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Rollstuhl-Rugby

Liebling des Publikums

Alle waren sie heiß. Die Journalisten des Fernsehens, weil sie endlich die ersten Live-Bilder zeigen wollten. Die australischen Zuschauer, weil sie schon seit Tagen durch TV-Werbespots auf das Turnier eingestimmt wurden. Und die Spieler waren sowieso heiß wie Kartoffeln. Rugby ist der Senkrechtstarter der Spiele von Sydney 2000 gewesen. Das erste Mal paralympisch, mauserte sich der einzige Mannschaftswettbewerb für Tetras auf Anhieb zum Publikumsliebling.

Woher die ungeteilte Vorfreude kommen mag? Sicher hat es mit Aussprüchen wie dem des Kanadiers Chris Daw zu tun: „Ich liebe den Kontakt beim Rugby“. Wenn man so etwas sagt und dann aussieht wie eine lebende Dampframme, erregt man eben Aufmerksamkeit.

Schnell und torgefährlich: Cliff Chunn. Foto: Franco Erschbaumer

Unliebsamen Kontakt mit 3,5-Punkte-Spieler Daw machte der Deutsche Bernd Janssen in der Auftaktbegegnung mit Kanada. Janssen war samt Ball über die kanadische Torlinie geschossen und hatte die Bandenwerbung um einen guten Meter nach hinten verschoben, nachdem Daw ihm unerlaubter Weise von hinten in den Karren gerast war. „Ich habe einen Moment nur noch schwarz gesehen“, so der Kölner, der danach behandelt werden musste.

Zu diesem Zeitpunkt stand es 20:20. Prima hielten die Jungs um Bundestrainer Heiko Striehl bis dato mit. Eine tolle Leistung – sollte den Deutschen vielleicht doch der große Coup in Sydney gelingen? Seit der Ausklassifizierung von Bert Metzger während der EM im vergangenen Jahr ist das deutsche Team nicht mehr dasselbe. Stagnation ist seither das Wort, das die Situation in der Nationalmannschaft am ehesten beschreibt. Am Ende fehlte denn auch gegen die Kanadier der passende Schlüssel zum Erfolg. Kanada gewann mit 35:32.

Gegen Neuseeland dann wurde der tatsächliche Abstand der Deutschen zur Weltspitze deutlich: Aggressiv, flink und mit viel Spielwitz geben die Neuseeländer, die im vollbesetzten Dome quasi Heimvorteil hatten, auf dem Feld den Ton an. Allen voran der erst 23-jährige Curtis Palmer. Der charismatische 2,5-Punktespieler – mit hippen gelben Sonnengläsern – versetzte mit überraschenden Aktionen das Publikum in Erstaunen und wurde von seinen Mitspielern immer wieder gekonnt in Szene gesetzt. Als absoluter Ball- und Fahrkünstler erwies sich Paul Leefe, der sich im Alleingang von der eigenen Grundlinie durch die Reihen der Deutschen ins gegnerische Tor schlängelte. Die Neuseeländer siegten also 47:30, die erste echte Standortbestimmung für das Striehl-Team.

Gut verkauft hat sich der international noch recht unerfahrene Wolfgang Mayer; top auch die Leistung von 0,5-Punkte-Spieler Peter Schreiner. Er verfügt über Spielpraxis in den USA und dadurch über eine amerikanische Spielweise. Der 31-jährige bestach mit tollen Reflexen, durch die er dem Team verloren geglaubte Bälle zurückholte, und eine exzellente Spielübersicht.

Boris Grundl (hinten) versetzt Berge. Foto: Franco Erschbaumer

Im Endspiel USA gegen Australien war sie dann wieder zu sehen, diese Spielübersicht. In diesem Duell zeigte sich, wie weit sich das Rugby weiterentwickelt hat. Blocken, Rammen, Täuschen, das moderne Rollstuhl-Rugby ist schnell, direkt und aggressiv. Die Halle kochte geradezu vor Begeisterung. Die beiden Finalisten erwiesen sich als ebenbürtige Gegner: 16:16 stand es zur Halbzeit, nachdem die Führung mehrfach gewechselt hatte. Nach dem dritten Viertel hatten die Australier mit einem Treffer die Nase vorn. Nach 32 Minuten reiner Spielzeit hatten die Amerikaner um Coach Reggie Richner einen erfolgreichen Angriff mehr zu verbuchen: 32:31.

Am Ende siegte das Team mit der geschlosseneren Mannschaftsleistung. Während die Angriffe der Australier in der Regel über Brad Dubberley liefen, der die volle Zeit durchspielte, waren die Amerikaner variabler im Spiel. Erfolgreichster Angreifer war hier Cliff Chunn mit elf Treffern. Der erst 22-jährige bringt lediglich 2,0-Klassifizierungspunkte aufs Feld, und zählt dennoch zu den schnellsten.

Die deutsche Mannschaft belegte in der Endabrechnung den 7. Platz, schaute dem Endspiel sichtlich beeindruckt zu. Die Schweizer um ihren Coach Markus Allemann kamen auf Rang acht. Franco Erschbaumer

 

Wer das Feeling beim Rollstuhl-Rugby miterleben will, sollte mal ein Event besuchen oder sich die DVD Murderball reinziehen. Die Handlung: Seit in den 70er Jahren behinderte Sportler das Rollstuhl-Rugby erfanden, nehmen die Duelle der US-amerikanischen und kanadischen Nationalmannschaft einen besonderen Rang ein. Im Vorfeld der Paralympics 2004 ist die Atmosphäre extra gespannt, nachdem der vormalige US-Superstar Joe Soares im Streit von der Mannschaft schied und nun den Erzfeind aus Ahornland trainiert. Eine Kamera beobachtet beide Mannschaften vor und während des großen Turniers und geht den Motivationen der Spieler auf den Grund

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