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E-Hockey WM

Das Wunder von Sabbiadoro

Kinder, es ist Miracolo(Wunder)-Tag! Im italienischen Lignano Sabbiadoro sorgte die deutsche E-Hockey-Nationalmannschaft für eine regelrechte Sensation: Bei den Weltmeisterschaften schlug sich das Team von Trainer Deniz Genc – soweit so gut – bis ins Finale durch, doch was dort geschah, widersprach allen Prognosen, denn die Deutschen schlugen das Team Niederlande mit 7:6 in der Verlängerung. Für Spieler und E-Hockey-Funktionär Stefan Utz ist klar: „Der Gewinn dieser WM gleicht einem Wunder.“

Für die Deutschen E-Hockey-Spieler ging in Sabbiadoro ein Traum in Erfüllung. Foto: Mirco Albrigo

Die Tage in Sabbiadoro werden die deutschen E-Hockey-Cracks ihr Lebtag nicht vergessen, denn für sie war nicht nur der Sand golden, sondern auch die Medaillen, die sie sich im Anschluss an das packende Augenschlag-Finale umhängen durften. Das Nationalteam um Trainer Genc, bestehend aus Julian Schorr, Markus Koch, Ramazan Sahin, Andreas Vogt, Jörg Diehl, Roland Utz, Stefan Utz, Olga Ulrich, Görkem Ohuz und Paul Emmering machte möglich, was eigentlich niemand für möglich gehalten hätte, nämlich der niederländischen Rekordmannschaft im Finale eine knappe 6:7-Niederlage zuzufügen. Denn zu verlieren, kannten die Holländer bis dato noch nicht. Nicht bei Europameisterschaften. Und auch nicht bei der E-Hockey-Weltmeisterschaft 2004 im finnischen Helsinki, der ersten ihrer Art übrigens. Da zogen die Niederländer mit einem glatten 4:0-Sieg gegen die Deutschen ins Finale ein, und fegten dann die Mannschaft der am weitesten angereisten Australier mit sage und schreibe 18:2 vom Platz.

Verständlicherweise waren es nach diesem Schützenfest drei Niederländer, die sich mit Kamal Tahtahi, Berrie Hommel und April Ranshuysen ganz oben in die Liste der Top-Scorer eintrugen. Doch halt, der Deutsche Paul Emmering drängelte sich schon 2004 auf den zweiten Platz – vielleicht war das ja schon ein Vorzeichen!

In Lignano Sabbiadoro kämpften sieben Mannschaften aus Europa sowie die Delegation aus Australien in zwei Gruppen um den Einzug ins Halbfinale, und natürlich galten die Niederländer als unbestrittene Topfavoriten des Turniers. In ihrer Gruppe A spielten zudem die sehr starken Finnen, die Australier sowie die Mannschaft aus Dänemark. In der Gruppe B spielte Deutschland gegen Gastgeber Italien, Belgien und die Schweiz.

So war das Team um Kapitän Görkem Oguz guter Dinge, was den Einzug ins Halbfinale anging. Weiter aber reichten die Vorstellungen der Deutschen aber kaum, und das trotz einer exzellenten Vorbereitung, die sie hinter sich hatten.

Doch es lief von Anfang an ganz gut für den späteren Weltmeister: Zum Auftakt wurde die Mannschaft aus der Schweiz locker und leicht mit 13:0 geschlagen. „Keine Sensation, denn im E-Hockey gelten die Eidgenossen noch als Entwicklungsland“, stellt Stefan Utz richtig. Im zweiten Spiel trafen die Deutschen auf das Team der Gastgeber, die als absolute Topmannschaft anzusehen ist, und zudem Heimvorteil genoss.

Dieses Spiel konnte bereits Turnier entscheidend sein: Um Gruppensieger zu werden und damit den Niederländern im Halbfinale aus dem Weg zu gehen, musste in diesem Match unbedingt ein Sieg eingefahren werden. Die Equipe um Bundestrainer Deniz Genc war sich der Bedeutung bewusst und handelte entsprechend, denn bis zur Halbzeit schoss sie eine beruhigende wie selbstvertrauenserweckende 4:1-Führung heraus. In der zweiten Hälfte ließen sich die Deutschen dann durch die Hektik der Hausherren anstecken, wodurch auch sie den Faden verloren. Dennoch gewannen sie die Partie mit 5:4, womit die erste große Hürde genommen war.

