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Road to PyeongChang:

„Kombination aus mutig und verrückt“

Mit weniger als zwei Prozent Sehkraft rast Skifahrerin Noemi Ristau die Pisten hinab und benötigt neben ihrer Vorliebe für Geschwindigkeit auch großes Vertrauen. Mit Guide Lucien Gerkau feiert sie ihre Paralympics-Premiere.

Mit weniger als zwei Prozent Sehkraft rast Skifahrerin Noemi Ristau die Pisten hinab. Foto: Paul Hoffmann

Wer mit über 100 km/h auf Skiern den Berg hinunter rast, muss schon eine ordentliche Portion Mut aufbringen. Noch um ein Vielfaches größer muss die Überwindung sein, wenn man dabei nahezu blind unterwegs ist – so wie Noemi Ristau. Weniger als zwei Prozent Sehkraft hat die 26-jährige Skifahrerin noch. Doch das hat sie nicht davon abgehalten, ihrem früheren Hobby nun in Rennen nachzugehen. Gemeinsam mit ihrem Guide Lucien Gerkau hat sich Ristau für die Paralympischen Spiele in PyeongChang qualifiziert – und bei der Generalprobe in Kanada sogar den ersten Weltcup-Sieg ihrer Karriere eingefahren.

Es ist ein faszinierender Anblick. Hintereinander fährt das Duo den Berg hinab. Lucien Gerkau vorneweg, mit lautstarken Kommandos, einige Meter dahinter Noemi Ristau. Von der Strecke und den Toren sieht sie nahezu nichts. Zwar hat sie den Verlauf zuvor einstudiert, doch im Rausch der Geschwindigkeit geben ihr hauptsächlich die Worte ihres Begleitläufers Orientierung. Gewissermaßen wie ein Navigationsgerät auf der Piste. Zwischen beiden herrscht maximales Vertrauen. „Ohne geht es auch nicht. Wir sind ein eingespieltes Team und ich weiß, dass ich mich auf Lucien absolut verlassen kann“, beschreibt Noemi Ristau.

Dabei ist es erst ihre dritte gemeinsame Saison. Die 26-Jährige hatte damals an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg wieder intensiver mit dem Skifahren begonnen und einen Guide gesucht. „Ich habe mich bei meinem Verein SF/BG Marburg erkundigt und bin dann irgendwann bei Lucien gelandet“, berichtet Ristau. Anfangs wechselte sich Lucien Gerkau mit seiner Frau Luise ab, nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes ist der 40-Jährige alleiniger Guide. So rasant, wie das Duo auf der Piste unterwegs ist, war auch die Entwicklung. Im vergangenen Jahr feierten sie ihre WM-Premiere – und jubelten im italienischen Tarvisio gleich über Bronze im Slalom. Spätestens damit war das Ziel fest im Visier: die Teilnahme an den Paralympics in Südkorea. In dieser Saison ließen Ristau und Gerkau weitere hervorragende Platzierungen folgen. „Wir haben es in jeder Disziplin mindestens einmal aufs Treppchen geschafft und sind total zufrieden. Dass es so erfolgreich verläuft, hätten wir nicht gedacht“, resümiert Ristau.

Die bisherige Krönung folgte vor wenigen Wochen in Kanada. Für Ristau und Gerkau war es der erste Start in den Speed-Disziplinen im Weltcup, nachdem sie bei der WM nur Riesenslalom und Slalom fuhren. Im Rennen bestätigten sie die positiven Eindrücke aus dem Training – und wie. Im Super-G legten sie einen starken Lauf hin und ließen die Weltelite hinter sich. Ein Ausrufezeichen einen Monat vor den Paralympics. „Wir haben das Training nach der WM 2017 weiter gesteigert und ich stand noch häufiger auf Skiern. Das gibt mir deutlich mehr Sicherheit“, sagt Noemi Ristau.

Auch Geschwindigkeiten von über 100 km/h jagen ihr keine Angst ein. „Es macht mir einfach großen Spaß, so schnell zu fahren. Ich liebe die Geschwindigkeit und das Adrenalin“, sagt sie und Lucien Gerkau ergänzt mit einem Schmunzeln: „Das ist eine Kombination aus mutig und verrückt. Es ist sehr selten, dass jemand so talentiert ist und sich so die Pisten hinunterstürzt, ohne wirklich etwas zu erkennen.“ Denn Ristau kann die Tore oder ihren Guide auf der Strecke nicht wirklich sehen. „Ab und zu erkenne ich mal einen Schatten, dann weiß ich, dass ich ein Tor passiert habe“, sagt die sehbehinderte Skifahrerin.

Bis zu 60 Tore müssen vor dem Start im Kopf abgespeichert werden

Umso entscheidender ist die Vorbereitung eines Rennens bei der Streckenbesichtigung. „Ich habe den gesamten Hang im Kopf, kenne ihn auswendig von oben bis unten mit all seinen Tücken“, betont Ristau. Die Schwierigkeit: Die Orientierung nicht zu verlieren. Immerhin müssen je nach Disziplin 40 bis 60 Tore umkurvt werden. „Durch die Anspannung und Konzentration auf das Skifahren ist es für Noemi kaum möglich, während des kompletten Laufs die Orientierung zu behalten“, erklärt Gerkau und Ristau fügt augenzwinkernd an: „Deswegen muss ich immer gut auf Lucien hören.“

Nun steht mit den Paralympics in Südkorea das große Ziel auf dem Programm. Die Vorfreude steigt täglich. „Ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Von den anderen aus dem Team habe ich schon einiges erzählt bekommen und ich male mir aus, wie es werden könnte“, sagt die ausgebildete Ergotherapeutin. Nach WM-Bronze und Weltcup-Sieg schielen die beiden natürlich in Richtung Podestplätze, doch das Vorhaben lautet: „Alles geben, so wie immer, und dann schauen wir, was dabei herauskommt.“ Nach dem hervorragenden Abschneiden auch in den Speed-Rennen könnte das Duo in allen fünf Disziplinen an den Start gehen. Dann wollen Noemi Ristau und Lucien Gerkau ihre tolle Entwicklung unterstreichen und sich bei den Paralympics belohnen. Mit vollem Tempo, ohne zu sehen – und mit großem Vertrauen. Kevin Müller

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