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Endgültig: Pistorius nicht bei Olympia

Hoch zufrieden mit der Rekordteilnahme von 455 Athletinnen und Athleten aus 28 Nationen zeigten sich in Berlin die Verantwortlichen der Internationalen Deutschen Meisterschaften Leichtathletik der Behinderten (IDM) in Berlin. Nach einer kurzfristigen Wende, ist nun für Oscar Pistorius der Traum von einer Olympia-Teilnahme in Beijing endgültig geplatzt.

Oscar Pistorius. Foto: Franco Erschbaumer/outrun-Archivbild

Oscar Pistorius. Foto: Franco Erschbaumer/outrun-Archivbild

„Wir haben sicherlich mit einer großen Teilnehmerzahl gerechnet, da ja die Meisterschaften für viele Nationen die letzte Möglichkeit der Klassifizierung und Qualifizierung für die Paralympics in Beijing sind. Aber von dieser weltweiten Resonanz, es haben sich 128 Vereine und Verbände, darunter 100 deutsche Vereine angemeldet, waren wir dann doch sehr überrascht“, so Dr. Ralf Otto vom Paralympischen Sport Club Berlin (PSC).

Der Südafrikaner Oscar Pistorius, der gegenwärtig die paralympischen Weltrekorde über 100m, 200m und 400m hält, gab sich zu diesem Zeitpunkt noch gelassen: „Ich werde mein Trainingsprogramm im Hinblick auf die Paralympics weiter durchziehen, und in meinen drei Wettkampftagen mein Bestes geben. Meine Spezialstrecke sind die 400 Meter. Hier in Berlin werde ich versuchen, mich für das südafrikanische Olympia-Staffelteam endgültig zu qualifizieren.“

Doch aus der Quali-Zeit für Olympia sollte nichts werden, weder in Berlin, noch danach in Luzern. Nach einem zwischenzeitlichen Startverbot durch den Weltverband IAAF im Vorfeld, hatte Pistorius zwar vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS sein formales Teilnahmerecht an den Meetings der Nichtbehinderten und auch bei Olympia letztlich doch noch erkämpfen können. Beim Leichtathletik-Meeting in Luzern verpasste der 21-jährige jedoch im B-Lauf in 46,25 Sekunden um sieben Zehntelsekunden endgültig die Peking-Norm für einen Einzelstart bei Olympia. Trösten konnte sich Pistorius damit, dass er so schnell wie nie auf der Stadionrunde unterwegs war und seine persönliche Bestzeit um elf Hundertstelsekunden unterbot.

Und außerdem war da noch die Hoffnung, von seinem Verband für einen Start in der südafrikanischen Olympia-Staffel nominiert zu werden (auch der Traum zerplatzte später), aber auch dort hatte ihn der Weltverband trotz grundsätzlicher Starterlaubnis am liebsten nicht sehen wollen: Seine Prothesen, hieß es von Seiten der IAAF, könnten ihn und seine Konkurrenten im zumeist turbulenten Geschehen bei den Wechseln gefährden. „Ich glaube, dass ist der letzte verzweifelte Versuch der IAAF, mir die Qualifikationschance zu nehmen“, so der Kommentar des Südafrikaners.

Doch Pistorius ist ja noch sehr jung, und so ist zu erwarten, dass das Thema zu gegebener Zeit wieder auf den Tisch kommen wird. Möglicherweise vor den Olympischen Spielen 2012 in London.

In Berlin war es jedenfalls nicht nur Pistorius, der eine gute Show bot: So stellte die Rollstuhlsportlerin Martina Willing von der SG Stahl Brandenburg mit 24,03 Meter einen neuen Weltrekord im Speerwurf auf. Marianne Buggenhagen vom SC Berlin holte mit 17,96 Meter Bronze.

Die sehbehinderten Sprinter Matthias Schröder und Thomas Ulbricht vom PSC Berlin konnten sich mit 11,36 bzw. 11,61 Sekunden über die 100m für den Endlauf qualifizieren.

Weitere Ergebnisse für Berliner Sportlerinnen: Katrin Müller-Rottgardt (PSC Berlin) belegte Platz 4 in der offenen Klasse im Weitsprung. Claudia Biene (PSVC Berlin) belegte ebenfalls Rang 4 im Weitsprung der Klasse F42. Odonchimeg Heynol vom ASV Berlin wurde Internationale Deutsche Meisterin im Standweitsprung der Seniorinnen F48.

Speziell der Deutsche Rekord von Frank Tinnemeier im Kugelstoßen mit 12,99 Meter und die 4,75 Meter von Astrid Höfte im Weitsprung gehörten zu den Highlights der Titelkämpfe aus Sicht des TSV Bayer 04 Leverkusen. Mathias Mester bewies mit 10,97 Meter erneut seine herausragenden Fähigkeiten im Kugelstoßen.

Nachdem Frank Tinnemeier bereits beim Einstoßen überzeugen konnte, steigerte er sich im ersten Versuch auf 12,99 Meter und verbesserte seinen Deutschen Rekord um 77 Zentimeter. In der offenen Klasse belegte Tinnemeier Platz 2 und schob sich auf Platz 5 der Weltrangliste. Zugleich sicherte er sich ein Ticket für die Paralympics in Peking. Den Titel in der Klasse mit der 4 kg-Kugel holte Mathias Mester. Der kleinwüchsige Athlet von Trainerin Steffi Nerius dominierte mit 10,97 Meter den Wettbewerb und bewies erneut seine Klasse.

