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Leichtathletik Paralympics 2004

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

„Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“ Dem deutschen Sprinter Wojtek Czyz laufen Tränen der Freude übers Gesicht. Der 24-Jährige lief gerade bei den Paralympics in Athen die Königsdisziplin 100 Meter in einer Zeit von 12,51 Sekunden und egalisierte damit den bestehenden paralympischen Rekord. Ein besonders schöner Tag für die deutsche Leichtathletik.

Wer hätte vor drei Jahren Wojtek Czyc einen solchen Erfolg zugetraut? Vermutlich er sich selbst. Anders ist seine sportliche Entwicklung nicht zu erklären. Vor drei Jahren war der heute 24-Jährige auf dem besten Weg, Profifußballer zu werden. Einen Vertrag beim damaligen Regionalligisten Fortuna Köln hatte er bereits in der Tasche, als er sich in seinem letzten Einsatz für den Verbandsliga-Club VfR Grünstadt im Zweikampf mit dem gegnerischen Torwart eine besonders üble Verletzung zuzog, die ihn jäh aus seinen Zukunftsträumen reißen sollte. Sein linkes Bein musste oberhalb des Knies amputiert werden. Ein schwerer Schlag für Wojtek, für den es bis dato nie eine echte Alternative zum Profisport gegeben hatte.

Dass er nun Paralympicssieger ist, hat er sich selbst und vielen Faktoren zu verdanken. „Unser Ziel war eine Medaille, doch dass sie Wojteks ärgsten Widersacher wegen Dopings rausgeworfen haben, hat ihn natürlich zusätzlich angestachelt“, erklärt sein Kölner Trainer Norbert Stein. Der kanadische Weltrekordhalter Earle Connor (12,14 Sekunden) hatte phasenweise schon eine Zeit unter 12 Sekunden angekündigt, war dann aber kurz vor Beginn der Paralympics der Einnahme von Nandrolon und Testosteron überführt worden. Was das Aus für den kanadischen Leichtathletikstar Connor bedeutete und die Bahn frei gemacht hat für hungrige Leute wie Czyc.

„Das ist die Königsdisziplin, die haben wir noch nie gewonnen“, freute sich auch Dr. Karl Quade, Chef de Mission der deutschen Delegation. Wer hat zu diesem Zeitpunkt schon ahnen können, dass Senkrechtstarter Czyc bei den Spielen noch zweimal Gold holen würde, nämlich einmal über die 200 Meter und ein drittes Mal im Weitsprung.

“Ich sehe die Bahn und das ist alles”

Über die 200 Meter lief er die Weltrekordzeit von 26,18 Sekunden. Sein 21-Jähriger Teamkollege Heinrich Popow wurde Dritter hinter Czyz und dem Franzosen Clavel Kayitare (26,64) in 27,10 Sekunden, war quasi gleichzeitig mit dem Deutschen Michael Haraem ins Ziel gelaufen. Gebannt blickten sie vereint auf die Anzeigetafel, um das Ergebnis abzuwarten. Da hatte sich Czyc bereits auf seine Ehrenrunde gemacht. „Wenn ein Deutscher gewinnt, sollte er die beiden anderen Deutschen doch mit auf die Ehrenrunde nehmen, oder?!“, monierte Popow später die Ungeduld des Siegers. Doch Czyc scheint sich in solchen Momenten ganz auf sich selbst und seine Aufgabe zu konzentrieren. „Ich sehe die Bahn und das ist alles“, hat er später gesagt. Er selbst bezeichnet sich als Profi, „in dem Sinne, dass ich es so ernst nehme, wie ein Sportler es ernst nehmen sollte.“

Zu den größten Überraschungen, um nicht zu sagen Sensationen der Spiele zählt der erst 17-Jährige Südafrikaner Oscar Pistorius. In der T44 startend, ist er quasi beidseitig Fuß amputiert. Über die 200 Meter-Distanz benötigte der Sprinter zunächst einige Meter, um richtig Speed drauf zu bekommen, dann aber explodierte der Newcomer förmlich auf der Zielgeraden und zog an den US-Favoriten Marlon Shirley und Brian Frasure in Riesenschritten vorbei. Seine Zeit: Fabelhafte 21,97 Sekunden. Pistorius gilt seitdem als der neue Stern am Sprinterhimmel; und Marlon Shirley ist um die Erfahrung reicher, wie es ist, trotz Weltrekord Zweiter zu werden.

