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Leichtathletik-WM in Christchurch

Protest und faire Geste

Mit einer stilvollen Abschlussfeier endete kürzlich die V. IPC Leichtathletik-Weltmeisterschaft in der Canterburry Arena im neuseeländischen Christchurch. Die Stadt war ein hervorragender Gastgeber mit einer sehr gut organisierten WM. Am Ende stellte sich dennoch die Frage, ob die Entscheidung für Christchurch richtig war. Anstatt der angestrebten 1.360 Athleten waren auf Grund der hohen Kosten lediglich rund 1.000 Athleten am Start. Dies führte zu teilweise sehr kleinen Startfeldern.

David Behre ist scharf, Oscar Pistorius im Ziel. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

David Behre ist scharf, Oscar Pistorius im Ziel. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

Probleme bereitete einmal mehr das Punktsystem („Raza Point System“), das sowohl von Mandatsträgern des IPC als auch bei den Nationen kritisch gesehen wird. Allerdings wird zum jetzigen Zeitpunkt keine Alternative gesehen, so dass es bei den Paralympics 2012 in London erneut zum Einsatz kommen wird.

Erfreulich ist die Tatsache, dass es dem IPC gelungen ist, von der WM ein Live-Signal zur Verfügung zu stellen. Dieses wurde vom paralympischen Internet-Fernsehen sowie von einigen Nationen – darunter Australien, Großbritannien und Brasilien – sehr intensiv genutzt.

Bezogen auf Deutschland wurde die Medienpräsenz gegenüber der WM 2006 in Assen um Längen übertroffen. So berichtete unter anderem der WDR in seiner Sendung „WDR sport aktuell“ von der WM. In den Nachrichtensendungen, im Videotext, in den verschiedenen Online-Portalen sowie in den regionalen Printmedien wurde intensiv und aktuell über die WM berichtet.

57 Weltrekorde und 173 Meisterschaftsrekorde zeigen, dass die Athleten noch lange nicht an den Leistungsgrenzen angekommen sind. Das deutsche Team trug seinen Teil mit drei Weltrekorden, sieben Meisterschaftsrekorden sowie drei Europarekorden bei. Erfolgreichste Athleten der Weltmeisterschaft waren die Rollstuhlfahrer Tatyana McFadden (USA / 4 x Gold) und David Weir (GBR / 3 x Gold) sowie die Sprinter Yunidis Castillo (CUB) und Oscar Pistorius (RSA / 3 x Gold, 1 x Silber).

In der Medaillenwertung belegte Deutschland mit acht mal Gold, acht mal Silber und acht mal Bronze den neunten Platz. Betrachtet man allerdings die Nationenwertung, in die auch die 16 vierten Plätze des deutschen Teams einfließen, rangierte das Team sogar auf Platz 5.

Michaela Floeth siegte im Kugelstoßen. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

Michaela Floeth siegte im Kugelstoßen. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

Die Titel für das deutsche Team gingen auf das Konto von fünf Athleten: Doppelweltmeister sind Marianne Buggenhagen (Kugel/Diskus – SC Berlin), Heinrich Popow (100m/Weit – TSV Bayer 04 Leverkusen) und Birgit Kober (Kugel/Speer – TSV Bayer 04 Leverkusen). Die beiden weiteren Titel gewannen Michaela Floeth im Kugelstoßen und Markus Rehm im Weitsprung (beide TSV Bayer 04 Leverkusen).

Die Weltspitze in den einzelnen Wettbewerben ist deutlich breiter geworden. Die Zeiten, in denen Athleten weit vor dem Feld voraus liefen, scheinen weitestgehend vorbei zu sein. Insgesamt 89 Mal musste das Zielfoto über Platzierungen entscheiden.

Eines wurde in „Down Under“ deutlich. Athleten mit Handicap nähern sich immer mehr den Leistungen der Nichtbehinderten an. Neben dem irischen Sprinter Jason Smith (Sehbehinderung) und dem Südafrikaner „Bladerunner“ Oscar Pistorius (Südafrika) kämpft der armamputierte Franzose Arnaud Assoumani gerade um die Qualifikation im Weitsprung für die EAAF Hallen EM in seinem Heimatland Frankreich.

In Deutschland suchen die Top-Athleten auch immer mehr die regionalen Meisterschaften und Wettkämpfe der Fachverbände auf, da es im Behindertensport in der Leichtathletik weiterhin kein adäquates Wettkampfangebot gibt. Bei diesen Wettkämpfen gibt es die notwendige Konkurrenz, um sich dann bei den Paralympics in der Weltspitze behaupten zu können.

