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Niko von Glasow, Regisseur

„Ich wollte immer Filme machen“

Eine tiefe Angst zu überwinden, ist immer ein großer Sieg, sagt der „Nobody‘s perfect“-Regisseur Niko von Glasow. Seinen Film zu drehen, so Glasow, sei für ihn auch ein Stück Selbsttherapie gewesen. Denn er selbst hatte den Kontakt zu anderen Contergangeschädigten bislang gemieden. Wenn er sie sah, sah er sich selbst.

Szene aus Nico von Glasows (auf der Bank) Film Nobody's perfect. Foto: Ventura-Film

Szene aus Nico von Glasows (auf der Bank) Film Nobody’s perfect. Foto: Ventura-Film

OUTRUN: WO LEBEN SIE?
NIKO VON GLASOW:
Mit meiner Frau Kiki, selber Autorin und Filmemacherin und meinen zwei Kindern Julie und Mandel, sie sind zehn und zwölf, lebe ich in London. Wir haben zwei Katzen und zwei Meerschweinchen.

OUTRUN: WIE SIND SIE AUF LONDON GEKOMMEN?
NIKO VON GLASOW:
Ich bin die Hälfte meiner Zeit auch in meiner Heimatstadt Köln. Schon seit meinem Abitur habe eine Art Hassliebe zu Deutschland. Ich freu mich immer, wenn ich zurückkomme und bin froh, wenn ich wieder weg kann.

OUTRUN: WIE KOMMT DAS?
NIKO VON GLASOW:
Das hat wahrscheinlich etwas mit meiner Behinderung zu tun. In richtigen Weltstädten wie London oder New York, da wirst du nicht so angestarrt. Aber auch meine Herkunft spielt eine Rolle, denn es war auch immer der Traum meines jüdischen Vaters, zu emigrieren. Er hat es nicht geschafft. So bin halt ich so was wie ein Halbemigrant geworden. Aber ich liebe Köln. Und England hat genau die richtige Entfernung und die richtige Nähe. Natürlich träume ich auch davon, englischsprachige Filme zu machen. Aber wahrscheinlich mag ich einfach nur reisen.

OUTRUN: WOLLTEN SIE SICH VIELLEICHT AUCH DEM DRUCK IHRER IN KÖLN RECHT BEKANNTEN FAMILIE ENTZIEHEN?
NIKO VON GLASOW:
Ich entstamme einem richtigen Familienclan: Da ist auf der einen die jüdisch-melancholische Seite meines Vaters, Ernst Brücher. Hildegard Hamm-Brücher ist seine Schwester. Sie wurde Politikerin und mein Vater wurde Verleger. Hildegard Hamm-Brücher ist eine ganz großartige Frau und nicht nur meine Tante und Patentante, sie ist auch meine Freundin. Mein Vater war der Verleger des DuMont Kunstbuchverlags, der in den sechziger und siebziger Jahren sicher in seinem Gebiet einer der besten Verlage der Welt war. Dann gibt es die Seite meiner Mutter, die kreativ-kapitalistische Seite. Ein Urgroßvater war übrigens der Münchener Malerfürst Franz von Lenbach. Und meine Mutter stammt aus der Zeitungs- und Buchverlegerdynastie Neven DuMont. Dann gibt es da noch ein paar nette Diplomaten und andere Menschen. Das ist so viel Familie. Als einzelne Menschen alle sehr interessant und liebenswürdig, aber als Clan doch ein bisschen viel auf einmal.

OUTRUN: WIE SIND SIE ZUM FILMEMACHEN GEKOMMEN?
NIKO VON GLASOW:
Ich wollte immer Filme machen. Schon als Fünfjähriger habe ich meine Stofftiere gegeneinander kämpfen lassen und sie dabei fotografiert. Und ich habe eine ganze Menge Super-8-Filme gemacht. Direkt nach dem Abitur bin ich zu Fassbinder gekommen und habe dann zehn Jahre lang als Regieassistent mit verschiedenen Regisseuren, darunter Alexander Kluge und Peter Zadek gearbeitet. Dann habe ich Film studiert, zuerst an der New York University und dann an der Filmhochschule Łódź. Dort habe ich mit HOCHZEITSGÄSTE meinen ersten Film gemacht.

OUTRUN: DAS KLINGT ERSTMAL SO, ALS HÄTTE SIE IHRE BEHINDERUNG IN DEM, WAS SIE TUN, NICHT BEEINFLUSST.
NIKO VON GLASOW:
Das hat natürlich mein Leben in vieler Hinsicht beeinflusst. Auch positiv. Zum Beispiel bin ich mit meiner Frau Kiki jetzt 28 Jahre zusammen. Diese Treue und diese gute Beziehung habe ich auch meinen kurzen Armen zu verdanken, weil ich nun mal nicht so oft angemacht werde und nicht einfach auf jeder Party mit irgendeiner Frau ins Bett springen kann. So hat das auch seinen Vorteil.

