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Rugby-Qualifikationsturnier:

Elf Männer, eine Frau, ein Ziel

Kein Sport für „Weicheier“: Beim Rollstuhlrugby geht es ordentlich zur Sache. Vom 18. bis 21. April spielt die deutsche Nationalmannschaft im Qualifikationsturnier in Paris um ein Ticket zu den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro. Deutschlands „Geheimwaffe“ ist dabei eine Frau.

Beim Qualifikationsturnier in Paris will das deutsche Team die Teilnahme an den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro klarmachen. Foto: DBS

Beim Qualifikationsturnier in Paris will das deutsche Team die Teilnahme an den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro klarmachen. Foto: DBS

Anfang April hatte Cheftrainer Christoph Werner sein Team noch einmal zum Lehrgang in Bad Blankenburg versammelt. Die Rollstühle krachten ineinander, Vollgas im Training. Lücken mussten gefunden, die Abstimmung perfektioniert werden. Elf Spieler und eine Spielerin gaben noch einmal alles. Denn jetzt gilt´s. „Wir wollten uns den letzten Feinschliff holen“, sagt der Coach der deutschen Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft. Vom 18. bis 21. April spielt seine Mannschaft beim Qualifikationsturnier in Paris um die Teilnahme an den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro. Eine Chance, die sie unbedingt nutzen will. Es ist die letzte.

Sechs Teams streiten in dem Turnier noch um zwei Plätze. Oder? „Eigentlich nicht“, sagt Werner, „die USA spielen in einer eigenen Liga, die sind eigentlich gesetzt“. Also geht es praktisch nur noch um einen Platz. Frankreich, Dänemark, Neuseeland und Finnland sind noch dabei. Die Gastgeber und die Skandinavier schätzt Werner als härteste Kontrahenten ein. „Aber unser Vorteil ist, dass wir uns seit der Europameisterschaft im September, als wir zweimal knapp gegen Dänemark verloren haben, stark verbessert haben. Das könnte eine Überraschung für die anderen sein.“

Nur rund 300 aktive Spieler gibt es in Deutschland in 32 Vereinen. Es gibt große „weiße Flecken“ auf der Landkarte, zwischen Hannover und Bochum beispielsweise sucht man ein Angebot vergeblich, im Norden wird nur in Hamburg, Greifswald und Rostock gespielt. Der Sport steht eindeutig im Schatten von Rollstuhl-Basketball. Dabei ist es eine höchst dynamische Angelegenheit, ein physisches Spiel. Crashs mit den bis zu 8000 Euro teuren Spezialrollstühlen sind an der Tagesordnung. Es ist schnell und hart, nichts für „Weicheier“. Seit 2000 steht die Sportart im paralympischen Programm. „Ich hoffe natürlich, dass bei einer Paralympics-Teilnahme auch die Aufmerksamkeit für unseren Sport in Deutschland steigt“, sagt der 47 Jahre alte Werner, der selbst als Aktiver zweimal an den Spielen teilgenommen hat: „Das ist das Größte, was man als Sportler erreichen kann, einfach unvergesslich.“

In seinem Kader steht auch die Hamburgerin Britta Kripke, die einzige Frau im deutschen Aufgebot. Sie ist so etwas wie Werners „Geheimwaffe“, denn Frauen erhalten in der Klassifizierung einen Bonus von einem halben Punkt. Die Gesamtsumme der vier Spieler auf dem Feld darf acht Punkte nicht überschreiten, wobei die Spieler mit der niedrigsten Punktzahl die am schwersten eingeschränkten sind. Kripke spielt also als 0,5er, bringt aber die Leistung einer 1-Punkt-Spielerin. „Sie ist wendig und wir haben mit ihr deutlich mehr Speed auf dem Feld“, lobt Coach Werner, „nur taktisch hat sie manchmal noch Defizite“. Britta Kripke leidet an CMT, einer Nervenerkrankung, die zu einer fortschreitenden Muskelschwäche führt. Davon sind nicht nur die Beine, sondern auch die Arme betroffen. Beim Rollstuhlrugby müssen mindestens drei Gliedmaßen eingeschränkt sein. „Ich habe vor acht Jahren auf einer Messe nach einer Sportart gesucht und dabei Rugby kennengelernt“, berichtet Kripke, „es ist großartig, einen Sport gefunden zu haben, in dem man auf seiner Position auch mit meinen Einschränkungen erfolgreich sein kann“.

Die Vorbereitung auf Paris hat auch das Leben der Einkäuferin in einem Hamburger Käsegroßhandel zuletzt stark beeinflusst. „Wir haben im letzten halben Jahr praktisch einmal im Monat einen Lehrgang gehabt und an internationalen Turnieren teilgenommen“, erzählt die 38-Jährige, die mit Greifswald in der Bundesliga aktiv ist: „Wir haben dabei gefühlt einen Riesensprung gemacht.“ Jetzt muss es ‚nur’ noch mit der Quali klappen, der Spielplan ist dabei „wie gemalt“, meint Werner: „Wir fangen am 18. April vormittags gegen die USA an, da haben wir gar nichts zu verlieren, können aber gut ins Turnier kommen. Dann folgt noch am Nachmittag Finnland, die müssen wir schlagen. Und dann sind wir vor den entscheidenden Partien hoffentlich gut im Spielfluss.“ Um sich den großen Traum zu erfüllen: Die Teilnahme an den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro. Kevin Müller

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