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Sledge-Eishockey

Eiszeit in Wedemark

Sledge-Eishockey zählt nicht nur zu den kältesten, sondern auch zu den härtesten Mannschaftssportarten. Eine Trainingseinheit, bei der man von unten erfriert, während die Arme brennen.

Training bis zum Umfallen. Foto: Franco Erschbaumer

„Ist denn das so schwer? Du sollst einfach einen Bogen fahren!“ Mit leeren Armen hängen die Spieler in ihren Schlitten, und ihr Trainer läuft zur Höchstform auf. Immer und immer wieder hat Michael Gursinsky seine Jungs und die einzige Frau, Ewa Raminska um die Tore gejagt – Runde um Runde. Jetzt sind die Akkus leer. „Der Saftsack“, hört man einen der Spieler sagen, aber mehr zu sich selbst als zu den anderen. Auf jeden Fall so, dass es der Coach nicht hören kann.

Dabei hätte er es ruhig hören können: Fluchen gehört zum Sledge-Eishockey irgendwie dazu, möchte man meinen. Ebenso wie die Bereitschaft, selbst im Training alles aus sich herauszuholen, dem Puck nachzujagen, bis die Arme schmerzen. Das weiß nicht nur der Coach, das wissen auch die Spieler – dafür sind sie hier.

Freitag, kurz vor Mitternacht. Die Eissporthalle in Wedemark. Es ist die ganz gewöhnliche Trainingszeit der RSG Hannover. Aus halb Deutschland sind die 14 Spieler zusammengekommen, um Sledge-Eishockey zu spielen. Zu einer Tages- oder besser nachtzeit, bei der den meisten von uns nichts anderes mehr einfallen würde als das wohligwarme Wohnzimmersofa, das Bier links, die Fernbedienung rechts. Und dazwischen räkelt sich genüsslich unser innerer Schweinehund, und freut sich über seinen letzten Sieg. Diesen Schweinehund zu überwinden, genau das ist sozusagen Programm im Icehouse in Wedemark.

In Deutschland wird Sledge-Eishockey gerade seit fünf Jahren gespielt. Die Regeln sind die im Eishockey, nur das Spielgerät unterscheidet sich. Die Sledge-Eishockey-Spieler sitzen festgeschnallt auf Spezialschlitten und spielen mit zwei Stöcken, die sie zum Fortbewegen und schlagen des Pucks verwenden. Am Stockende befinden sich Spikes, die zum Abstoßen ins Eis geschlagen werden.

Die andere Seite des Stocks ist die übliche Kelle. Gespielt wird mit je fünf Feldspielern und einem Torwart. Den weitesten Weg hat heute einmal mehr Robert Papst auf sich genommen. Er kommt aus Görlitz, „der östlichsten Stadt Deutschlands“, wie er betont. Gemeinsam mit sechs Weggefährten hat er in Dresden bereits ein eigenes Team aufgezogen, doch beim Training in Wedemark ist er möglichst alle drei Wochen dabei. Hier ist schließlich sozusagen die Keimzelle des Sledge-Eishockey in Deutschland.

Bis vor kurzem kam die komplette inoffizielle Nationalmannschaft aus Hannover. Und trotz seiner kurzen Geschichte kann das deutsche Team bereits internationale Erfolge vorweisen. In der vergangenen Saison hat es sich erstmalig mit zwei Siegen gegen das holländische Nationalteam einen Namen gemacht. Außerdem waren die Deutschen bereits über Teams aus Wales und Norwegen erfolgreich. Beachtlich, zumal die Norweger wie die Schweden als Maß aller Dinge in Sachen Eissport gelten.

Alle tanzen nach seiner Pfeife: Coach Michael Gursinsky. Foto: Franco Erschbaumer

Nur im vergangenen Spiel gegen das Nationalteam aus Cardiff/Wales haben die Deutschen im eigenen Icehouse eine 0:2-Schlappe hinnehmen müssen. Im ersten Drittel hatte die Mannschaft um Kapitän Gerd Bleidorn extrem Druck gemacht; den wenigen, aber gefährlichen Angriffen der Gäste machte der deutsche Keeper Frank Rademacher ein vorzeitiges Ende. Im zweiten Drittel machten die Deutschen schließlich einen groben Abwehrfehler, den Llyr Gwyndaf zum 1:0 nutzte.

Bleidorn, Burhaneddin Turan und Marius Hattendorf hatten danach noch einige gute Torchancen, aber es fehlte etwas das Glück. Zwei Minuten vor Schluss nahm Trainer Gursinsky seinen Torwart Rademacher raus, um alle Energie in den Angriff zu stecken, da gelang den Walisern drei Sekunden vor dem Abpfiff noch das 2:0. Aber man kann ja nicht immer gewinnen.

Damit die Erfolgsserie nicht wirklich abbricht, hat sich Coach Gursinsky für heute noch etwas ausgedacht: „Wir bilden zwei Staffeln. Die Mannschaft, die gewinnt, darf heute noch etwas spielen, die anderen machen die restliche Zeit Konditionstraining.“ Wieder macht sich so etwas wie Unmut breit, aber schließlich sind alle bei der Sache. Das war nicht immer so. „Die Leistung und Moral hatte zeitweise bei einigen Mitgliedern zu wünschen übrig gelassen, da blieb uns nichts anderes übrig, als eine Weile mit den Spielen vor Publikum auszusetzen“, erklärt Detlef Zinke, Vorsitzender der RSG Hannover und Spieler der ersten Stunde. heute ist der 43-Jährige nicht mehr aktiv dabei.

Aber seine Augen beginnen zu leuchten, als er sich an die Anfänge erinnert. „Wir haben hier in Wedemark anfangs vor 2.000 Zuschauern gespielt, das war schon ein unvergessliches Erlebnis. heute sind es pro Spiel immerhin noch so um die 500.“ Dass das Interesse für Sledge-Eishockey in dem niedersächsischen Nest anhaltend groß ist, hängt wohl damit zusammen, dass dort der DEL-Club Hannover Scorpions beheimatet ist. Guter Nährboden also für die junge Sportart Sledge-Eishockey.

Kurze Trinkpause. Am Ende dürfen doch alle noch spielen. Sichtlich müde sind sie alle bereits, aber ihren Sinn für schlechten Humor haben sie noch nicht verloren. „das ist unser Maskottchen“, meint einer und zeigt auf Ewa. Doch Ewa lächelt nur gelassen. Eben in der Staffel hat sie den meisten ihrer Kollegen wieder gezeigt, wo der Hammer hängt. Sie weiß, wenn endlich die Sledge-Eishockey-Liga gegründet ist, wird auch sie dabei sein. Und das kann nicht mehr lange dauern. neben Hannover gehören Dresden und Bremen zu den ersten Teams, die mitmachen werden, außerdem tut sich einiges in Aachen, Hamburg und Unna. Und wenn es erst einmal soweit ist, wird das nächste große Ziel vor der Tür stehen. Denn während zur Zeit alles von den diesjährigen Paralympics in Sydney spricht, sind die Wintersportler gedanklich bereits bei den Spielen 2002 in Salt Lake City/USA.

Ob Robert Papst dann immer noch den weiten Weg aus Görlitz machen wird, kann zumindest er selbst sich nicht mehr vorstellen. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann kommen bald alle zu uns. Wir sind einfach besser.“ Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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