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Kanutin Anja Adler

„Ich werde nicht aufgeben“

Anja Adler fiebert ihrer WM-Premiere entgegen. Bei den Para-Kanu-Weltmeisterschaften im tschechischen Racice vom 23. bis 27. August gehört sie dem deutschen Team ebenso an wie die Paralympics-Silbermedaillengewinner Edina Müller und Tom Kierey sowie Anke Molkenthin und Ivo Kilian. Vor zwei Jahren hätte sie daran noch keinen Gedanken verschwendet. Seit einem schweren Unfall in einem ehemaligen Bergwerk ist die 28-Jährige aus Halle (Saale) inkomplett querschnittgelähmt. Doch Anja Adler hat sich zurückgekämpft. Aufgeben? Ausgeschlossen!

Anja Adler. Foto: Hallescher Kanu Club

Der Leistungssport hat Adler schon immer fasziniert. „Ich war bereits als Kind begeisterte Leichtathletin“, erzählt sie. Beim Training entdeckte sie auch die Geher ihres Vereins. „Das hat ziemlich komisch ausgesehen und ich habe zusammen mit einer Freundin den Hüftschwung nachgemacht. Am nächsten Tag mussten wir zum Gespräch zum Trainer und haben gedacht, dass wir Ärger bekommen“, erinnert sich die 28-Jährige. Doch es gab keinen Ärger – im Gegenteil. Der eigentlich scherzhafte Hüftschwung hatte offensichtlich so beeindruckt, dass die beiden künftig bei den Gehern mittrainierten und große Freude an der Sportart entwickelten.

Nach einer Pause während des Abiturs und des Studiums packte Anja Adler die Leidenschaft wieder. Sie trainierte viel, machte große Fortschritte und schaffte es 2015 bei den deutschen Meisterschaften sogar unter die besten Zehn. „Es wurde mehr und mehr vom Hobby zum Leistungssport, ich hatte Ziele und die Platzierung bei den deutschen Meisterschaften hat mich zusätzlich motiviert“, berichtet sie. Anja Adler hatte Blut geleckt.

Doch nur einen Monat nach ihrem tollen Ergebnis platzten die Träume. Die Promotionsstudentin der Geologie war in einem Bergwerk im Südharz zu Forschungszwecken unterwegs. „Ich war auf der Suche nach Grundwasser“, sagt sie. Dann passierte das Unglück. Adler stürzte – 15 Meter hinab in die Tiefe. Eine inkomplette Querschnittlähmung war die Folge. Trotz dieses Erlebnisses betreibt sie weiter Höhlenforschung und schreibt darüber ihre Doktorarbeit „Jetzt eben theoretische Geologie anstatt in den Höhlen zu klettern“, erklärt die 28-Jährige.

Sie habe sich sehr gut eingefunden in ihr neues Leben, sagt sie und korrigiert direkt: „Nein, es ist kein neues Leben, nur ein verändertes.“ Adler bewegt sich meist mit dem Rollstuhl fort, allerdings auch mal laufend mit Unterarm-Gehstützen. „Dabei kommt mir meine Ausdauer vom Gehen zugute. Ich bin im Alltag immer wieder auch ohne Rollstuhl unterwegs und versuche es weiter zu steigern“, berichtet die Promotionsstudentin und ergänzt: „Ich mache immer wieder Fortschritte und werde garantiert nicht aufgeben. Denn ich weiß, wohin es gehen kann.“

Ihr Vorbild kommt aus der Deutschen Paralympischen Mannschaft, der mehrfache Paralympics-Sieger im Radsport, Michael Teuber. „Ich habe in der Reha das Buch bekommen, das seine Mutter geschrieben hat. Innerhalb von zwei Tagen habe ich es gelesen und es hat mir Mut gemacht. Wir haben ein ähnliches Lähmungsbild“, sagt Adler. Und Michael Teubers Geschichte macht ihr Mut – seine sportlichen Erfolge, dass er wieder gehen sogar und auch Berge besteigen kann. „Ich bin ebenfalls eine leidenschaftliche Bergwanderin, vielleicht kann ich ja auch nochmal einen Gipfel erklimmen.“

Doch zunächst gilt der volle Fokus ihrer WM-Premiere. Durch den Kontakt im Krankenhaus zu Physiotherapeut Mathias Neubert, der übergangsweise bereits Cheftrainer der Para-Kanu-Nationalmannschaft war, absolvierte Anja Adler eine Woche nach der Reha ein Schnuppertraining beim Halleschen Kanu-Club. „Das hat richtig Spaß gemacht. Ich bin dabei geblieben, habe viele Fortschritte gemacht und keinen einzigen Tag bereut – auch nicht im Winter, wenn die Hände am Paddel festfrieren“, sagt die 28-Jährige lachend.

Bei ihrer ersten Europameisterschaft im Juli landete sie im Kajak auf dem sechsten Platz, nun wird die Konkurrenz in ihrer Klasse noch größer sein. „Ich bin gut vorbereitet, habe hart gearbeitet und möchte meine guten Trainingszeiten auch im Wettkampf zeigen. Das Feld ist sehr eng, eine Finalteilnahme wäre gigantisch“, betont Adler. Die Vorfreude sei groß, die Aufregung ebenso. Neben dem Kajak startet sie diesmal auch in der Bootsklasse Va’a. Am 23. August wird es ernst. Das Ziel: zweimal ins Finale. „Auch wenn ich dann an einem Tag fünf Rennen hätte.“ Das nimmt die Kämpferin Anja Adler gerne in Kauf. Und aufgeben wird sie ohnehin nicht.

„Anja hat richtig gute Fortschritte gemacht. Sie ist ein lebensfroher und positiver Mensch“, erklärt der deutsche Cheftrainer Arne Bandholz. Er hofft darauf, dass sein fünfköpfiges Team mit zwei Medaillen von den Weltmeisterschaften in Racice zurückkommen wird. Edina Müller und Tom Kierey gehen als WM-Titelverteidiger an den Start, hatten allerdings nach ihren Silbermedaillen bei den Paralympics in Rio de Janeiro verletzungsbedingte Pausen einlegen müssen. „Beide sind länger ausgefallen. Bei Edina ist eine Medaille möglich, für Tom wird es diesmal wohl schwierig, aufs Podest zu kommen“, prognostiziert Bandholz. Das Potenzial, eine Medaille zu gewinnen, habe Ivo Kilian in der nicht-paralympischen Bootsklasse Va’a. Bei der EM holte Kilian Silber, das traut ihm Bandholz durchaus wieder zu. „Er hat das Zeug dazu, es wird allerdings ein spannender Kampf, bei dem alles passen muss.“ Die Wettkämpfe finden parallel zu den Weltmeisterschaften der Kanuten ohne Behinderung und am selben Ort statt. Markéta Marzoli

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