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Indoor Skydiving

Ein Airlebnis

Wohl nirgendwo kann man auf Erden dem Traum vom Fliegen so nahe kommen wie in Bottrop. In einem riesigen Windtunnel stürzten sich kürzlich 13 blinde und sehbehinderte Jugendliche in das Abenteuer Indoor Skydiving. Ein Airlebnis, das sie wohl niemals vergessen werden.

Gegen den Wind. Foto: Franco Erschbaumer

„Kennt Ihr das Gefühl, wenn man die Hand aus dem Autofenster hält? So ist das am ganzen Körper.“ Behutsam stimmt Boris Nebe die 13 Jugendlichen auf die großen zwei mal 120 Sekunden ein, auf die sie seit Tagen immer intensiver hin fiebern. Nacheinander nimmt dazu jeder von ihnen bauchlinks auf einer Liegebank Platz und erhält die letzten Instruktionen.

Gerade ist Jan an der Reihe. Wichtig ist es später, eine Biegung in den Körper rein zu kriegen, erklärt Nebe, der Instructor und Geschäftsführer von Indoor Skydiving Bottrop, während er Jans nach vorn gestreckten Arme leicht nach oben drückt. „Je mehr Du durchbiegst, desto leichter strömt die Luft an Dir vorbei.“ Umgekehrt, so erfahren wir alle, bietet der Skydiver der zirkulierenden Luft mehr Widerstand, wenn er den Kopf nach unten auf die Brust nimmt. Indem man einen Ellenbogen nach oben hält und den anderen nach unten, wird eine Körperdrehung eingeleitet. Und merke: „Je mehr man rumzappelt, desto unruhiger wird der Flug, desto mehr wackelt es.“ Ja, das sind schon die wichtigsten Verhaltensgrundregeln während des Fluges.

Um sich im Windtunnel zu verständigen, gibt es normalerweise einige wenige Handzeichen, und wenn man nicht Sehen kann, dann eben Klopfzeichen. Ein Klopfen des Instructors in die Kniekehle des Probanden bedeutet: Beine anwinkeln. Klopfen Ferse: Beine länger machen. Und wer nicht mehr fliegen und schnell raus will aus dem riesigen Windkanal, soll einfach mit dem Kopf schütteln oder den Daumen nach unten drehen. „Gibt‘s auch ein Zeichen für: Ich will nicht mehr raus?“, will ein Junge wissen. Gelächter.

Gibt es noch Fragen? „Kann man auch Adrenalin kriegen?“ „Kann ich noch mal vorher auf Toilette?“ Die Mädchen und Jungs sind leicht aufgedreht. Die erste Gruppe macht sich bereit, die Ausrüstung anzulegen: Dazu gehören Helm, Ohrenstöpsel, Flugbrille, und natürlich ein Fluganzug, der mit Haltegriffen an verschiedenen Stellen versehen ist, die es dem Instructor während des Flugmanövers seines Schützlings erleichtern, Korrekturen vorzunehmen.

An einer Wand sitzt auf einem Stuhl der 15-Jährige Onur Kücükdeveci. Er scheint innerlich ganz ruhig zu sein. Sein Kopf ist leicht nach unten gesenkt. Er wirkt gedankenverloren, als ich ihn anspreche. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

„Ich bin froh, dass ich heute dabei bin“, sagt Onur. Wie die zwölf anderen Mädchen und Jungen zwischen elf und 18 Jahren besucht er die Von-Vincke-Förderschule Sehen in Soest. Am Anfang, gesteht Onur, hatte er „schon ein bisschen Bedenken“, aber die Erklärungen und Trockenübungen haben ihm die Sicherheit gegeben, die er braucht, um sich einfach reinfallen zu lassen in das kalkulierte Abenteuer Indoor Skydiving.

„Unser Geschichtslehrer“, erzählt Onur, „hat sich dafür eingesetzt, dass wir hier mitmachen können.“ Ihr Lehrer heisst Rüdiger Schlinkert. Und die Idee, die Schülerinnen und Schüler fliegen zu lassen, stammt von Thorsten Böker. Er ist Chef der Augenklinik Dortmund und selbst leidenschaftlicher Tunnelflieger. Böker hat das Fliegen ohne Fallschirm in Bottrop erlernt. Es dauerte nicht lange, bis er seinen Patienten Rüdiger Schlinkert davon überzeugte, mit einigen seiner Schülerinnen und Schüler den Windkanal auszuprobieren. „Blinde und sehbehinderte Menschen erleben das Fliegen durch den Wegfall der Visualität noch intensiver“, sagt Böker. Nun geht es bald für die ersten los.

Der Windtunnel ist ein beeindruckendes Bauwerk. Aufgrund der Konstruktion ist das Gebäude 34 Meter hoch. Die Kammer des Windtunnels hat einen Durchmesser von 4,30 Metern und bietet bis zu sechs Bauchfliegern gleichzeitig Platz, Mit 17 Metern in der Vertikalen ist sie die höchste in Europa.

Auf vier Meter Höhe ist die Kammer komplett verglast, was laut Betreiber weltweit einmalig ist. Die Ganzglaskonstruktion ist eine Sonderanfertigung, die aus vier Zentimeter dickem Schallschutz-Panzerglas besteht.