Dass der Südafrikaner einiges auf der Pfanne hat, war Insidern schon im Vorfeld der Spiele klar. Von seinem Vater in keiner Weise übermäßig behütet, verbrachte Oscar seine Jugend unter anderem damit, Rugby mit seinen Schulkameraden zu spielen. Auch Brian Frasure wird wohl so seine Vorahnungen gehabt haben. Irgendwie trägt er einen Löwenanteil am Erfolg seines jetzt schnelleren Konkurrenten, denn als gelernter Orthopädiemechaniker hat er die Össur-Prothesen für seinen Klienten Pistorius passgenau gemacht. Sein Augen zwinkender Kommentar auf der Pressekonferenz: „Ich hätte damit wohl bis nachher warten sollen.“

Nicht nur, dass Pistorius jetzt auf beiden Seiten das gleiche Laufgefühl hat und deswegen seinen einseitig amputierten Mitbewerbern gegenüber im Vorteil ist. Er ist durch die Prothesen auch um einige Zentimeter größer, als es seiner naturgegebenen Größe wohl entspräche. Optimale Hebelverhältnisse sind die Folge, und es bleibt abzuwarten, zu welchen Zeiten dieser Zahnspangen bewaffnete Junge, der seine ganze Sprinterzukunft noch vor sich hat, in der Lage sein wird. Man fühlt sich bei Pistorius jedenfalls an bereits früher geführte Diskussionen erinnert und an den Ausnahmesprinter Tony Volpentest, der mit Amputationen an beiden Armen als auch Beinen der Konkurrenz davonlief und die Frage aufwarf, ob man irgendwann mit Hightech-Prothesen wird schneller laufen können als mit den eigenen Beinen.

Angriff der Jugend mit Weltrekord abgewehrt

Über 100 Meter haben Marlon Shirley und Brian Frasure den Angriff der Jugend noch einmal abwenden können. Allerdings musste Shirley schon einen neuen Weltrekord in 11,08 Sekunden dafür hinlegen. Was sind das bloß für Zeiten?

Es gab auch Stars, die schon so lange dabei sind und gewinnen, dass sie selbst als Institution angesehen werden könnten. Marianne Buggenhagen zum Beispiel. Die Kugelstoßerin aus Passion ließ sich nach einigem Hin und Her auch diesmal nicht vom Paralympics-Thron schubsen. Aber von vorn: Die 51-Jährige Berlinerin stieß mit 9,06 Metern im Kugelstoßen einen Weltrekord, und gewann damit aufgrund der neuen Klasseneinteilung, die erzielte Leistungen nach der vorliegenden Behinderung umrechnet, damit die Silbermedaille.

Auch hier war die Freude bereits riesengroß. „Die alte Schnecke. Sie hat zuletzt so an sich gezweifelt“, freute sich ihr Heimtrainer Bernd Mädler.

Am nächsten Tag erfuhr Buggenhagen unmittelbar nach dem Frühstück, dass sich ihr Weltrekord über Nacht von Silber in Gold verwandelt hat. Und das kam so: Die ursprünglich als Siegerin gefeierte Tschechin Jana Fesslova, die 6,86 Meter erzielte, wurde nach dem Wettkampf und mehreren Einsprüchen gegen ihre Klassifizierung, auf den elften Rang zurückgestuft. „Das ist eine Unmöglichkeit. Aber glücklicherweise ist für Marianne ja alles gut gegangen“, fand Chef de Mission Karl Quade nach der Bestätigung der achten Goldmedaille in der Karriere der Ausnahmeathletin Buggenhagen. Die Einsprüche waren erfolgreich, weil nach Angaben des IPC die falsche Klassifizierung schon vor Wettkampfbeginn bekannt war, allerdings gelang es nicht, das Organisationskomitee (Athoc) daran zu hindern, das Ergebnis per Zeremonie im Stadion öffentlich zu machen. Bei dem ganzen Hickhack ging der zweite Platz der Berlinerin im Diskus förmlich unter.

Chantal streckt allen die Zunge raus

Keine andere Sportlerin und auch kein anderer Sportler räumte allerdings bei den Spielen in Athen so sauber ab wie Chantal Peticlerc: Die Rollstuhlsprinterin aus Kanada hielt über 100, 200, 400, 800 und 1.500 Meter ihre Konkurrenz in Schach, holte also jede ihr nur mögliche Goldmedaille. Die 35-Jährige ist bekannt dafür, dass sie knallhart trainiert, und streckt vor Freude hinter der Zielgeraden den Zuschauern schon mal die Zunge raus. Ein Siegertyp eben.

