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Handbike mehr als ein Sportgerät

Die Freiheit nehm‘ ich mir

Das Handbike bringt die Sportszene ins Rollen. Es ist ein hochwertiges Sportgerät, aber nicht nur das: Es bedeutet für jeden Rollstuhlfahrer ein Stück Integration und individuelle Freiheit. Nehmen wir nur mal zum Beispiel die beiden Biker Oliver Bedow und Lucas Zehnle.

Lucas Zehnle und Oliver Bedow sind dann mal so frei. Foto: Franco Erschbaumer

Oliver Bedow, 36, kann sich sein Leben ohne Handbike wohl kaum noch vorstellen. Insofern ist er der typische Biker. Wenn auch ein besonders schneller: Pokale auf jeder freien Stellfläche in seiner Wohnung in Winnenden bei Stuttgart und eine Schlafzimmertür, die von außen mit Startnummern überdeckt ist, zeugen von seinen Erfolgen und beeindruckenden Erlebnissen. Ein paar Stichproben: Bei den Weltmeisterschaften 1998 in Colorado Springs (USA) belegte er den fünften Platz im Straßenrennen und Rang sieben im Einzelzeitfahren. Im vergangenen Jahr kam der amtierende deutsche Meister im Einzelzeitfahren bei der EM im französischen Blois in seiner Paradedisziplin auf Platz zwei in der Klasse HC 3.

Angefangen hat alles nach seinem Sportunfall vor elf Jahren. Zunächst wollte Oliver „nur nicht auffallen“, wie er sich erinnert. An Sport verlor er in den ersten Monaten keinen ernsthaften Gedanken. das änderte sich erst, als er sich einen Hund zulegte: „Mit ihm kam wieder Bewegung ins Spiel.“ Bei den Rollijoggern Ulm fasste Oliver den Entschluss, an einem Marathon teilzunehmen. Selten mehr als zweimal die Woche trainierte er auf dieses anspruchsvolle Ziel hin. „Mein erster Marathon in Berlin war für mich dann das absolute Schlüsselerlebnis.“ Es folgten Teilnahmen an so spannenden Orten wie Los Angeles, Mailand, Boston und Paris. Seitdem ist er ständig on the road.

Jetzt könnte man meinen, damit sei die Beziehung zwischen Oliver und dem Bike erschöpfend beschrieben. Aber von wegen: „Bei Fahrrad denke ich zuerst an Kommunikation, Bewegung, Ausgleich“, stellt er klar. Und: „Der Schnellste muss sich nach dem Langsamsten richten.“

Der das sagt, ist jetzt nicht der Spitzensportler Oliver Bedow, sondern der Jugendsportgruppenleiter Bedow. Bei der MTV Wheelers Stuttgart treibt er mit Kindern und Jugendlichen Sport, gleich ob mit Inlinern, Fahrrädern oder Handbikes. „Alles, was Räder hat, ist erlaubt“, beschreibt er das Motto seiner Sportgruppe. Das Ziel ist es einfach, sich gemeinsam zu bewegen.“ Ihm geht es dabei in erster Linie um das Erlebnis und die Integration von behinderten Kindern. Mit seinen Mädels und Jungs beweist er Woche für Woche, dass Integration gar nicht so schwierig sein muss. „Für die Kinder ist das Handbike ein Go-Kart, die sehen das nicht mehr als Rollstuhl.“

Lucas Zehnle, 10, gibt da Oliver recht. Er hat seit rund fünf Monaten auch ein Handbike und fährt in Olivers Jugendgruppe mit. Sein Vater hat sein Bike in liebevoller Detailarbeit zusammengebaut. Die peppige, knallgelbe Felgenverkleidung war früher einmal eine handelsübliche Gummitischdecke. Lucas kann mit seinem Bike schon sehr sicher umgehen, und er kriegt selbst bergauf einen Affenzahn drauf, obwohl sein Sportgerät stolze 22 Kilo wiegt. Eine schwarze Sonnenbrille unterstreicht sein neues Image.

