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Radsport

Mit dickem Blatt zum Titel

Die Weltmeisterschaften der behinderten Radsportler standen in diesem Sommer auf der Rangliste der Sportevents ganz oben. Während die Bahndisziplinen in Augsburg stattfanden, wurden die Straßenrennen in Altenstadt bei Schongau ausgetragen. Ein Novum bei dieser WM: Erstmals wurden die Handbiker in eine WM-Veranstaltung integriert. Das deutsche Team holte insgesamt sechs Gold-, sieben Silber- und 13 Bronzemedaillen und erfüllte damit als viertbeste Nation hinter Australien, den USA und Spanien die Erwartungen.

Einer, der die Erwartungen mit Sicherheit erfüllte, war Michael Teuber. Der dreifache amtierende Europameister aus Odelzhausen, der seit 1997 professionell für den Radrennsport trainiert und durch Sponsoren und Sporthilfe unterstützt wird, räumte wieder kräftig ab und war sicherlich einer der herausragenden Sportler bei dieser WM. Der 34-jährige ging an allen Wettkampftagen ins Rennen. Er holte gleich ersten Tag die Bronzemedaille im 1-km-Zeitfahren der Klasse LC4. Mit Gold war in dieser Disziplin nicht unbedingt zu rechnen. Dennoch war der Deutsche einigermaßen überrascht, von dem Norweger Ole Hermann Ronnevig trotz persönlicher Bestleistung geschlagen worden zu sein. „Dass Blitzstarter Greg Ball Gold holen würde, war mir klar, zumal ich die 1000 Meter als Sprintdisziplin nicht trainiere. Ich konzentriere mich auf die Ausdauerdisziplinen.“

Auch im Drei-Kilometer-Verfolgungsrennen der Wettkampfklasse LC4 hatte Teuber das bessere Standing und seine Taktik zahlte sich aus. Da Titelverteidiger Giancarlo Cosio aus Italien nicht antrat, galt der Deutsche hier als klarer Favorit. Die Qualifikation war also kein Thema. Im Halbfinale dann überholte er den Spanier Juan Jose Mendez Fernandez in einer neuen Weltrekordzeit von 4:12,805 Minuten. Und im Finale wollte er den Gegner Ronnevig einfach bloß einholen. Hat auch geklappt und führte zu Gold. Ihm war klar, dass der Norweger in den ersten Rundenstark sein würde, aber nach der Hälfte des Rennens tauchte der Gegner schließlich vor ihm auf. Hans-Peter Beier (4:24,38 Minuten) legte ein starkes Rennen hin und belegte den dritten Rang.

Für Teuber folgten bis zum Ende der WM noch zwei weitere Goldtaler beim Einzelzeitfahren du Straßenrennen. Was steht sonst noch an? „Sportlich will ich heuer bei den World Games of Mountainbike in Saalbach-Hinterglemm nochmal aufs Podium fahren“, erklärt der 34-Jährige, ansonsten steht noch der Einzug ins neue Haus und die Geburt seines Babys an. In Athen will Teuber endlich eine paralympische Medaille holen.

Der Radsport für behinderte Menschen hat keine lange Tradition. Vor rund 15 Jahren steckte er noch in den Kinderschuhen. Noch kleiner als heute waren die Teilnehmerfelder. Zuschauer oder gar Medien: Fehlanzeige. Als in Belgien, Frankreich und den Niederlanden die ersten größeren Meisterschaften ausgetragen wurden, vermerkten die Athleten auch hierzulande einen ersten leichten Aufwärtstrend. Im Jahr 1991 kam dann in Deutschland so etwas wie der Durchbruch. Altenstadt wurde Austragungsort der ersten Bayerischen und gleichzeitig internationalen Deutschen Meisterschaften. 1995 folgte an gleicher Stelle die EM, an der bereits 260 Sportlerinnen und Sportler aus bereits 19 Nationen teilgenommen hatten. Da war es bis zur Austragung der Weltmeisterschaften kein so großer Schritt mehr.

Die insgesamt 280 Athletinnen und Athleten aus 38 Nationen, darunter 38 deutsche Biker, waren in der ortsansässigen Kaserne untergebracht. Allerdings entschlossen sich die meisten Rollstuhlfahrer dann doch lieber dazu, auf nahegelegenen Pensionen auszuweichen. Ein Grund: Zu wenige Toiletten für zu viele Athleten. Für das Rahmenprogramm war in der kleinen Gemeinde jedenfalls bestens gesorgt. Ein original bayerisches Festzelt lud jeden Abend zu zünftig musikalischen Veranstaltungen ein und sorgte auch bei der einheimischen Bevölkerung für jede Menge Interesse an den Bikern.

Die ersten vier Tage der WM standen im Zeichen der Bahnwettbewerbe. Die Track Events fanden auf der rund eineinhalb Fahrstunden entfernten Radsport-Anlage der RSG Augsburg statt. Die Rundstrecke ist 200 Meter lang und hat einen sehr schnellen Belag aus nordischem Fichtenholz. Hier wurden die Disziplinen Zeitfahren und Verfolgung für die Startklassen B (Sehbehinderte), LC (Amputierte und gleichgestellte Athleten) und CP (Athleten mit cerebralen Paresen) ausgetragen. Die Räder sind entsprechend der unterschiedlichen Behinderungen umgebaut und haben im übrigen – was viele Zuschauer verblüfft – keine Bremse. Angehalten werden die Räder, die einen so genannten starren Gang besitzen und somit keinen Leerlauf, einfach durch die Verlangsamung der Tretbewegungen beziehungsweise durch behutsames Gegenhalten mit Muskelkraft.