OUTRUN: UND WIE STEHT ES MIT DEN BERUFLICHEN ANBITIONEN?
NIKO VON GLASOW:
Das ist natürlich nicht zu beweisen, denn ich wollte immer Regisseur werden. Ich wusste schon immer genau, was Regie ist: gute Leute finden und mit denen gute Sachen machen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind schon Malern gesagt habe, was sie malen sollen. Dabei sind ganz interessante Bilder entstanden. Meine Fantasien anderen zu erzählen und die dazu zu bringen, diese bildlich zu machen, das ist es.

OUTRUN: WANN HABEN SIE SELBER IHRE BEHINDERUNG BEMERKT?
NIKO VON GLASOW:
Als Kind fast gar nicht. Erst, als das in der Pubertät mit den Mädchen erstmal nicht so gut lief, wie bei den anderen Jungs. Im Endeffekt hatte ich dann immer sehr hübsche und sehr nette Freundinnen. Diese Partyerlebnisse waren hart, als ich bemerken musste, dass ich anders bin als andere. Aber das waren nur ein paar Stunden und dann verging das auch wieder. Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag behindert bin.

OUTRUN: WAREN SIE AUF EINER BESONDEREN SCHULE?
NIKO VON GLASOW:
Auf einer Schule für Körperbehinderte in Köln. Das war in den 60er Jahren und eine ganz antiautoritäre Schule. Fast ein ‚Summer Hill für Behinderte‘. Wir hatten ganz junge Lehrer und wurden unglaublich liebevoll erzogen. Es gab auch ein paar Nichtbehinderte in der Klasse und man merkte wirklich nicht, dass man behindert war, weil alle um mich herum irgendwie seltsam aussahen. Wenn ich heute in der Straßenbahn sitze und mich umsehe, dann finde ich, dass ich im Vergleich zu den normalen Menschen auch nicht besonders seltsam aussehe. Wenn man genau hinguckt, dann sehen die meisten Menschen seltsam aus.

OUTRUN: HATTEN SIE DURCH IHRE FAMILIE EINE PRIVILIGIERTE KINDHEIT?
NIKO VON GLASOW:
Ich hatte überhaupt keine Contergankindheit, weil ich in einem wunderschönen großen Garten mit vielen netten Menschen relativ isoliert aufgewachsen bin und dadurch zunächst keine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hatte.

OUTRUN: WENN FREMDE MENSCHEN SICH BERÜHREN, DANN HIERZULANDE IN DER REGEL NUR BEIM HÄNDESCHÜTTELN. WIE BEGEGNEN IHNEN DIE MENSCHEN?
NIKO VON GLASOW:
Da merkt man es gleich. Ich spüre sofort, ob es eine Scheu gibt. Dann scheue ich auch zurück und dann stehen da zwei scheue Wesen voreinander. Beide haben es bemerkt und werden noch scheuer. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Scheu sehr ausgeprägt. Frauen übrigens schütteln, viel selbstverständlicher als Männer, einfach meine Hand. Wenn ich merke, dass da jemand einfach nur unsicher ist, dann nehme ich ihm die Unsicherheit einfach ab und mache vielleicht einen Witz, oder klopfe ihm mit meinen eigenen Händen auf den Rücken. Du kannst ja eine Unsicherheit einfach verstecken und kannst mir einfach auf den Rücken klopfen oder Dich verneigen. Aber die Unsicherheit ist da und man muss damit umgehen. Überspielen kann man sie nicht; das ist völlig sinnlos.

OUTRUN: UND WIE STEHT ES UM DIE SEXUALITÄT?
NIKO VON GLASOW:
Da gibt es einige, die Glück gehabt und einen Partner gefunden haben und ein sehr schönes sexuelles Leben leben. Aber für viele ist da einfach nichts zu holen, denn es ist schwer, die körperliche Scheu zu überwinden. Wenn wir intelligent und fröhlich auftreten, dann können wir Partner finden. Aber wenn unsere Depressionen einsetzen und unser Missmut, dann wird es unendlich schwierig.