Weitspringerin Astrid Höfte wusste ebenfalls zu überzeugen. Mit 4,75 Meter musste sie sich lediglich ihrer langjährigen Konkurrentin Andrea Scherney mit 4,93 Meter geschlagen geben. Die 29-Jährige erzielte erstmalig in diesem Jahr die B-Norm.

Pech hatten Bayers Sprinter: Heinrich Popow wurde auf dem Weg zu einer neuen persönlichen Bestzeit 20 Meter vor dem Ziel durch den Bruch seiner Prothesen-Feder gestoppt und stürzte.

Marc Lembeck hatte noch mit den Folgen einer Erkältung zu kämpfen, erreichte aber dennoch das Finale. Diana Bourrouag: „Unter diesen Umständen müssen wir mit den 12,02 Sekunden zufrieden sein. Marc muss morgen wohl auf die 400m verzichten.“

Wie schon in den vergangenen Jahren zeigten sich die Leverkusener Senioren am ersten Tag der Meisterschaften von ihrer besten Seite. Horst Brune gewann die Silbermedaille über 300m in 13:39,18 Minuten. Rainer Guhl gewann bei seinem letzten Wettkampf den Titel mit Kugel (9,17m) und sicherte sich mit dem Diskus Platz zwei (23,82m).

Auch der zweite Tag der IDM brachte dann einen neuen Weltrekord: Mathias Mester warf den 600g-Speer im offenen Finale auf 37,09 Meter.

Und auch aus Berliner Sicht war es wieder ein erfolgreicher Tag: Katrin Müller-Rottgardt vom PSC Berlin wurde Internationale Deutsche Meisterin im offenen 100m- Lauf mit 12,95 Sekunden und belegte Rang vier im Weitsprung mit 5,05 Meter.

Im Finale der Startklasse T12 über 100m sprintete Matthias Schröder vom PSC Berlin auf Platz eins mit 11,19 Sekunden, und sein Vereinskollege Thomas Ulbricht wurde mit 11,48 Sekunden Vizemeister. Gabriel Potra aus Portugal kam mit 11,61 Sekunden auf Rang drei.

Im Weitsprung gab es für Schröder dann Silber mit 6,72 meter. Den hochkarätig besetzten Wettbewerb gewann Wojtek Czyz aus Kaiserslautern, Dritter wurde der Japaner Atsushi Yamamoto vor Thomas Ulbricht.

Im Diskuswurf belegte der Fünfkämpfer Ulbricht einen sehr guten vierten Platz hinter Miroslaw Madzia aus Polen, Loukas Kaskanis aus Griechenland und Jürgen Trippen-Hilgers von der SFG Bernkastel Kues.

Claudia Biene, ebenfalls PSC Berlin, belegte über die 100 Meter und im Weitsprung jeweils nur den undankbaren 4. Platz.

Am letzten Tag der Meisterschaften erreichte die Astrid Höfte über 200 Meter Platz drei in 29,57 Sekunden. Damit verfehlte die Athletin von Karl-Heinz Düe nur knapp ihre Bestzeit.

Christopher Hoffmann verfehlte seine Bestzeit über 200 Meter in 24,54 Sekunden nur knapp. Für Hoffmann, der in diesem Jahr einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, kommen die Paralympics noch nicht in Frage. Der Athlet von Diana Bourrouag wurde allerdings für die Junioren WM im Juli in den USA nominiert.

Annalena Knors präsentierte sich auch am Schlusstag der DM in blendender Verfassung und stellte mit 27,20 Sekunden eine weitere Bestleistung auf. Sie erreichte ebenfalls Platz drei in der offenen Klasse.

Zum Abschluss der Wettkämpfe lief Hannes Schürmann in 4:13,02 Minuten Bestzeit über 1000 Meter und sicherte sich Bronze. Schürmann startete als Schüler in der Jugend, da die 1000 Meter-Strecke für Schüler nicht auf dem Programm steht.

Berlin werden zwei ausländische Gäste besonders gut in Erinnerung behalten. Das von der Gemeinschaft Deutscher Blindenfreunde erstmals gestiftete Preisgeld für die beste Leistung einer Blindensportlerin und eines Blindensportlers in Höhe von jeweils 500 Euro ging an Alexandra Dimoglou aus Griechenland und Carlos Lopes aus Portugal für ihre Siege im 100m-Sprint. rt, jf, fee

 

Bis zum schicksalhaften Valentinstag 2013 war der Südafrikaner Oscar Pistorius ein weltweit geachteter Ausnahmesportler und Vorzeigeathlet. Dann, in den frühen Morgenstunden des 14. Februar, erschoss er seine Freundin Reeva Steenkamp. Gleichsam über Nacht war er nicht mehr der umjubelte und von allen geliebte »Blade Runner«, wie er wegen seiner markanten Prothesen genannt wurde, sondern die Medien überschlugen sich mit Geschichten über seine vermeintliche Unberechenbarkeit und seine dunkle, gewalttätige Seite. Der sieben Monate dauernde Prozess gegen Pistorius, live im Fernsehen übertragen, wurde zum weltweiten Medienereignis. Seine vielen überraschenden Wendungen zogen Millionen in ihren Bann. Der Autor John Carlin verfolgte die Verhandlung als Prozessbeobachter aus nächster Nähe. Sein Buch Oscar Pistorius: Auf der Suche nach der Wahrheit ist das Psychogramm einer hochkomplexen Persönlichkeit, deren Leben sich zwischen den Extremem bewegte: Mut und Unsicherheit, Ehrgeiz und Verwundbarkeit, Großmut und Hitzköpfigkeit. Und es beantwortet die Frage, was das Verfahren für den noch jungen Rechtsstaat Südafrika bedeutet

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