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Regina Vollbrecht über ihren Ironman in Roth

Kein Ziel in Sicht

Am 8. Juli 2001 fand eines der größten und spektakulärsten Triathlonereignisse statt, der 14. Ironman in Roth. Rund 2.600 Starter aus 40 Nationen, darunter auch acht behinderte Triathleten, stellten sich an diesem Tag der Herausforderung von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen. Für mich sollte es an diesem Tag nicht nur mein erster Ironman sein, sondern durch meinen Start als blinde Triathletin gab es in der Rother Triathlongeschichte ein neues Ereignis. Noch nie zuvor gab es in Roth einen blinden Teilnehmer am Start.

Regina Vollbrecht (links) beim Training auf der Bahn. Foto: privat

Regina Vollbrecht (links) beim Training auf der Bahn. Foto: privat

Schon eindrückliche Momente vor dem Start. Besonders in der letzten Minute vor dem Startschuss, als der Jubel der begeisterten Zuschauer ertönte und es mir wegen der nervlichen Anspannung, aber auch der Faszination über den Jubel, fast die Tränen in die Augen trieb. Die 3,8 km wurden im Rhein-Main-Donau-Kanal geschwommen. In der ersten Startgruppe startete das gesamte Frauenfeld, die 50 männlichen Profis, die männlichen Teilnehmer über 60 Jahre und alle behinderten Sportler. So starteten auch wir, mein Mann und ich um 6:10 Uhr bei 18 Grad Luft – und 21 Grad Wassertemperatur. Beim Schwimmen sind wir mit einem leicht aufgeblasenen Fahrradschlauch verbunden. Begleitet wurden wir von einem Paddelboot. Diesen Wunsch hatten wir gegenüber dem Veranstalter geäußert, da wir beide langsame Brustschwimmer sind. Wir befürchteten deshalb, von den Spitzenschwimmern der zweiten Startgruppe, die 25 Minuten später ins Wasser ging, an der Wende überschwommen zu werden.

Der Paddler gab mir wichtige Hinweise, so zum Beispiel, wie viele Meter wir bereits zurückgelegt hatten. Außerdem konnte ich durch die folgenden Startschüsse der anderen Startgruppen sehr gut mitverfolgen, wie lange wir schon im Wasser waren. An der Wende holten uns die Schwimmer der zweiten Startgruppe wie schon erwartet ein. Nach 1:45 Stunde verließen wir, zufrieden mir unserer Zeit, das Wasser. Danach der Wechsel für uns auf das Tandem. Es galt, einen 86 Kilometer langen Radkurs, der zweimal zu absolvieren war, zu bewältigen. Dieser Radkurs war für ein Tandem besonders anspruchsvoll. Neben vielen kleineren Steigungen warteten auf uns zwei achtprozentige und eine zehnprozentige Steigung, jeweils von ein- bis zwei Kilometern Länge. Die Tandemfahrer unter Euch wissen, dass sich ein Tandem sehr schwer bergauf fährt und können sich vielleicht vorstellen, wie anstrengend dies für uns war. Die Abfahrten gestalteten sich teilweise als sehr schwierig, da sie serpentinenartige Kurven enthielten. Doch all diese Anstrengungen ließen sich leichter ertragen, da wir gerade an den Steigungen von den Zurufen der begeisterten Zuschauer unterstützt wurden.

So zum Beispiel am Solarer Berg. An einer einen Kilometer langen achtprozentigen Steigung standen etwa 10.000 Zuschauer und teilten uns ihre Begeisterung mit. Die Zuschauergasse war so eng, dass wir gerade mit unserem Tandem hindurch passten. Dieses Erlebnis erinnert an Bilder, wie sie jedem bei Fernsehübertragungen von der tour de France bekannt sind. Den Jubel von 10.000 Zuschauern erleben zu können, war so überwältigend, dass ich es kaum beschreiben kann. Dieses unbeschreibliche Gefühl zu wissen, der Jubel ist ganz allein für uns. Aber nicht nur die Begeisterung der Zuschauer war deutlich zu spüren, sondern auch die der anderen Athleten. Wenn sie uns überholten, gab es oft Zurufe wie „Super“, „Good job“ oder „Klasse Leistung“. Mit einem Schnitt von 28,5 km/h kamen wir in die Wechselzone und gingen nach 8:28 Stunden auf die Laufstrecke. Als wir aus der Stadt hinaus liefen, begleitete uns eine Welle der wahren Begeisterung.

Der fast ohrenbetäubende Lärm führte dazu, dass ich die Hinweise meines Mannes nicht verstand. So war ich doch froh, dass an der Laufstrecke nicht so viele Zuschauer waren, um die Läufer anzufeuern. Der Marathon wurde auf geschotterten Wegen zurückgelegt, die auch für mich als blinde Läuferin gut zu laufen waren. Die ersten zehn Kilometer liefen wir mit einem Trinkrucksack, denn für mich ist es schwierig, während des Laufens aus einem Becher zu trinken. Auch deshalb die für mich gute Zeit von einer Stunde für die ersten zehn Kilometer. Ab km 12 hielten wir an jedem Verpflegungspunkt an und tranken beim Gehen. Der Grund dafür war, dass wir sehr viel Wasser aus unserem Trinkrucksack verloren hatten.

Die Halbmarathonmarke passierte ich bei 2:15 Stunden. Schon vor dem Ironman hatte ich mir vorgenommen, nicht den ganzen Marathon durchzulaufen, sondern eine Gehpause einzulegen, um besser meine Kräfte einteilen zu können. So tat ich es auch.

Von km 26 bis 30 absolvierte ich die Strecke gehend. Die noch verbleibenden zwölf Kilometer lief ich in einer Zeit von 1:18 Stunde. Ich absolvierte den abschließenden Marathon in einer Gesamtzeit von 4:47 Stunden. Beim Zieleinlauf konnten wir noch einmal die wahre Begeisterung der Zuschauer genießen. Nach 13:15 Stunden überquerten wir die Ziellinie. Erschöpft, überglücklich und fasziniert von diesem Erlebnis nahmen wir viele Glückwünsche entgegen. Für mich war es mein bis dahin größter sportlicher Erfolg und es wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, kann ich es manchmal gar nicht glauben, dass wir den Ironman geschafft haben. Als wir am nächsten Tag mit unserem Tandem von Nürnberg nach Roth zur Siegerehrung fuhren, gab es für uns noch viele Glückwünsche und anerkennende Blicke. Selbst die Siegerehrung, wo es viele spektakuläre Leistungen zu bejubeln galt und eine prächtige Stimmung herrschte, war für uns etwas Besonderes. Neben den Top-10 der Profis und den drei bestplatzierten jeder Altersklasse, durften sich auch alle behinderten Triathleten auf der Bühne gebührend feiern lassen. Regina Vollbrecht

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