OUTRUN: IST IHR NEUER FILM AUCH EIN STÜCK SELBSTTHERAPIE?
NIKO VON GLASOW:
Ich hätte nie gedacht, dass ich je in meinem Leben einen Film zur Selbsttherapie mache. Aber ich glaube, so war es. Und jetzt ist es auch das Interessante an diesem Film. Man darf eigentlich keine Filme machen zur Selbsttherapie. Wenn man etwas für Behinderte tun will, muss man ihre Behinderung selbstverständlich machen. Wenn man oft und viele von uns sieht, dann gewöhnt man sich daran, dass wir etwas anders aussehen, aber nicht viel anders sind. Wenn man sich versteckt oder sich selbst als etwas Besonderes darstellen will, wird unser Leben erst richtig schwer.

OUTRUN: WO SEHEN SIE FÜR DIESEN FILM IHR ZIELPUBLIKUM?
NIKO VON GLASOW:
Ich glaube, dass alle Menschen, die erkennen, dass sie ein Problem haben, dieses Problem annehmen müssen, um es zu überwinden. Der erste Schritt des Alkoholikers ist zuzugeben, dass er Alkoholiker ist. Der erste Schritt zur Überwindung der eigenen Angst ist die Benennung dieser Angst. Das ist allen Menschen eigen. Ich finde, am Ende hat man sich an die harte Kost gewöhnt und dann kann man sozusagen einer von diesen Behinderten werden, man kann in diesen Kreis aufgenommen werden und mit ihm zusammen feiern.

OUTRUN: WIE IST ES ÜBERHAUPT ZU DIESEM FILM GEKOMMEN?
NIKO VON GLASOW:
Der WDR hat mir das Angebot gemacht. Erst wollte ich überhaupt nicht, aber dann sagte meine Frau „Niko, es wird Zeit, dass Du Dich mit diesem Thema auseinandersetzt.“ Da hab ich ihn gemacht.

OUTRUN: WAS WAR IHRE MOTIVATION?
NIKO VON GLASOW:
Ich wollte meine größte Angst überwinden, nämlich das Hinschauen auf meine Behinderung. Und den Menschen einen lustigen und interessanten Film zeigen, um meine Theorie zu bestätigen, dass, wenn man längere Zeit mit Behinderten zusammen ist, sich an sie gewöhnt und nach 90 Minuten als ganz normal sieht und sich sogar mit diesem Bild „Behinderung“ befreundet. Die Lebenslust und die Freude, der Humor, den dieser Film ausstrahlt, sind mir besonders wichtig.

OUTRUN: DAS GILT DANN AUCH FÜR DIE FOTOS?
NIKO VON GLASOW:
Ja. Der Film ist ja im Grunde die Geschichte von einem contergangeschädigten Regisseur, der auszieht, um andere Conterganmenschen dazu zu überreden, sich für eine Aktfotoserie auszuziehen. Es ist die Geschichte dieser Reise.

OUTRUN: WAS GESCHIEHT EIGENTLICH MIT DEN FOTOS?
NIKO VON GLASOW:
Das Foto von Kim Morton hängt in London in der National Portrait Gallery. Es gibt viele Ausstellungen in Deutschland auf öffentlichen Plätzen, in Köln, Berlin, Frankfurt und anderen Städten. Wir wollen, dass sie in Museen und in Galerien hängen und sie eben möglichst vielen Menschen zeigen.

Kim Morton. Foto: Ventura-Film

Kim Morton. Foto: Ventura-Film

OUTRUN: UND DANN GIBT ES NOCH EIN BUCH?
NIKO VON GLASOW:
Es gibt das Buch NOBODY‘S PERFECT, genau wie der Film, das im Sandmann Verlag erscheint. Da schreiben die 12 Portraitierten über ihr Leben, man sieht die Fotos und liest unsere Geschichte, aus unserer Sicht. Ich glaube, das ist ein besonders bewegendes, aber auch sehr lustiges und wichtiges Dokument. In den 60er Jahren gehörten Contergankinder ganz alltäglich dazu. Sie sind längst erwachsen geworden und aus Contergankindern wurden Behinderte.

OUTRUN: WIE GEHT ES IHNEN HEUTE?
NIKO VON GLASOW:
Es geht ihnen so unterschiedlich, so wie es 2.800 Menschen unterschiedlich gehen kann. Während der Arbeit an diesem Film ist mir – obwohl ich selber Contergangeschädigter bin – noch mal ganz deutlich geworden, dass jeder Mensch anders ist. Schon der Unterschied, ob man keine, 10 cm oder 40 cm lange Arme hat, verändert Welten. Aber der entscheidende Unterschied ist, wie die Seele mit diesen Behinderungen umgeht und wie die individuellen frühkindlichen Erlebnisse diese Menschen geprägt haben. Wenn man von seinen Eltern liebevoll und ehrlich aufgezogen wurde, dann kann man damit wahrscheinlich besser umgehen, als wenn man in ein Krankenhaus abgeschoben oder einfach weggegeben wurde.