Sehbehinderte waren die ersten, die den Leistungssport auf Tandems für sich entdeckten. Glänzen konnten in dieser Kategorie das bewährte Team Michaela Fuchs und Pilot Jan Ratzke. In Tandem Sprint fuhren die sehbehinderte Berlinerin und ihr Guide die Silbermedaille ein. Die beiden waren schon in Sydney ein Top-Team und räumten damals Gold und Silber ab. Auch diesmal gab es noch ein weiteres Mal den zweiten und zweimal den dritten Rang. Für sie nicht zu schlagen war im Sprint allerdings das US-Duo Pamela Fernandes mit ihrem Guide Mark Garrett. Das amerikanische Muskelpaket Garrett, im normalen Leben ein Cop, zog schon während des Einfahrens auf der Rolle die Blicke der Zuschauer auf sich. Im Rennen explodierten er und Fernandes dann geradezu in den entscheidenden Sekunden und ließen die Konkurrenz hinter sich.

Unter den Zuschauern auch ein Fahrer, der an sich zu den heißen Anwärtern auf eine Medaille gehört hätte: Christian Schmidt, mit dem Dreirad zweifacher Sieger bei der vorherigen WM in Colorado, musste sich das Spektakel dieses Mal von der Bank aus anschauen. Aufgrund einer Entzündung im Knie musste er eine längere Zwangspause einlegen, und war in letzter Zeit keine Rennen mehr gefahren. 80 Kilometer Trainingsumfang täglich, wie vor seiner ersten WM vor vier Jahren, wären für den 29-Jährigen diesmal undenkbar gewesen. Dennoch hätte er durchaus die Chance auf eine Teilnahme gehabt, auch ohne sich ausdrücklich qualifiziert zu haben. „Ich fänd’s aber selber unfair meinen Kollegen gegenüber“, antwortet Schmidt, ganz Sportler. Ob es allerdings überhaupt zu einem Sieg gereicht hätte, meldet der sympathische Athlet selber Zweifel an: „Es wäre sicherlich interessant geworden, aber es hat sich in den letzten vier Jahren sehr viel getan.“

Doch zurück zu den diesjährigen Erfolgen für das deutsche Team: In der 3-km-Verfolgung stellte das Mixed-Duo Uschi Rössle und Pilot Stefan Klimek mit 3:32,580 Minuten im Final-Rennen gegen die als stark eingeschätzte spanische Konkurrenz den Weltrekord ein und kletterte mit deutlichem Abstand zu dem Team Lidia Parra Sanchez/Ivan Lopez Fermosel aufs oberste Siegertreppchen.

In der Klasse LC1 fuhr Günter Brechtl in der Verfolgung über vier Kilometer mit 4:59,261 Minuten Bronze ein und stellte gleichzeitig einen neuen deutschen Rekord auf. Den Sieg trug der Österreicher Wolfgang Eibeck davon, der den Gegner 120 Meter vor der Ziellinie einholen konnte.

Der Schweizer Beat Schwarzenbach verwies über die Distanz 3-km-Verfolgung LC3 den Franzosen Laurent Thirionet und den Italiener Fabrizio Macchi auf die Plätze.

Walter Markwart gewann über die Straßen-Distanz von 72,8 Kilometern in der Startklasse LC1 mit einer Zeit von 1:57:16 Stunde und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,3 km/h Gold vor dem Schweden Michael Lindgren und Wolfgang Eibeck.

Der 18-jährige Nachwuchssportler Tobias Graf (LC3) freute sich über seine Bronzemedaille im Straßenrennen über die 52 Kilometer und kam noch vor Norbert Ippisch ins Ziel.

„Nach dem verhaltenen Start hat sich unser Team erfreulicherweise gesteigert und am Ende die Erwartungen des Verbandes erfüllt“, äußerte sich DBS-Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb zufrieden. „Ziel des DBS ist es nunmehr, sich in den kommenden zwei Jahren auf die Förderung vielversprechender Athleten zu konzentrieren, um bei den Paralympics 2004 ein gewichtiges Wort bei der Vergabe der Medaillen mitsprechen zu können.“

Die Road Races wurden auf unterschiedlichen Streckenprofilen in und um Altenstedt ausgetragen. Hier starteten nun auch die Handbiker, die erstmalig bei einer Rad-WM einbezogen wurden. Normalerweise gehen diese ja eher mit Läufern und Inlinern auf die Strecke, da Handbiken aber bei den Verbänden im Bereich Rad/Clycling angesiedelt ist, wurde nun also diese Variante gewählt. fee/outrun

Zu den Ergebissen der Handbiker bei dieser WM siehe den Artikel „I love this hill“ von Thomas Wagner unter Handbike.

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