In der abschließenden Partie gegen Belgien stellte sich heraus, dass ein Unentschieden oder ein Sieg her musste, denn ansonsten wäre man nur Dritter in der Gruppe B der Vorrunde geworden. Mit diesem Erfolgsdruck auf den Schultern gelang es der Oguz-Truppe nicht so gut wie sonst, locker gegen die normalerweise deutlich schwächere Mannschaft aus Belgien aufzuspielen, doch knapp gewonnen ist eben auch gewonnen – 4:3.

Mit dem Erreichen des Halbfinales war also das Minimalziel der Deutschen bei diesen Weltmeisterschaften erreicht, dort warteten die Finnen, die bei vielen Experten als der Geheimtipp auf die Weltmeisterschaft galten. Insbesondere ihre körperliche Überlegenheit gegenüber den Deutschen war immens, doch die sollte sich für die Skandinavier nicht auszahlen. Taktisch bestens auf die finnischen Attacken eingestellt, stand der deutsche Abwehrblock perfekt, wobei nach vorne wurden immer wieder gefährliche Nadelstiche gesetzt wurden. Die Finnen hatten schließlich den vielen Tempowechseln nicht viel entgegenzusetzen und verloren so hoch wie verdient mit 1:6.

Im der anderen Halbfinalbegegnung zerstörten de Niederländer die Endspielträume der Italiener mit 7:4. Die Italiener, die sich sehr gut verkauft hatten, vergossen manche Träne am Ende der Partie und mussten von Trainer und Betreuern wieder aufgebaut werden. Immerhin können sie sich damit trösten, den Teilnehmern als gute Gastgeber und Ausrichter einer erstklassigen WM in Erinnerung zu bleiben.

Das Endspiel, ein absoluter Klassiker: Niederlande gegen Deutschland. Die Oranjes, die seit Beginn der E-Hockey-Länderspiele noch nie eine Begegnung verloren und alle Starspieler in ihren Reihen hatten. Der Goliath. Noch im Juni verlor Deutschland gegen sie zwei Testspiele mit 1:6 und 3:14. Welch eine Schmach. Aber was zählen schon die Siege und Niederlagen der Vergangenheit! Im Sport kann vieles passieren. Unerwartet. Plötzlich. Dieses Endspiel sollte ein gutes Beispiel dafür abgeben und gleichzeitig an Spannung und Dramatik neue Maßstäbe für den E-Hockey-Sport setzen.

In der ersten Halbzeit waren es nicht die Niederländer, die das Geschehen auf dem Feld bestimmten, sondern überraschenderweise das deutsche Team. Bis zum Seitenwechsel arbeitete es einen 3:1-Vorsprung heraus. Der Titel war hier erstmals zum Greifen nahe. In der zweiten Spielhälfte drehten die Oranjes mächtig auf und kamen zum Ausgleich. Scheinbar hatte die Kopfwäsche in der Pause geholfen. In den letzten 15 Minuten spielten sich beide Teams in Rage und es ergab sich ein Schlagabtausch auf Augenhöhe. Deutschland ging dreimal in Führung, doch der Ausgleich erfolgte stets unmittelbar.

Mit einem 6:6-Spielstand ging es in die Verlängerung, die durch die Golden Goal-Regel entschieden werden sollte. Beide Teams spielten mit offenem Visier, hatten mehrfach den Sieg auf dem Schläger. Schließlich netzte Paul Emmering, der sich zuvor schon so oft gegen Berrie Hommel im Zweikampf durchgesetzt hatte, mit einem Schlenzer ins lange Eck ein, die Freude der Deutschen kannte keine Grenzen mehr. Tränen vor Glück auf der einen, lange Gesichter auf der anderen Seite.

In Lignano Sabbiadoro ging die Weltmeisterschaft mit einer farbenfrohen Siegerehrung und einer gemeinsamen Abschlussfeier mit allen Mannschaften und zahlreichen Fans zu Ende. Zahlreiche Medien haben von dem Turnier berichtet und waren vor Ort. Alles in allem ein weiter Schritt nach vorn für den E-Hockey-Sport. Stefan Utz/fee

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