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Interview mit Dietmar Schacht

„Kein Vergleich zu 2006“

Befindet sich der deutsche Behindertensport im Fußball-Boom? Ist der Volkssport endgültig in der Szene angekommen? Nach diesem Special (In: outrun – das Sportmagazin Sommer 2008) sollte sich jeder selbst diese Frage beantworten können. Fakt ist jedenfalls, dass es mittlerweile in vielfältiger Weise über das Thema Fußball zu berichten gibt. Wegweisende Projekte sind inzwischen entstanden wie beispielsweise FUBA-NET, ein Netzwerk für Fussball unter besonderen Aspekten; die erste Bundesliga-Saison im Blindenfußball ist gerade zu Ende gegangen; und allmählich wird hierzulande Fußball für Amputierte immer bekannter und es gibt zaghafte Versuche, diesen Sport zu etablieren (andere Nationen finden sich bereits zu Weltmeisterschaften zusammen). Was aber ist mit der Nationalmannschaft der Menschen mit mentaler Einschränkung los? Bei der WM 2006 noch so etwas wie die Star-Truppe des B-Sports, fahren die Jungs dieses Jahr sang- und klanglos nach Manchester zur Europameisterschaft. FUBA-NET-Initiator Thomas Wein hat sich für Outrun im Vorfeld der EM mit Bundestrainer Dietmar Schacht unterhalten.

OUTRUN: DIETMAR SCHACHT, WO SIND DIE EUPHORIE UND DAS ÖFFENTLICHE INTERESSE VON 2006 GEBLIEBEN?DIETMAR SCHACHT: Den Unterschied macht natürlich in diesem Jahr in erster Linie der Standort aus. Man konnte 2006 enorm von dem Sog und den Nachwirkungen einer begeisternden FIFA-WM in Deutschland profitieren. Das ist natürlich nicht wiederholbar zumal es ‚nur’ um eine EM in diesem Jahr geht. Vielleicht ist die öffentliche Wahrnehmung in England zurzeit eine andere, aber hier in Deutschland gibt es eigentlich keine einzige Meldung, auch nicht von Verbandsseite.

OUTRUN: WORAN LIEGT DAS?
DIETMAR SCHACHT: Die bevorstehenden Paralympics im September in Peking genießen eine höhere Priorität. Viel wesentlicher ist jedoch, dass der Deutsche Behindertensportverband nach den Problemen und der nachträglichen Disqualifikation 2006 in diesem Jahr bei den Registrierungen der Spieler kein Risiko eingehen wollte. Erst wenn diese abgeschlossen sind und der Kader komplett ist, wird die Pressearbeit erfolgen. Ich halte das allerdings für zu spät.

OUTRUN: IST DER KADER DENN NUN VOLLSTÄNDIG UND LIEGEN ALLE AKKREDITIERUNGEN VOR?
DIETMAR SCHACHT: Wir haben noch drei Nachnominierungen, deren Unterlagen noch nicht geprüft wurden. Ansonsten steht mein 17-köpfiger Kader. Die drei fehlenden Spieler stehen dann hoffentlich ab Samstag auf Abruf bereit, werden aber natürlich nur eingesetzt, wenn die Unterlagen ordnungsgemäß vom Weltverband bewilligt wurden.

OUTRUN: HAT SICH DIE MANNSCHAFT IM VERGLEICH ZU 2006 VERÄNDERT?
DIETMAR SCHACHT: Das Team hat ein ganz anderes Gesicht. Die Leistungsträger Demir, Müller, Blum und vor allem Skorna sind nicht mehr dabei. Es sind hungrige neue Spieler hinzugekommen. Bitter ist der Ausfall von Timo Mummert, der im Testspiel gegen Holland vor einem knappen Monat einen Schienbeinbruch erlitt.

OUTRUN: WIE LÄSST SICH DAS LEISTUNGSNIVEAU DER MANNSCHAFT EINORDNEN?
DIETMAR SCHACHT: Wir hatten vor zwei Wochen noch ein Turnier in Dorsten. Dort spielten wir gegen einen A- und B-Kreisligisten sowie einen Bezirksligisten. Die Mannschaft hat sich sehr gut präsentiert und am Ende einen guten zweiten Platz belegt, weil die Bezirksliga-Kicker knapp gewannen. Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Die Jungs sind sehr diszipliniert und zeigen dennoch ein hohes Engagement auf dem Platz. Die Kondition konnte enorm verbessert werden, weil sich die meisten Spieler an meine Trainingspläne gehalten und daheim gut gearbeitet haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass kein Spieler in einem Verein regelmäßig trainiert.

OUTRUN: DAS WAR 2006 NOCH ANDERS – HAT DAS AUSWIRKUNGEN AUF DIE ZIELSETZUNG IN ANBETRACHT DER STARKEN GEGNER?
DIETMAR SCHACHT: Die Mannschaft ist mit 2006 überhaupt nicht vergleichbar. Wir gehören nicht im Ansatz zum Favoritenkreis. Aber vielleicht können wir für die eine oder andere Überraschung sorgen.

OUTRUN: WIE SOLL DAS GELINGEN? POLEN UND HOLLAND IN DER VORRUNDE SIND DOCH KAUM ZU SCHLAGEN UND SCHWEDEN IST DIE GROSSE UNBEKANNTE. WO LANDET DEUTSCHLAND AM ENDE?
DIETMAR SCHACHT: Es wäre natürlich toll, wenn wir unter die ersten Acht kommen (lacht), aber ganz im Ernst: Holland ist der große Favorit, gefolgt von England und meinem Geheimtipp Polen. Es ist gut, dass wir in unserer Gruppe zuerst gegen die Holländer spielen, die wir natürlich sehr gut kennen, aber kaum zu packen sind. Schweden und Polen kann ich nach dem Spiel in Ruhe beobachten. Mit einem Sieg und einem Unentschieden könnten wir ja schon das Halbfinale erreichen. Das wäre dann eine Riesen-Sensation.

OUTRUN: GUIDO SKORNA WAR ALS VERBANDSLIGASPIELER WILLI BREUERS UNUMSTRITTENER KAPITÄN. WER WIRD SEIN NACHFOLGER, OLDIE ANDREAS TIMM AUS ESSEN?
DIETMAT SCHACHT: Dino Winterich wird die Mannschaft führen. Andreas ist zwar unser Aushängeschild, aber er setzt sich selber auf dem Platz zu sehr unter Druck. Er weiß das selber nur zu gut und hat es mir leicht gemacht, indem er mich bat, die Binde nicht tragen zu müssen.

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