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Entscheidung nach Gutachten

Olympia ohne Pistorius

Der ohne Unterschenkel geborene Leichtathlet Oscar Pistorius aus Südafrika darf nicht bei den Olympischen Spielen in Peking (8. bis 24. August) starten. Das gab der Weltverband IAAF in London bekannt.

Die IAAF berief sich bei ihrer Entscheidung auf ein 30-seitiges Gutachten der Sporthochschule Köln, das Biomechanik-Professors Gert-Peter Brüggemann erstellte. Brüggemann war nach ausgiebiger Untersuchung des Athleten zum Schluss gekommen war, dass sich der 21 Jahre alte Sprinter durch die hochtechnologisierten Karbonprothesen einen zu großen Vorteil verschaffte.

„Mein Traum ist es, bei Olympischen Spielen zu starten. Mit meinen Zeiten bin ich nah an den Qualifikationsnormen dran. Auf dieses Ziel arbeite ich hin“, hatte Pistorius vor dem IAAF-Urteil in seiner Heimatstadt Pretoria gesagt. Doch das Council des Weltverbandes machte dem ehrgeizigen Sprinter einen Strich durch die Wettkampfplanung.

Derartige Vorteile sieht Pistorius, dem im Alter von elf Monaten die Füße sowie Teile beider Unterschenkel amputiert werden mussten, nicht. „Sollte die IAAF diese Informationen dazu verwenden, mich von IAAF-Veranstaltungen auszuschließen, werde ich gegen diese Entscheidung auf höchster Ebene vorgehen“, hatte der Weltrekordler über 100, 200 und 400 Meter seiner Wettkampfklasse angekündigt. Höchste Instanz in derartigen Streitfällen ist der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne.

„Ich werde nicht nachgeben“, sagte Pistorius, und sein Manager Peet van Zyl bestärkte ihn: „Wenn es in Peking nicht klappt, ist das noch nicht das Ende für uns. 2012 könnte er dann in London im südafrikanischen Olympia-Team stehen.“ Man dürfe keiner Organisation gestatten, meinte Pistorius, „unsere Fähigkeit in Zweifel zu ziehen, Wettkämpfe mit genau jenen Hilfsmitteln zu bestreiten, ohne die wir nicht einmal gehen, geschweige denn sprinten könnten.“

Bei den Paralympics im September in Peking kann der „schnellste Mann auf keinen Beinen“ (Pistorius über Pistorius) sein 200-Meter-Gold verteidigen – zu den olympischen Sommerspielen darf er dagegen nur als Zuschauer. Laut IAAF verstößt er gegen die Wettkampfregel 144.2 (e), die technische Hilfsmittel wie Federn, Räder oder andere Geräte verbietet.

Pistorius hält die Weltrekorde in seiner Wettkampfklasse über 100 (10,91 Sekunden), 200 (21,58 Sekunden) und 400 Meter (46,56 Sekunden).

Er wollte in Peking in der südafrikanischen 4×400-Meter-Staffel laufen. Mit einer Sonderregelung hatte ihm die IAAF im WM-Jahr 2007 den Start bei zwei Grand-Prix-Meetings „zu Studienzwecken“ erlaubt und auch die biomechanische Studie in Köln finanziert. Pistorius wurde dort am 12. und 13. November getestet. Der „mechanische Vorteil“, den sich Pistorius dank seiner Karbon- Prothesen gegenüber unversehrten Athleten verschaffe, sei „höher als 30 Prozent“, teilte die IAAF in ihrer Begründung mit.

Die Tests am Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln bei Professor Brüggemann hätten ergeben, dass der Südafrikaner bei gleicher Laufgeschwindigkeit 25 Prozent weniger Energie einsetzen muss als unversehrte Sprinter. „Aus diesen Erkenntnissen geht klar hervor, dass ein Athlet mit Cheetah-Prothesen mit weniger Energieverbrauch genauso schnell sprinten kann wie nichtbehinderte Athleten“, heißt es in der Begründung. „Pistorius hat erhebliche Vorteile gegenüber von uns getesteten Vergleichssportlern ohne Prothesen. Ich hätte das nicht so deutlich erwartet“, so Professor Brüggemann.

Laut der Studie benötigt der „Blade Runner“ Pistorius in der Beschleunigung aufgrund der Rückfederung der Prothesen rund 25 Prozent weniger Energie als ein Vergleichssportler ohne Prothesen. Durch die Federung sei die rückfließende Energie bei einer Prothese bei Maximalgeschwindigkeit dreimal so hoch wie durch ein Sprunggelenk.

In der Startphase betrage der Energieverlust bei einer Prothese 9,3 Prozent, beim Sprunggelenk jedoch 41,4 Prozent. Bei den Tests war der Südafrikaner gegen fünf Athleten angetreten, die über 400 m ein vergleichbares Leistungsniveau aufwiesen.

Peet van Zyl äußerte jedoch Zweifel an den Ergebnissen der Studie: „Wir haben sie an Experten in den USA weitergereicht. Sie haben uns gesagt, dass nicht genügend Faktoren berücksichtgt worden seien. Wir glauben, dass mehr Tests notwendig sind.“ outrun

 

Professor Gert-Peter Brüggemann: „Seine areobe Ausdauer war schlechter, die anaerobe Ausdauer gleichgut. Er könnte besser trainiert sein. Die Tatsache, dass er dennoch die gleichen Zeiten wie die Vergleichspersonen lief, ist auf seine Prothesen zurückzuführen.

IAAF-Sprecher Nick Davies: „Wenn wir Pistorius einfach hätten starten lassen, hätten wir bei den Olympischen Spielen eine tolle Geschichte gehabt. Jeder hätte uns dafür geliebt. Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem auch Technodoping diskutiert werden muss.“

 

Bis zum schicksalhaften Valentinstag 2013 war der Südafrikaner Oscar Pistorius ein weltweit geachteter Ausnahmesportler und Vorzeigeathlet. Dann, in den frühen Morgenstunden des 14. Februar, erschoss er seine Freundin Reeva Steenkamp. Gleichsam über Nacht war er nicht mehr der umjubelte und von allen geliebte »Blade Runner«, wie er wegen seiner markanten Prothesen genannt wurde, sondern die Medien überschlugen sich mit Geschichten über seine vermeintliche Unberechenbarkeit und seine dunkle, gewalttätige Seite. Der sieben Monate dauernde Prozess gegen Pistorius, live im Fernsehen übertragen, wurde zum weltweiten Medienereignis. Seine vielen überraschenden Wendungen zogen Millionen in ihren Bann. Der Autor John Carlin verfolgte die Verhandlung als Prozessbeobachter aus nächster Nähe. Sein Buch Oscar Pistorius: Auf der Suche nach der Wahrheit ist das Psychogramm einer hochkomplexen Persönlichkeit, deren Leben sich zwischen den Extremem bewegte: Mut und Unsicherheit, Ehrgeiz und Verwundbarkeit, Großmut und Hitzköpfigkeit. Und es beantwortet die Frage, was das Verfahren für den noch jungen Rechtsstaat Südafrika bedeutet

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