Immer häufiger setzen sich gemeinsame Trainingsgruppen von Behinderten und Nichtbehinderten durch, wie sie beispielweise in Leverkusen schon seit Mitte der 90er Jahre existieren. In Frankreich konzentriert sich die Leichtathletik immer mehr auf Paris als Leistungszentrum. In Australien trainieren die Athleten schon lange am Institut of Sports in Canberra. Die Top-Athleten der USA bereiten sich im Californischen Chula Vista, nahe der mexikanischen Grenze auf ihre internationalen Einsätze vor und konzentrieren sich komplett auf den Sport.

Im Bereich der Förderung zählt Deutschland nicht zu den Vorreitern. In Australien beispielsweise können Athleten, die die Plätze Eins bis Vier bei der WM belegt haben, im Optimal-Fall auf eine Förderung in Höhe von 40.000 AUS $ hoffen.

In Großbritannien ist eine sehr breite und intensive Förderung zu beobachten. Unter Headcoach Peter Ericsson wird nichts dem Zufall überlassen. Es wurde ein entsprechendes Trainerteam aufgebaut. Am Rande der WM verpflichteten die Briten einen finnischen Speerwurftrainer. Athleten wie beispielsweise der junge Aled Davies werden schon seit Jahren zu internationalen Meisterschaften geschickt, obwohl sie weit von der Weltspitze entfernt waren. Bereits in Christchurch zahlte sich dieser konsequente Weg aus. So gewann beispielsweise der in der Klasse der Oberschenkelamputierten startende Aled Davies Bronze im Diskuswerfen und belegte Rang vier im Kugelstoßen.

Auch in Brasilien werfen die Paralympics 2016 ihre Schatten voraus. Brasilien gehört schon jetzt zu den Top-Nationen in der Leichathletik und wird in den kommenden Jahren weiter investieren.

Das deutsche Team hatte nach dem 200m-Rennen der Oberschenkelamputierten gegen die Prothesenlänge des Briten Richard Whitebread protestiert. Der Doppeloberschenkelamputierte hatte sich durch verlängerte Prothesen offensichtlich einen Vorteil verschafft und düpierte die einseitig oberschenkelamputierten Läufer auf der Zielgeraden mit riesigen Schritten. Zwar wurde dem Protest nicht stattgegeben, doch das IPC reagierte unverzüglich, und ließ im Anschuss alle Athleten mit doppelseitigen Beinbehinderungen mit Prothesen vermessen.

Vanessa Low. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

Vanessa Low. Foto: TSV Bayer 04 Leverkusen

Von dieser Regel werden die beiden Deutschen Vanessa Low und David Behre profitieren. Beide können ihre Prothesen verlängern, wodurch sie einen längeren Schritt bekommen werden. Die Änderung setzt allerdings eine schnelle Umsetzung voraus, da es dann ein anderes Laufbild sein wird. Der eine oder andere Athlet wird in Zukunft vielleicht sogar unterschiedlich lange Prothesen nutzen. Während auf der 100m-Strecke eine kürzere Feder von Vorteil sein könnte, bietet sich gerade auf der 400m-Strecke die längere Variante an.

Mit Mathias Mester fehlte eine wichtige Größe im Team. Der Kleinwüchsige kann in London in bis zu drei Wettbewerben antreten. Gleiches gilt für Wojtek Czyz, der nach dem Weitsprung verletzungsbedingt die WM abbrach. Betrachtet man allein die 16 vierten Plätze, scheint auch hier noch die eine oder andere Medaille möglich zu sein. Allerdings muss man damit rechnen, dass auch der eine oder andere medaillenträchtige Wettbewerb für das deutsche Team wegfallen wird. Dies wird sich alles in den kommenden Monaten entscheiden.

Sprinterin Katrin Green glänzte bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Sportler mit Handicap in Christchurch (Neuseeland) nicht nur mit zwei Silbermedaillen, sie beeindruckte besonders durch eine faire Geste. Die Leverkusenerin sorgte dafür, dass ihre größte Konkurrentin, die Französin Le Fur, kurz vor dem Start ihren Sprintspike von den Kampfrichtern zurück bekam. Diese hatten die Regelkonformität der Dornen angezweifelt und den Schuh im Callroom behalten.

Die Geste der 25-jährigen Deutschen ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die beiden Sprinterinnen sind schon seit Jahren engste Rivalinnen über die Sprintstrecken und der fehlende Spike hätte für Green wohl WM-Gold bedeutet.

Katrin Green: „Ich wollte, dass es ein faires Rennen wird. Die Französin ist eine sehr gute Athletin und es wäre einfach unfair gewesen, wenn sie in Turnschuhen hätte laufen müssen. So wollte ich nicht gewinnen!“  Jörg Frischmann

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