News

Blindenfußball-Bundesliga

Die den Schuss hören

In Berlin und Stuttgart startete kürzlich erstmalig die Bundesliga der Blindenfußballer. Ein Sport, der hierzulande noch Erklärungsbedarf hat, der aber im Fussball-Land Deutschland bald ebenso in Scharen blinde Sportler begeistern könnte wie sehende Fans. Outrun war beim Anpfiff in Stuttgart dabei.

Mulgheta Russom (links) ist einer der torgefährlichsten Spieler der Bundesliga. Foto: Franco Erschbaumer

Mulgheta Russom (links) ist einer der torgefährlichsten Spieler der Bundesliga. Foto: Franco Erschbaumer

Samstag, 29. März 2008. So etwas wie ein historisches Datum für den Behindertensport. Es ist kurz nach 12 Uhr, und in einer guten Stunde startet erstmalig die Bundesliga der Blindenfussballer, zeitgleich in Berlin und hier auf dem Sportgelände des Vereins MTV Stuttgart.

MTV Stuttgart gegen die Guide-Dogs der BSG Mainz, so lautet die erste Begegnung des Tages. Während sich die Mannschaft von Stuttgarts Coach und Bundestrainer Uli Pfisterer im Umkleideraum die Schienbeinschoner überzieht, gibt es letzte Anweisungen. „Wir setzen um, was wir die ganze Woche gemacht haben“, sagt Pfisterer in ruhigem Ton. „Wir sind spieltechnisch allen Mannschaften überlegen. Ich will nicht, dass ihr frei vorm Tor seit, keiner greift an, und ihr überhastet.“

Theoretisch ist allen klar, was zu tun ist. Die Aufstellung der vier Feldspieler erfolgt für gewöhnlich in der so genannten Raute: ein Verteidiger, einer links, einer rechts, einer in der Mitte. Klingt einfach, ist es zunächst auch. Je besser die Abstimmung dann zwischen den Spielern, desto freier können sich die Kicker auf dem maximal 42 Meter langen und 22 Meter breiten Feld bewegen.

„Die müssen sich an unser Spiel anpassen, außerdem haben wir den Heimvorteil“, erinnert Pfisterer, und dann bedankt er sich noch bei Conny Dietz, dass sie sich bereit erklärt hat, den dünnen Kader der Mannschaft als Ersatzspielerin zu verstärken. „Ich danke Euch. Für mich ist es eine Ehre“, antwortet Conny, die zweimalige Goalball-Weltmeisterin, bescheiden.

Auf dem Platz wartet bereits der Gegner. Die Guide-Dogs tragen ihren Namen nicht von ungefähr. Fast jedes Mannschaftsmitglied hat einen Blindenführhund. Auf dem Platz brauchen Reiner Hoster, Nicole Plaul, William Hoster, Christian Bachmann, Anette Lürding und Roger Weis ihre vierbeinigen Freunde nicht. Pech für die Mainzer ist nur, dass Nationalspieler Sven Schwarze, einer ihrer besten Männer, zum Bundesliga-Auftakt nicht spielen kann. Mit einem relativ frisch operierten Knie (Knorpelglättung und Positionierung des Meniskus) muss er die Begegnung von der Bande aus mitverfolgen.

Nachdem die beiden Teams zunächst bei den Klängen von „Eye of the Tiger“ aufmarschieren, geht es auch gleich los. Das Regelwerk für den Blindenfußball wurde von der Dachorganisation für Blindensport in Europa, der International Blind Sports Federation (IBSA) entwickelt, in Anlehnung an das Fußball-Regelwerk der FIFA. Alle Spieler tragen einen selbstgebastelten, recht provisorisch wirkenden Kopfschutz, darin steht im Regelwerk noch nichts geschrieben, wie der auszusehen hat.

Nach wenigen Minuten wird erst einmal der Ball ausgetauscht, weil dieser kaum Geräusche gemacht hat. Gespielt wird normalerweise mit Bällen aus Brasilien, die aus Leder oder Synthetik bestehen. Sie haben einen Umfang von 62 Zentimetern und ein Gewicht von 490 bis 520 Gramm. Er ist damit kleiner und schwerer als der FIFA-Fußball. Im Inneren ist er mit mehreren lauten Rasseln versehen. „Die Bälle werden angeblich in brasilianischen Gefängnissen hergestellt“, weiß Sven Schwarze, „seit Monaten bekommen wir keine neuen Bälle mehr“.