OUTRUN: WIE IST IHRE EINFLUSSREICHE FAMILIE MIT DER CONTERGAN-HERSTELLERFIRMA GRÜNENTHAL UMGEGANGEN?
NIKO VON GLASOW:
Kurt Neven DuMont, mein Großvater und damaliger Verleger des Kölner Stadtanzeigers, hat sehr früh und vehement gegen Grünenthal Stellung bezogen und die Bedürfnisse der Contergangeschädigten unterstützt. Er ist sehr mutig gegen diesen Konzern aufgetreten. Ihn hat das Schicksal aller Contergankinder interessiert, nicht nur meines. Man spricht ja noch heute nur von ConterganKindern, obwohl sie jetzt alle auf die Fünfzig zugehen. Von den Erwachsenen wird wenig gesprochen. Contergankinder, kann man sagen, waren sehr drollig anzusehen. Als Kinder waren wir Vorzeigebehinderte. Jetzt hat sich die Realität gewandelt, und nur noch einige von uns, Hochleistungssportler, Sänger wie Thomas Quasthoff oder eben Regisseure wie mich, Leute die es geschafft haben, die kann man vorzeigen. Aber viele, viele von uns sind arbeitslos und werden auch nie eine Arbeit finden. Die Scheu, Behinderte einzustellen, ist viel zu groß und die Berührungsangst mit Behinderten haben alle, sogar ich. Man denkt, das Leben wird umständlicher und schwieriger, wenn man mit denen zu tun hat. In dem Zusammenhang muss ich an die Szene im Film denken, in der sich ein schwarzer Junge über Behinderte lustig macht… Die meisten Kinder lassen uns in Ruhe, besonders, wenn sie liebevoll und gut erzogenen sind. Aber es gibt zwei Kategorien von Kindern, die extrem lästig sind: Das sind die Kinder von „Müsli-Eltern“, die besonders stolz darauf sind, dass ihre Kinder so interessiert sind. Diese Eltern schicken ihre Kinder geradezu zu uns: „Frag doch mal, was der junge Mann da hat“. Das halte ich für unerzogen. Das tut man einfach nicht und das können Kinder auch verstehen. Aber die „Müsli-Kinder“ kennen da keine Grenzen. Und dann gibt es sehr unterprivilegierte Kinder, die oft selber sehr angestarrt werden, keine richtige Erziehung genossen haben und auch keine Grenzen kennen. Das sind Kinder, die auf einen zeigen und sagen: „Kuck mal, der hat kurze Arme“. Und das tut einfach immer weh.

OUTRUN: SIE FEIERN MIT IHREN DARSTELLERN IM FILM EIN ABSCHLUSSFEST, WIE ES AUCH BEI ANDEREN FILMEN ÜBLICH IST…
NIKO VON GLASOW:
Ja, aber sonst bin ich einfach der Regisseur und wir feiern einfach, da spielt meine Behinderung keine Rolle. Diese Feier aber war das Fest von zwölf Menschen, die eine tiefe Angst überwunden haben. Und eine Angst zu überwinden ist immer ein großer Sieg. Es war eine Siegesfeier für jeden von uns. Fühlen Sie sich in Anwesenheit Ihresgleichen anders als im Kreise von Nichtbehinderten? Bisher habe ich, wenn ich einen Conterganbehinderten auf der Straße gesehen habe, oft unauffällig die Straßenseite gewechselt. Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie mein Spiegelbild waren: „Um Gottes willen, so sieht das auch bei dir aus.“ Ich habe keine Angst vor Behinderten und habe viele Freunde, die behindert sind. Aber die Conterganmenschen habe ich immer gemieden. Erst durch den Film habe ich sie als Freunde gefunden. Was Euch von anderen Behinderten unterscheidet ist, dass Eure Behinderung eine benennbare Ursache hat. Stichwort: Chemie Grünenthal. Weltweit sind ungefähr 10.000 behinderte Kinder auf die Welt gekommen, wovon vielleicht die Hälfte überlebt hat. In Deutschland sind ungefähr 5.000 geboren worden, 2.800 haben überlebt. Genauere Zahlen wissen wir nicht, weil Grünenthal diese Zahlen nicht publik machen will. Hinter Grünenthal steht die Eigentümerfamilie Wirtz. Diese Firma und ihre Besitzer haben unsere Behinderung verursacht. Die sind nicht nur für unsere Behinderung verantwortlich, sondern auch dafür, dass unglaublich viele Kinder gestorben sind. Mit allen Mitteln haben die versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen und haben nach dem Vergleich, beim Prozess in den 70er Jahren, 100 Million DM in eine Stiftung einbezahlt, selbstverständlich steuerlich entlastend, so dass der Staat die Hälfte zurückerstattet. Diese 100 Millionen waren schon 1987 aufgebraucht. Und heute kriegen wir nur noch vom deutschen Staat eine Rente, die vor kurzen verdoppelt wurde, von maximal 545 Euro auf 1.090 Euro. Aber von 1.090 Euro kann man zum Beispiel keine Pflegekräfte bezahlen. Man muss sich mal vorstellen, was es bedeutet, wenn man morgens aufwacht und einfach nicht alleine aus dem Bett kann, weil man keine Beine hat. Wenn man sich am Hintern kratzen will, braucht man Hilfe. Die meisten Conterganleute brauchen jetzt einfach Pflege, und Pflege kostet sehr viel Geld.

