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Rollstuhl-Curling

Mit viel Gefühl, aber ohne Besen

Bei der Rollstuhlcurling-WM in Luzern will Christiane Putzich mit ihrem Team in die ‚Top-Five’ vorstoßen und wichtige Qualifikationspunkte für die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2018 sammeln. Die Füssenerin gilt als Naturtalent, besonders beharrlich und willensstark. Für ihr großes Ziel Pyeongchang plant sie sogar, fortan in Teilzeit zu arbeiten – damit sie bei aller Begabung noch fokussierter trainieren kann.

Christiane Putzich (Zweite von links) ist Vize-Skip der Nationalmannschaft, spielt an Position drei. Sie sagt: "An einem guten Tag können wir gegen jede Mannschaft gewinnen." Foto: privat

Christiane Putzich (Zweite von links) ist Vize-Skip der Nationalmannschaft, spielt an Position drei. Sie sagt: „An einem guten Tag können wir gegen jede Mannschaft gewinnen.“ Foto: privat

Es gibt Fotos von Christiane Putzich bei der Ausübung ihres Sports, auf denen blickt sie mit ernstem Gesicht den Steinen nach, mürrisch anscheinend – als würde sie denken: „Alles eine Last hier.“ Aber wo bleibt der Spaß bei der Sache? Den scheint sie offensichtlich ja nicht zu haben. „Ich lache gerne“, sagt Christiane Putzich – und lacht herzerfrischend, „ich bin ein fröhlicher Mensch“. Nur wenn sie curlt, die Steine setzt oder die Taktik vorgibt, dann eben nicht – dann ist sie voll fokussiert auf ihren Sport: „Wenn ich spiele, dann bin ich im Tunnel.“ Dann sagt sie noch: „Ich bin auch ein ehrgeiziger Mensch.“ Und lacht wieder. Ehrgeiz und Hingabe an den Sport müssen wohl sein. Putzich bringt zudem großes Naturtalent mit. Erst seit 2008 spielt sie aktiv Curling, bereits zwei Jahre später nahm sie mit der Nationalmannschaft an den Paralympischen Spielen in Vancouver teil. Jetzt bereitet sie sich mit ihren Mitspielern auf die WM vor, die vom 21. bis 28. Februar in Luzern (Schweiz) ausgetragen werden.

Christiane Putzich ist der sogenannte Vize-Skip der Nationalmannschaft, spielt an Position drei, setzt als vorletzte der vier Spieler im Team die Steine und muss damit vorbereiten, dass Skip Jens Jäger – sozusagen der Kapitän der Mannschaft, der die Entscheidungen trifft – mit seinen letzten zwei Steinen den Sieg sichern kann.

Ein Naturtalent mit Beharrlichkeit und großem Willen

Wegen einer chronischen Rückenmarkserkrankung ist die Angestellte in einem Sanitätshaus seit acht Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Curling hatte sie vorher nicht gespielt. Tennis und Fußball waren ihre Sportarten. „Ich habe dann einen neuen Sport gesucht“, erzählt sie, „habe auch Rollstuhlbasketball ausprobiert, aber das war mir zu hart. Beim Curling hat es dann sofort gefunkt“. ‚Schuld’ war der damalige Cheftrainer Helmar Erlewein, dessen Frau Christiane Putzich kannte. „Ich habe gesagt, sie soll doch einfach mal vorbei kommen und es ausprobieren“, erinnert sich Erlewein. Ein Volltreffer: „Ich habe dann gleich gesehen, dass sie großes Talent hat“. So kam das eine zum anderen. „Christiane zeichnet sich durch große Beharrlichkeit aus, und sie hat den Willen, Leistungssport zu machen“, sagt Erlewein, der die Füssenerin immer noch als Heimtrainer betreut, „und sie hat ein sehr gutes Gefühl für die Steine und das Tempo“.

Nach Platz sieben bei der WM vor einem Jahr in Finnland will das Team nun mehr. „Platz fünf haben wir uns zum Ziel gesetzt“, verrät Putzich mit Blick auf die WM. 2014 erst war das deutsche Team in die A-Gruppe aufgestiegen. „Wir sind eine Wundertüte“, beschreibt die 40-Jährige ihre Mannschaft, „wir können an guten Tagen gegen jede Mannschaft gewinnen, an schlechten aber auch gegen fast jede verlieren“. Russland und China sind die Favoriten auf den Titelgewinn, „beide waren das Non-Plus-Ultra in den letzten Jahren“. Finnland, Slowakei, USA, Kanada – sie alle sind auch mit oben dabei, während die „klassischen Curlingländer“ Schweden, Norwegen und Schottland bei der letzten WM weniger gut abschnitten.

Neben der WM-Platzierung geht es in Luzern auch schon um Qualifikationspunkte für die Teilnahme an den Spielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang. Da wollen sie unbedingt dabei sein, nachdem die Spiele 2014 in Sotschi ohne Deutschland stattfanden. „Das haben wir uns als Team zum Ziel gesetzt. Wir haben uns alle darauf eingeschworen, bis dahin zusammenzuspielen und es gemeinsam anzugehen, wenn es die Gesundheit erlaubt“, sagt Putzich.

Großer Aufwand für den geliebten Sport

Neben ihr und Skip Jäger gehören noch Martin Schlitt, Heike Melchior und Ersatzmann Harry Pavel zum Team, das seit 2012 fest zusammenspielt. Aus Schwenningen und Frankfurt stammen die anderen Spieler. Dennoch versuchen sie auch im Rahmen von Trainingswochenenden so oft wie irgend möglich gemeinsam auf dem Eis zu sein. „Das ist im Curling absolut wichtig, das Team muss komplett aufeinander eingespielt sein“, sagt Putzich, „das ist bei den Rollstuhlcurlern nicht anders als bei den Fußgängern“.

Ebenfalls nicht anders sind die Steine, die Zählweise, die Größe der Bahn, die Strategie und die Spannung. Doch natürlich gibt es auch Unterschiede zum ‚normalen’ Curling. Der Stein wird nicht direkt mit der Hand gesetzt, sondern wegen der erhöhten Sitzposition über einen Stab, dem Extender. Es wird nicht gewischt, Korrekturen sind damit nicht mehr möglich. Und allen Vierer-Teams müssen Spieler beider Geschlechter angehören. Ist Christiane Putzich also eine ‚Quotenfrau’? Da muss sie wieder lachen. Blöde Frage aber auch. „Wir haben in unserer Mannschaft den großen Vorteil, mit zwei starken Frauen zu spielen“, sagt sie dann ernsthaft, „wenn sich mal eine verletzt, gibt es kein Problem. Das ist bei den USA zum Beispiel anders“.

Da es beim Curling nichts zu verdienen gibt, sind auch private Opfer notwendig. Die Zeit zwischen Job und Training ist knapp. Putzich versucht nun sogar, zukünftig nur noch in Teilzeit zu arbeiten. „Im November und Dezember war ich kein Wochenende zuhause“, erzählt sie, „aber für den Sport, den ich so liebe, bekomme ich das alles irgendwie hin“. Kevin Müller

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