„Die Spieler müssen miteinander kommunizieren“, betont Ringo Mosch, Fitnesscoach beim MTV und der Nationalmannschaft. Monika Weiß fungiert als Guide hinter dem Tor und erklärt kurz die beiden wichtigsten Signale, die es im Blindenfussball gibt: „Zeit“ bedeutet: Kein Gegner in Sicht; „Heiss“ bedeutet: Du bist in der Nähe des gegnerischen Tors. Die Spieler selbst rufen das spanische „Voi“, sobald sie merken, dass ein Gegenspieler auf sie zuläuft. Rufen sie nicht, kann das vom Schieri geahndet werden.

Die Stuttgarter stellen von Anfang an klar, welche Ambitionen sie auf die Meisterschaft hegen. Die ersten 25 Minuten der reinen Spielzeit, die eine Halbzeit im Blindenfussball dauert, genügen dem Team zu einer 3:0-Führung. Torschütze jedes Mal: Alex Fangmann, der zweite Nationalspieler im Team. Ein lupenreiner Hattrick des 23-Jährigen hängenden Stürmers, der aus dem Raum seine Schüsse abfeuern und treffen kann.

Orientierung ist alles im Blindenfußball. Foto: Franco Erschbaumer

Orientierung ist alles im Blindenfußball. Foto: Franco Erschbaumer

Die Mainzer geraten derweil aus dem Konzept: „Ich höre dich nicht“, gerät der Seitenguide in der Halbzeit in die Kritik. „Ich brauche Informationen.“ Uli Pfisterer ist dagegen voll des Lobes den Stuttgarter Verteidiger Patrick Beres: „Wie ein Bollwerk!“ Conny Dietz macht sich übrigens direkt bezahlt, denn Jörg Fetzer verletzt sich in einer Situation die Hand und muss kurzzeitig ersetzt werden.

Im zweiten Spielabschnitt schalten die Gastgeber einen Gang zurück, das ändert aber nichts mehr am Ergebnis nichts. Obwohl die Mainzer einige Achtmeter zugesprochen bekommen. „Mitte. Linker Pfosten. Rechter Pfosten“, ruft der Guide, der ansich genau hinter dem gegnerischen Tor steht, und klopft währenddessen gegen die Pfosten, um dem 8-Meter-Schützen eine Orientierung zu geben.

Die Stuttgarter behalten das Heft in der Hand, und einzig der Platzverweis für Mulgheta Russom nach seinem fünften persönlichen Foul kurz vor Schluss kann als Makel an der Vorstellung der Schwaben gewertet werden.

Die weiteren Begegnungen am ersten Bundesliga-Wochenende in Stuttgart: Ruhrpott gegen Blista Marburg 1:0, Marburg gegen Guide-Dogs Mainz 0:2, und Stuttgart gegen Ruhpott 0:0.

Auf der abschließenden Pressekonferenz freuten sich Spieler und Trainer über den gelungenen Auftakt und über die bemerkenswert hohe Medienresonanz am ersten Spieltag. Dann richtet sich der Blick nach vorn: „Blindenfussball wird ein populärer Sport für Vollblinde werden“, prophezeit Uli Pfisterer. Und er ist sich sicher, dass es bald in Deutschland sportlich aufwärts gehen wird. „International stehen wir zur Zeit im dritten Glied.“ Doch schon für die nächste EM in Frankreich haben er und sein Team den Anspruch, Dritter zu werden.