Auch Lucas hat schon seinen ersten Wettkampf hinter sich. Am vergangenen Wochenende hat er an seinem Volkslauf teilgenommen, genauer gesagt am Minimarathon, und hat den 12. Platz gemacht. „Von 150“, fügt er hinzu. Das hat ihm unheimlich Spaß gebracht, unter so vielen Leuten mitzufahren. Leider waren die Feldwege meistens zu eng, sonst hätte er am Ende noch ein paar Läufer überholen können. Nur über eines hat sich Lucas später geärgert: Der Reporter von der Lokalzeitung hat in seinem Artikel aus Versehen einen Florian aus ihm gemacht. Und das ausgerechnet bei seinem ersten Rennen. Wenn Lucas normalerweise mit dem Handbike unterwegs ist, dann mit seinen Freunden und nur so zum Spaß. Als er gehört hat, dass die anderen demnächst ihren Fahrradführerschein machen wollen, sagte er spontan: „Das mache ich auch.“

„Mit dem Bike verzehnfacht sich auf Anhieb der Aktionsradius der Kinder“, ist Oliver begeistert. „Der Freundeskreis wird merklich größer, und man sieht, wie ihnen das Endorphin in die Augen steigt, wenn sie das erste Mal in einem Bike sitzen.“ Nur bei den Kindern? „Nein“, korrigiert sich Oliver, „das war bei mir auch nicht anders.“

Doch das Handbike hat noch andere Vorzüge. Biken ist gesund, stärkt das Herz-Kreislaufsystem, kräftigt nicht nur die Arme und führt somit dazu, dass alltägliche Bewegungsabläufe wie beispielsweise das Umsteigen ins Auto oder in die Badewanne sicherer und leichter ausgeführt werden können.

Lucas Zehnle. Foto: Franco Erschbaumer

Ausserdem kann man nahezu immer und überall Biken. Ob auf der Straße, dem Feldweg oder daheim auf der Rolle, das Handbike kommt überall zum Einsatz. Mann muss keine festgelegten Trainingszeiten beachten, wenn man nicht will. Man kann sich mit anderen zum Spazierenfahren oder zum Training treffen, oder kann sich ganz allein auf den Weg machen und die Gedanken treiben lassen. Eben diese Einfachheit und Freiheit macht für viele Biker den Reiz ihres Sportgerätes aus. Sportsoziologen stellen seit langem eine Individualisierung des Sporttreibens fest. der Mensch von heute möchte sich immer häufiger bewegen, ohne gleich einem Verein beitreten zu müssen. Dieser allgemeine Trend galt bislang für den Behindertensport nur in Maßen. Denn für Rollstuhlfahrer gab es bislang kaum Möglichkeiten, sich einzeln sportlich zu betätigen. Das Handbike eröffnet in dieser Hinsicht neue Dimensionen. So verwundert es nicht, dass die zahl der Handbiker in Deutschland die Mitgliederzahl des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes nach Expertenschätzungen mittlerweile bei weitem übersteigt.

Wie unterschiedlich die Motivationen doch sein können, Handbike zu fahren, lässt sich schon an den verschiedenen Modellen ablesen, die auf dem deutschen Markt angeboten werden. Für Hobbyfahrer, der beispielsweise lockere Touren am Wochenende unternehmen will, bis hin zum Leistungssportler gibt es ein breites Produktspektrum.

Die sportliche Zukunft des Handbikes sieht Oliver Bedow in der Nähe des klassischen Radrennsports. Damit wären vier Straßendisziplinen zu unterscheiden: da wären zunächst die Kriterien- oder Runden-Rennen, bei denen in bestimmten Runden Punkte ausgefahren werden; Straßenrennen, die über eine Distanz von etwa zehn Kilometern bis Marathon (42,195 km) führen; Zeitfahrrennen, bei denen jeder Einzelne ohne Windschatten 15 bis 20 Kilometer absolviert; und RTFs, also Radtouristik-Fahrten, die Freizeitcharakter haben, aber durchaus bis zu 125 Kilometer lang sein können.

Neben Training, Jugendgruppe und seinem Job als Maschinenbau-Ingenieur wirkt Oliver noch hinter den Kulissen an einem Stück des Staatstheaters Stuttgart mit. „Vorstadtkrokodile“ von Max von der Grün. Von der Grün hat den Jugendbuchklassiker 1976 für seinen behinderten Sohn Frank geschrieben. Es geht dabei um eine Jugendclique, und wer der Clique angehören will, muss eine Mutprobe bestehen. Es geht ums Anderssein. Ums Normalsein. Und um Kurt, der im Rollstuhl sitzt, und auch gerne ein „Krokodil“ wäre. Oliver ist sich sicher, dass von der Grün diese Geschichte heute so nicht mehr hätte schreiben können: „Wenn der Kurt in dem Stück schon ein Handbike gehabt hätte, wäre die Geschichte viel einfacher gegangen.“ Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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