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Heiko Kröger

Jede Menge Segel

Rushcutters Bay. Ein kleiner Yachthafen etwas nördlich der Harbour Bridge von Sydney. Die Hänge zieren exklusive Penthäuser. „For Sale“ steht an vielen zu lesen. Hier bereiten sich die Segler bei ihrer Paralympics-Premiere auf ihre täglichen Wettfahrten vor. Bis zum Segelrevier vor der faszinierenden Kulisse des Opernhauses sind es nur wenige hundert Meter.

Es geht ein leichter Wind. Dicht an dicht dümpeln die Boote an der Mole vor sich hin. Hin und wieder kämpft sich die Sonne durch die Wolken. Typisch für Sydney zu dieser Jahreszeit. Hier ist Frühling, und da kann das Wetter schnell umschlagen. Bereits am Nachmittag soll der Wind auffrischen. Regen ist angekündigt.

Heiko Kröger. Foto: outrun

Heiko Kröger ist auch an diesem Morgen wieder früh auf den Beinen. Der Deutsche, dem seit der Geburt der linke Unterarm fehlt, führt nach sechs Wettfahrten souverän die Klasse der Einmann-Kielboote an. der Weltmeister gilt als großer Favorit auf die Goldmedaille. Bislang läuft alles nach Plan. Nur der Däne Jens Als Andersen und Thomas Tayler aus den USA können ihm einigermaßen folgen.

Bei der vierten Wettfahrt tags zuvor gab‘s allerdings einige Material-Probleme. Die Verankerung seines Klüvsegels hatte sich gelöst. „Ich weiß auch nicht, was passiert ist, aber ich konnte damit nicht mehr segeln“, sagte der 34-jährige. Um das Boot wieder flott zu bekommen, musste Kröger aus seinem schmalen Cockpit heraus klettern und sich der Länge nach aufs Vordeck legen, immer in Gefahr, ins Wasser zu rutschen. Dennoch passierte er als dritter die Ziellinie. Solch ein Mißgeschick soll ihm heute jedoch nicht noch einmal passieren, also ist der Deutsche frühzeitig raus aufs Boot, um die Takelage einer noch intensiveren Prüfung zu unterziehen. Nichts soll beim Griff nach der Medaille dem Zufall überlassen werden. „Über dem WM-Titel steht olympisches Gold – und paralympisches Gold ist da mit Sicherheit nicht weniger wert“, macht der Kieler den Grund für seine Anstrengungen deutlich.

Der Start bei den Paralympics bestimmt seit zwei Jahren den Tagesablauf Heiko Krögers. Fünf Mal pro Woche ging‘s raus zum Training, jede freie Minute bastelte er an seinem Boot. Für Frau Marianne und Töchterchen Finja blieb nur wenig Zeit. „Der Weg ist das Ziel. Dieser Spruch ist mir in den vergangenen Monaten erst richtig bewusst geworden“, schildert der gelernte Diplomkaufmann.

Etwa 70.000 Mark kostete Kröger die Vorbereitung auf seine ersten Spiele, für zwei Boote und jede Menge Segel. Finanziert wurde das Projekt in erster Linie über Sponsoren, die dafür ihr Logo auf dem Schiffsrumpf aufbringen durften. Kröger ist Mitglied im German Junior Team Sydney 2000 mehrerer großer Unternehmen, dem insgesamt zehn Sportlerinnen und Sportler angehören.

Dass er beim Segeln nur mit dem rechten Arm richtig zupacken kann, bedeutet für den Kieler indes kein Handicap. „Ich segle jetzt seit meinem sechsten Lebensjahr. 19 Jahre lang bin ich in der Laserklasse gegen Nichtbehinderte gestartet.“ Häufig genug gab Heiko Kröger dabei der Konkurrenz das Nachsehen. Zuletzt bei den Internationalen Schwedischen Meisterschaften. „Diese Bootsklasse bietet Chancengleichheit für alle“, sagt er. Es komme nicht darauf an, ob man groß oder klein, dick oder dünn, behindert oder nicht behindert sei. „Es ist ein Boot, wo man alles alleine macht und machen kann – das macht den Reiz aus.“

Seinen eigenen Ansprüchen wurde der Kieler in Sydney gerecht. Bereits vor der neunten und letzten Wettfahrt hatte er die Goldmedaille sicher. der Lohn für jahrelange Entbehrungen. „Manchmal brauchst du etwas Glück“, sagte Kröger. „Aber Segeln ist niemals nur Glück, da steckt viel Arbeit hinter.“ Sprach‘s und machte sich alsbald daran, sein Gold-Boot für die Heimreise zu verpacken. Dirk Wende

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