will Jens Sauerbier mit seinen Teamkollegen auch bei der Europameisterschaft in Koblenz unterstreichen – und vor heimischem Publikum das Halbfinale erreichen. Kevin Müller

Das könnte Dich auch interessieren:

Rollstuhlrugby-EM

„Die Sensation schaffen“

Der frühere Schwimmer Swen Michaelis möchte mit dem deutschen Team seine fünfte Paralympics-Teilnahme erreichen. Auf dem Feld geht es mächtig zur Sache. Mit Vollgas in die richtige Position kommen – und dabei hoffen, dass man nicht vom Gegner abgeräumt wird. … Weiterlesen

Bernd-Best-Turnier

Rugby-Rummel am Rhein

Was hat die Maus aus den Lach- und Sachgeschichten mit Rollstuhl-Rugby zu tun? Ist doch klar: Die Maus hat den Ruf, dem unbedarften Zuschauer Unbekanntes näher zu bringen und verständlich zu erkären. Sie war nicht der einzige, aber auffälligste Ehrengast … Weiterlesen


Rollstuhl-Rugby

Only the Best (für alle)

Rollstuhl-Rugby ist nichts für Warmduscher. Scheppernde Crashs gehören zum guten Ton des Spiels. Doch mit brachialer Gewalt kommt man beim RR nicht weit. Vornehmlich sind es Spielintelligenz und Teamgeist, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Outrun beobachtete das Geschehen beim … Weiterlesen

Einzug ins Halbfinale verpasst

„Haben uns den Schneid abkaufen lassen“

Die Runde der besten vier Teams Europas erreichen und die direkte Qualifikation für die WM in Sydney 2018 packen – das war das große Ziel der deutschen Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft bei den Heim-Europameisterschaften in Koblenz. Doch die routinierten Paralympics-Teilnehmer von 2016, Schweden … Weiterlesen


Rollstuhlrugby-EM

Wichtiger Sieg zum Auftakt

Gute Stimmung in der Koblenzer Conlog Arena: Nach der Eröffnung der Rollstuhlrugby-Europameisterschaft durch Weltverbands-Präsident John Bishop gewann die deutsche Mannschaft ihr erstes Gruppenspiel nach Startschwierigkeiten gegen Finnland mit 53:37. Es war ein wichtiger Sieg zum Auftakt, denn die nächsten beiden … Weiterlesen

Rugby in Koblenz

Deutsches Team fiebert der EM entgegen

Die Vorfreude steigt, die Anspannung ebenso: In Koblenz geht es vom 27. Juni bis 1. Juli 2017 ordentlich zur Sache. 144 Athletinnen und Athleten aus acht Nationen kämpfen in der Conlog Arena um Europas Krone im Rollstuhlrugby. Neben Gastgeber Deutschland … Weiterlesen


Keine Quali für Rio

Ruggers verpassen letzte Chance

Sie hatten sich in den vergangenen Monaten überraschend schnell entwickelt, sich zuletzt gut vorbereitet auf die so wichtigen Tage. Mit Zuversicht reiste die deutsche Rugby-Nationalmannschaft zum Qualifikationsturnier für die Paralympics nach Paris – und kehrte mit Enttäuschung zurück. Aus der … Weiterlesen

Rugby-Qualifikationsturnier:

Elf Männer, eine Frau, ein Ziel

Kein Sport für „Weicheier“: Beim Rollstuhlrugby geht es ordentlich zur Sache. Vom 18. bis 21. April spielt die deutsche Nationalmannschaft im Qualifikationsturnier in Paris um ein Ticket zu den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro. Deutschlands „Geheimwaffe“ ist dabei eine … Weiterlesen


Niederlage gegen die Türkei

Im 6-m-Schießen die WM verpasst

Die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft hat das Spiel um Platz fünf verloren und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Madrid verpasst. Erst im Sechsmeterschießen musste sich das Team von Cheftrainer Ulrich Pfisterer gegen den Europameister von 2015 bei der Heim-EM … Weiterlesen

EM Blindenfußball

Englische Standards lassen Halbfinal-Traum platzen

Ein Unentschieden hätte den deutschen Blindenfußballern zum ersehnten Einzug ins Halbfinale gereicht, doch Titelfavorit England verhinderte mit einer abgezockten Leistung schwarz-rot-goldenen Jubel auf den vollbesetzten Rängen in der Arena am Anhalter Bahnhof. Durch die am Ende zu hoch ausgefallene 0:3 … Weiterlesen