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INAS-FID Fußball-EM

In völliger Vergessenheit

Der Fußball-Sport der Menschen mit geistiger Behinderung oder politisch korrekt formuliert „der Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen“ stand 2006 in Deutschland mit der WM im eigenen Land hoch im Kurs. Vom Sommermärchen der Ballacks und Lahms berauscht, zog die INAS-FID WM damals so viele Zuschauer in deutsche Stadien wie keine Sportveranstaltung für Menschen mit Behinderung je zuvor.

Vorbei die Zeit, in der Fußball der Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung eine gewisse Aufmerksamkeit genoss. Foto: Franco Erschbaumer

Vorbei die Zeit, in der Fußball der Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung eine gewisse Aufmerksamkeit genoss. Foto: Franco Erschbaumer

Gepuscht durch eine enorme Medienaufmerksamkeit, der WDR übertrug – man erinnere sich – alle Spieler der deutschen Kicker sowie das Finale live im Fernsehen, wurden vordergründig und die gesellschaftliche Teilhabe fördernd die beachtlichen Leistungen von Menschen mit einer Behinderung in den deutschen Wohnzimmern präsentiert. Andererseits führte die ungewohnte mediale Omnipräsenz auch die Belastbarkeit einer sensiblen Fußballer-Klientel an die Grenzen des Zumutbaren.

Nachdem das Blitzlichtgewitter erloschen war, fielen Guido Skorna, Andreas Timm und Co auf den Boden der Tatsachen zurück. Eine Nachsorge oder gezielte auf die besondere Begabung ausgerichtete Betreuung im sozialen Umfeld konnte kein Verband aus dem Veranstalter-Tandem der WM leisten. Weder der Deutsche Behindertensportverband noch die Bundesvereinigung Lebenshilfe. Ein geregelter Spielbetrieb in Form einer Bundesliga blieb ein Wunschgedanke. Zu allem Überfluss wurde der dritte WM-Platz aufgrund zunächst fehlender, dann falscher Registrierungsunterlagen durch den Weltverband INAS aberkannt. Nur noch gelegentlich zerrten die Medien boulevardesk die Spieler mitleidserweckend ins Rampenlicht, indem ihre Arbeits-, Perspektiv- oder „Fußballlosigkeit“ zur Show gestellt wurde. Seitdem herrschte weitestgehend Funkstille.

Der ehemalige Nationaltrainer Willi Breuer hatte es im direkten Anschluss an das gewonnene kleine Finale in Essen im September 2006 gewusst und gemahnt: „Wenn die Strukturen nicht professionalisiert werden, wird der Behindertenfußball nicht nur wieder zur Randnotiz, sondern gänzlich in Vergessenheit geraten.“ Recht hatte er und wie: Vor kurzem ging die INAS-FID Fußball-EM der Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen im englischen Manchester zu Ende und kaum einer hat es mitbekommen. In zwei Vierergruppen traten die stärksten europäischen Teams gegeneinander an. Eine deutsche DBS-Nationalelf unter der Leitung von Dietmar Schacht war auch wieder am Start.

Eine Mannschaft gibt es also noch. Und mit dem ehemaligen MSV-Profi und Ex-Trainer des Frauen-Bundesligisten SC Bad Neuenahr auch einen neuen Trainer, der trotz seines großen Engagements sicherlich ein schweres Erbe antritt. In einer Sportart, wo zumindest alle zwei Jahre das Murmeltier grüßt. Thomas Wein

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