Ein Siegertyp, leider aber auch ein Pechvogel ist der deutsche Rollstuhlsprinter Robert Figl. Bei den Olympischen Spielen hatte er den 1.500 Meter-Demonstrationswettbewerb gewonnen, aber bei den Paralympics blieb ihm ein Sieg der Goldmedaille verwehrt. Es war im Halbfinale, als der 37-Jährige in einen Zusammenstoß geriet und brutal stürzte. Aus der Traum, bei beiden Athener Großveranstaltungen die 1.500 Meter mit einem Sieg abzuschließen. Mit dem Sturz des Favoriten ging anscheinend auch das Selbstvertrauen der Teamkollegen zu Boden, denn es sollte danach keine Top-Drei-Platzierung mehr für die Rolli-Sprinter geben.

Medaillen gab es dennoch, und für die waren mitunter die starken Männer verantwortlich: Im Kugelstoßen der Klasse F 40 holte Lutz Langer mit 9,67 Metern Platz zwei. Ebenfalls Silber ging in der Klasse F 52 an den Diskuswerfer Rico Glagla (16,85 Meter). Bronze gab es für die nach einer Viruserkrankung geschwächt angetretene Martina Willing im Kugelstoßen der Klasse F 56 (7,94 m). Der Berliner Thomas Schröder errang den 3. Platz über 100 Meter der Sehgeschädigten, und Thomas Loosch holte sich im Diskus Bronze. Im Kugelstoßen riet der Gabelstaplerfahrer und geübte Selbstmotivator Loosch seinen Gegnern, sich schon mal warm anzuziehen, denn „der Sieg führt nur über den Weltrekord“. Womit der Wattenscheider insofern Recht haben sollte, den die Goldmedaille sicherte sich in der Klasse F 38 der Ukrainer Olek Doroschenko, mit 14,87 Meter neuer Weltrekordhalter.

Jörg Frischmann hat sein Ziel, in der zusammengelegten Klasse F44/46 eine Medaille zu holen, knapp verpasst (outrun berichtete in den letzten Ausgaben ausführlicher über Jörgs Vorbereitungen). Der im Vorfeld recht unbekannte und daher schwer einzuschätzende Kubaner Gerdan Fonseca schob sich auf Rang drei, Zweiter wurde der US-Boy Edwin Cockrell und Jackie Christiansen („Normal bin ich unschlagbar“) strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und wurde seiner Favoritenrolle vollauf gerecht. Jörg gelang es nicht, sein bestes Leistungsvermögen abzurufen und in Weite umzusetzen. Ob allerdings die anderen zu stark waren oder einfach weniger funktionell eingeschränkt, das sollte hier die Frage sein.

Die Sprinterin Isabelle Förder aus Erfurt gewann im 200 Meter-Lauf T 37 den dritten Rang. Und die erst 14-Jährige Weitspringerin Salome Kretz sammelte in Athen erste Erfahrungen auf internationalem Terrain und erreichte Platz neun.

Natur vs. Technik

Überhaupt sorgten die Weitsprungwettbewerbe für zahlreiche Höhepunkte: Die Oberschenkel amputierte Athletin Christine Wolf etwa sprang zunächst 3,53 Meter und verbesserte damit den Weltrekord um ganze drei Zentimeter. Riesengroß die Freude. Gold wäre Gold, vergessen in dem Moment die Tatsache, dass die Deutsche im Training dank ihrer modernen Prothese bereits die Vier-Meter-Marke überflogen hat. Einen solchen Sprung hätte die junge Athletin aber nötig gehabt an diesem Tag, denn so holte sich die Chinesin Hai Yuan Zhang mit 3,67 Meter den Sieg. Die zierliche und leichte Person legt ihre Krücken ab, hüpft auf einem Bein in mehreren, weiten Sätzen, stößt sich vom Balken ab und landet in der Sandgrube, weiter als jede ihrer Konkurrentinnen. Moment mal? Ist die Weite beim Weitsprung nicht abhängig von der Anlaufgeschwindigkeit? Egal, die menschliche Kraft hat über die moderne Technik gesiegt. Das hat irgendwie was Sympathisches. outrun/fee

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