Die Architektur des Baus ermöglicht es dem Zuschauer, direkt beim Betreten der Anlage das atemberaubende Flugerlebnis live zu beobachten. Das Kernstück der Anlage ist leider nicht zu sehen: Vier Axialventilatoren mit je einer Leistung von 400 Kilowatt (insgesamt umgerechnet 2170 PS) und einem Innendurchmesser von jeweils 2,90 Meter sorgen für die nötige Luftzirkulation. Das Gewicht pro Gebläse beträgt 10 Tonnen. Ventilatorenschaufeln sind aus Carbon, und die Motoren mit vier Frequenzumwandlern ausgestattet, die eine stufenlose Steuerung des Luftstroms ermöglichen.

Die Luftgeschwindigkeit in der Flugkammer kann bis zu 286 Stundenkilometer erreichen. Das sind mehr als 1000 Kubikmeter Luft pro Sekunde, die durch die Kammer gedrückt werden, was in etwa dem Volumen eines Einfamilienhauses entspricht.

Das ist viel Luft. Und nur echte Profis wissen perfekt mit ihr umzugehen, indem sie den maximalen Fun da raus holen.

Einer von ihnen ist Instructor Benny. Er ist eher ein Leichtgewicht, wiegt vielleicht 65 Kilo. Relativ gesehen zu seinem Gewicht bietet sein Körper dem Wind also viel Angriffsfläche. Er geht in den Windtunnel. Nach zwei, drei Sekunden lässt sich Benny vom Luftstrom erfassen und steigt in Windeseile auf schätzungsweise 15 Meter auf. Und wieder runter, und hoch, und runter, und hoch. Wieder unten, läuft er förmlich an der Wand entlang nach oben, er schraubt sich nach oben wie ein Korkenzieher in die Fasche. Dann wirbelt er, mit dem Kopf nach unten, in der Kammer herum, als hätte ein Strudel seinen Körper erfasst und würde gleich in einem Abfluss verschwinden. Soviel Luftakrobatik erinnert augenblicklich an Spiderman – nur, dass der Stümper für so was ein Seil braucht.

„Das hier ist wie Fallschirmspringen“, erklärt Benny später. Das Gefühl, ins Leere zu fallen, gäbe es beim Fallschirmspringen nicht, ebenso wenig wie beim Indoor Skydiving. Dafür ist der Luftwiderstand in beiden Fällen einfach zu groß.

Die Vergleichbarkeit der Bedingungen ist es auch, die sowohl Einsteiger als auch Profis des Fallschirmsports zum regelmäßigen Training in den Windtunnel führt. Vorteil in Bottrop: Hier fallen die aufwändigen Flüge weg und man spart viel Vorbereitungszeit, nur um in den Genuß weniger Sekunden freien Falls zu kommen.

Nun sind die ersten Schülerinnen und Schüler dran. Sechs von ihnen begeben sich in eine Vorkammer des Windtunnels und nehmen hintereinander auf einer Bank Platz, die einer Bank ähnelt, auf der auch Fallschirmspringer in einer Einpropellermaschine auf ihren Sprung warten würden. Es ist sehr laut. „Ich habe keine Angst“ , hat Marina Becker vorher versichert. Ihr Gesicht verrät denn eher auch eine freudige Erwartung, aber natürlich ist sie angespannt. Gleich ist sie die Nächste. Dann ist es soweit. Sie lässt sich in den Windtunnel fallen, wie Boris Nebe es ihr und den anderen vorher erklärt hatte. Der Luftstrom ist überwältigend. Atme. Du musst atmen, wird sie sich jetzt vielleicht sagen. Denn es ist gar nicht so leicht, gegen die starke Luft anzuatmen. 80,3 %, 1:08, 227 km/h, steht auf einer Anzeige. Langsam fängt es voll an, Spaß zu machen. Instructor Nebe hat alles im Griff, und Marina kann ausprobieren, wie sich Änderungen ihrer Körperhaltung auf ihre Flugbahn auswirken. Zwei Minuten sind nicht sehr lang im normalen Leben. Im Windtunnel vergehen sie wie im Fluge. Nach gefühlten 60 Sekunden ist für Marina der erste Einsatz vorbei.

Marina hat wieder auf der Bank Platz genommen. Sie strahlt jetzt übers ganze Gesicht. Gefühlte zwei Minuten lang. Franco Erschbaumer

 

Infos für Einsteiger: Das Indoor Skydiving Bottrop bietet verschiedene Pakete an. Das Airlebnis M kostet 49 Euro. Dafür schwebst Du bei zwei adrenalingeladenen Flügen frei im Luftstrom. Die Flugzeit ist länger als bei echten Fallschirmsprüngen.

Indoor Skydiving Basic: Üben mit einem persönlichen Instruktor Bodyflying-Manöver im Luftstrom. Vor und nach den Flug-Sessions von insgesamt 10 Minuten erfolgt ein individuelles Briefing. Für diesen Schnupperkurs, der für 199 Euro gebucht werden kann, ist etwa ein halber Tag einzuplanen.

Kontakt

Indoor Skydiving Bottrop

Prosperstr. 297

46238 Bottrop

 

Fon 02041 37373-0

www.indoor-skydiving.de

 

Erlebe selbst ein Stück Abenteuer in Europas modernstem High-Tech-Windtunnel mit einem NoLimits24 Erlebnisgutschein – Indoor Skydiving – Bodyflying 4 Flüge in Bottrop (Nordrhein-Westfalen, Deutschland) Inklusive Einweisung dauert das Erlebnis mit vier Flügen rund anderthalb Stunden. Der Windtunnel bietet Einsteigern wie auch Fallschirmsportprofis die Möglichkeit, das Fliegen ohne aufwändige Sprünge aus dem Flugzeug zu erleben und zu trainieren

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