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Rollstuhl-Rugby

Only the Best (für alle)

Rollstuhl-Rugby ist nichts für Warmduscher. Scheppernde Crashs gehören zum guten Ton des Spiels. Doch mit brachialer Gewalt kommt man beim RR nicht weit. Vornehmlich sind es Spielintelligenz und Teamgeist, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Outrun beobachtete das Geschehen beim 1. Bernd-Best-Turnier für Rollstuhl-Rugby – aus sicherer Entfernung, versteht sich.

Gemeinsam sind wir stark. Das BSNW-Team zeigt, was dran ist an dem Spruch. Foto: outrun

„Wenn Du Deinen Rollstuhl schieben kannst, kannst Du mitmachen.“ So steht es in der Veranstaltungsbroschüre. Kürzer und treffender läßt sich die Philosophie des Kölner Bernd-Best-Turniers, ja überhaupt der gesamten Sportart, wohl kaum zusammenfassen. Rollstuhl-Rugby, kurz RR, ist das erste Mannschaftsspiel für Sportlerinnen und Sportler, die eine Funktionsstörung an mindestens drei Gliedmaßen aufweisen. Es ist das einzige Spiel für Tetraplegiker unterschiedlicher Lähmungshöhen.

Da für die Organisatoren um Dr. Horst Strohkendl der Integrationsgedanke denn auch stärker im Vordergrund steht als die absolute sportliche Leistung, wurde von der ersten Auflage des Kölner RR-Turniers an in zwei Klassen gespielt. So mußten sich unerfahrene Teams, die sich erst vor Kurzem zusammengefunden hatten, nicht gleich gegen ausgebuffte Cracks wie die Heidelberger Lions, die Spinalis Spiders aus Schweden oder die BSNW-Auswahl behaupten. Ein Konzept, das Anklang gefunden hat: Mit 20 Mannschaften aus dem In- und Ausland kam das Bernd-Best-Turnier für RR bombig aus den Startlöchern.

Halbfinale. Auszeit Heidelberg. Von Integration ist zu diesem Zeitpunkt nichts zu spüren. „Du mußt mehr Haken schlagen“ gibt Lions-Trainer Philip Örüm Anweisungen. „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich reagiere heute nicht schnell genug“, kommt die Antwort aus der Spielerrunde. Örüm und seine Jungs versuchen, die Partie noch umzudrehen. Doch es sieht erwartungsgemäß nicht gut aus für die Heidelberger Löwen. Der Gegner, die Auswahl des BSNW, setzt sich aus den stärksten Spielern Duisburgs, Bochums und Kölns zusammen. Und wie sonst auch, ist an diesem Tag mit ihnen nicht gut Kirschen essen.

Besonders Bert Metzger, High-Point-Spieler aus dem Hause Road Runners, ist von den Lions kaum zu fassen. Folge: Die BSNW-Auswahl setzt sich immer weiter ab und bezwingt den bis dato noch amtierenden Deutschen Meister klar mit 40:28. „Vielleicht war dies das vorgezogene Endspiel“, kommentiert Örüm später die Begegnung.

Entwickelt wurde RR Ende der 70er Jahre von einer kleinen Gruppe Sportlern in Kanada. Sie alle hatten gemeinsam, daß sie sich wegen ihrer Behinderung im Rollstuhl-Basketball nicht voll entfalten konnten. Doch statt sich damit abzufinden und abzuhängen, knobelten sie die Regeln für ein neues, an ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Spiel aus. Das Ergebnis ist Rollstuhl-Rugby, wie es bis heute gespielt wird. „Eine Mischung aus Basketball, American Football, Schach und Autoscooter“, hat mal einer geschrieben, bei der zwar keine Körperberührung, aber dafür die meisten Rollstuhlkontakte erlaubt sind. Kein Wunder, daß RR in seiner Anfangszeit von allen nur Mörderball genannt wurde. Schließlich fuhren sich in Kanada und den USA bereits Tetraplegiker gegenseitig in den Karren, als in Deutschland Sport für Menschen mit hoher Querschnittslähmung sozusagen noch ärztlich verboten war.

Daß die Spieler sich und den Gegnern auf dem Feld nichts schenken, davon geben schon die Namen der Mannschaften dunkles Zeugnis ab. Von den Terminators (Amsterdam) ist da in den Starterlisten zu lesen. Von den Rattlesnakes (Schweiz), den Quadfighters (Niederlande) und den Outlaws (Karlsruhe). Übrigens, es hat beim Bernd-Best auch eine Spielerin gegeben: Suzanne Vermeulen punktete im schwarzen Trikot der Terminators. Vielleicht macht ihr Beispiel ja bald in Deutschland Schule.

„Wir haben viele Spiele gesehen. Und wir haben gute Spiele gesehen“, faßt Horst Strohkendl seine Eindrücke vom Turnier zusammen. An drei Tagen RR pur, inklusive Gedankenaustausch und Spielerparty – das schreit nach einer Fortsetzung. Es wurde denn bereits laut darüber nachgedacht, das Teilnehmerfeld auf 24 zu erweitern. Damit demnächst noch mehr neue Mannschaften dabei sein können.

Teuer verkauft haben sich diesmal die Berlin Raptors, die sich ganz neu gegründet haben, und den Teams der zweiten Leistungsgruppe das Leben schwer machten. das Turnier in der Kategorie gewann die Zweite der Terminators. Mit 210:89 hatten sie die beeindruckendste Torbilanz überhaupt.

Das Endspiel der ersten Leistungsklasse hat das BSNW-Team für sich entschieden. Eher unspektakulär waren die Spielzüge, aber gut vorbereitet und wirkungsvoll. Die Seagulls aus Schweden verloren mit 34:44 Punkten.

Für Patric Anderson, den Coach der Seagulls, hat sich die Anreise nach Köln aber auf jeden Fall gelohnt. Auf die Frage, ob sie denn im nächsten Jahr wiederkämen, antwortete er vor dem Endspiel mit einem verschmitzten Lächeln: „Ja, wenn wir das Finale gewinnen.“ dann gibt er zu: „Aber auch wenn nicht, sind wir wieder dabei.“  Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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