Bei den Ambitionen, liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass die Suche nach Talenten flächendeckend in Zusammenarbeit mit dem Förderschulen für Sinnesbehinderte erfolgen sollte. Doch „da herrscht Resistenz vor“, berichtet Pfisterer von seinen Erfahrungen. Als er bei einer Gelegenheit das Thema Blindenfussball ansprach, hatten anwesende Lehrer demonstrativ den Raum verlassen. Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Alex Fangmann bester Torschütze

Blista Marburg erster Deutscher Meister

Dortmund, Marburg – oder doch Stuttgart? Vor Ende des letzten Spieltages vermochte niemand zu sagen, wer denn nun die 1. Deutsche Meisterschaft im Blindenfußball erringen würde. Das Team des MTV Stuttgart um Bundestrainer Uli Pfisterer war im Vorfeld der ersten … Weiterlesen

Niederlage gegen die Türkei

Im 6-m-Schießen die WM verpasst

Die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft hat das Spiel um Platz fünf verloren und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Madrid verpasst. Erst im Sechsmeterschießen musste sich das Team von Cheftrainer Ulrich Pfisterer gegen den Europameister von 2015 bei der Heim-EM … Weiterlesen


EM Blindenfußball

Englische Standards lassen Halbfinal-Traum platzen

Ein Unentschieden hätte den deutschen Blindenfußballern zum ersehnten Einzug ins Halbfinale gereicht, doch Titelfavorit England verhinderte mit einer abgezockten Leistung schwarz-rot-goldenen Jubel auf den vollbesetzten Rängen in der Arena am Anhalter Bahnhof. Durch die am Ende zu hoch ausgefallene 0:3 … Weiterlesen

2:0-Auftakt gegen Italien

Traumstart mit Verzögerung

Es war der erhoffte Traumstart für die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Berlin – wenn auch mit Verzögerung. Verdient mit 2:0 hat das Team von Cheftrainer Ulrich Pfisterer zum EM-Auftakt am Anhalter Bahnhof gegen Italien gewonnen. Die Treffer durch … Weiterlesen


EM im Blindenfußball

„Die Jungs machen Extra-Einheiten“

Trainingseinheiten, Zusatzschichten und ein Musical zur Abwechslung – die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft ist in Berlin angekommen und bereitet sich intensiv auf die Europameisterschaft vor, die vom 18. bis 26. August 2017 mitten in Deutschlands Hauptstadt stattfindet. In der Arena am Anhalter … Weiterlesen

Spielmacher Taime Kuttig

Der Turbodribbler ist fit für die WM

Am 18. August startet die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft mit dem Duell gegen Italien in die Heim-Europameisterschaft in Berlin. BVB-Spielmacher Taime Kuttig (ausgesprochen: Teymi) hat hart gearbeitet, um pünktlich für das Turnier in Form zu sein – schließlich kann der 25-Jährige einer … Weiterlesen


Blindenfußball

Podium verpasst, aber Weichen gestellt

„Wir wollten die Spielzeit 2017 vor allem nutzen, um uns zu finden und zu lernen“, zog Enrico Göbel schon wenige Momente nach Abpfiff der regulären Bundesligasaison ein optimistisches Fazit. In den Minuten zuvor konnte der Cheftrainer der Blindenfußballer des BV. … Weiterlesen

Platz drei in der Tabelle

Premiere für Borussen in der Torball-Bundesliga

2017 ist es soweit: Der BV Borussia 09 Dortmund geht nicht nur im Fußball, Handball und Tischtennis auf Punktejagd, sondern auch im Blindenfußball und Torball. Den Anfang machten die Torball Herren. Sie fuhren am vergangenen Freitag zum ersten Spieltag der … Weiterlesen


Blindenfußball

Brasilianer holen WM-Titel

Brasilien hat überraschend die Weltmeisterschaft 2010 im Blindenfußball in England gewonnen. Wer hätte es im Vorfeld gedacht. Gastgeber England steuerte mit dem Sieg über Kolumbien in der Gruppenphase bei der WM Richtung Titel. Im Halbfinale waren aber die Titelträume ausgeträumt. … Weiterlesen

MTV Stuttgart verteidigt Titel

Bayram Dogan fliegt mit Rot vom Platz

Am Ende einer abwechslungsreichen Saison in der Bundesliga der Blindenfußballer verteidigte der MTV Stuttgart seinen Titel. Viktoria Dortmund sicherte sich den zweiten Rang und sorgte so für das beste Ergebnis der Vereinsgeschichte. In einem überlegen geführten Match erzielten die Dortmunder Cengiz … Weiterlesen