OUTRUN: DAS GILT FÜR VIELE MENSCHEN MIT EINER BEHINDERUNG.
NIKO VON GLASOW:
Ja, nur mit dem Unterschied, dass in unserem Fall bestimmbare Leute diese Körperbehinderung verursacht haben. Ich habe große Sympathie mit anderen Behinderten, aber in unserem Fall hat sie jemand verursacht und unser ganz normales Moralverständnis sagt, dass man, wenn man jemanden verletzt, dafür haften oder büßen muss. Nach dem Fernsehfilm will Grünenthal jetzt angeblich weitere 50 Millionen zahlen, die Hälfte davon ist für die natürlich wieder steuerlich absetzbar. Lächerliche Summe: wenn wir nur die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen, also etwa 81 erreichen, dann kann ich, wenn ich das noch auf 35 Jahre verteile, pro Tag mit 1,50 Euro rechnen. Davon kann ich mir dann ein Eis kaufen. Eine aufrichtige Entschuldigung von Seiten der Familie Wirtz wäre sehr hilfreich. Sebastian Wirtz, der neue Chef des Konzerns, ist so Mitte Dreißig und in seine Rolle ja auch nur reingeboren. Und im Grunde ist dieser Sebastian selbst auch contergangeschädigt, denn
dieses Thema wird ihn sein Leben lang verfolgen. Auch den Rest der Eigentümerfamilie wird dieses Thema immer verfolgen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie Contergangeschädigte als Gesellschafter in ihre Firma aufnehmen könnten. Dadurch müssten sie zwar ziemlich viel zahlen, aber diese Tat würde soviel Werbung und so viel Aufsehen für sie und ihre Firma erregen, dass sich die Probleme relativieren und der schreckliche Schatten von der Familie genommen würde.

OUTRUN: WIE SEHEN IHRE AKTUELLEN PROJEKTE AUS?
NIKO VON GLASOW:
Das ist die Tibetische Filmschule (Tibetan Filmschool), die wir im letzten Herbst gegründet haben und deren Direktor ich bin. Das ist zunächst eine nomadische Filmschule, die da wirkt, wo die Tibeter zur Zeit leben. Also in Tibet und in Indien im Exil. Wir haben angefangen Geld zu sammeln, machen die ersten Seminare und drehen kleine Filme und hoffen, dass wir in zwei, drei Jahren ein Haus kaufen und eine richtige Filmschule daraus machen können. Finanziert wird das alles durch Spenden und Engagement. Die Dozenten und Professoren, zunächst noch Freunde aus der Branche und Firmen, die in der Filmtechnik involviert sind und bereit, die Tibeter einzuweisen, müssen ihre Flüge selber bezahlen, nur die Unterkunft übernehmen die Tibeter.

OUTRUN: WAS BRINGT EINE SOLCHE SCHULE DEN TIBETERN?
NIKO VON GLASOW:
Im letzten Kurs, den ich gegeben habe über Geschichtenerzählen und Drehbuchschreiben, waren von Bauernjungen und Nonnen, Geschäftsleute und Popstars, Taxifahrer und der Neffe des Dalai Lama, sehr unterschiedliche Schüler. Die Tibeter haben viel zu erzählen. Sie haben alle viel, und vor allem Leid erlebt, aber sie sind nicht sehr gewandt im Ausdrücken ihrer eigenen Gefühle. Das liegt in der buddhistischen Tradition. Es gibt unendlich viele Bücher, Bilder und Filme über Tibet und den tibetischen Glauben. Das ist aber alles immer von Nicht-Tibetern geschrieben und fotografiert. Die Tibeter müssen ihre eigene Stimme und ihre eigenen Bilder finden. Das Interview führte Ventura Film

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