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Wieder WM-Medaillen

„Quäl dich, du Sau“

Schon einen Tag vor dem Ende der nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Finsterau steht fest: Das deutsche Team hat die Erwartungen weit übertroffen und zum Abschluss der Biathlon-Wettkämpfe bereits die Medaillen 11 bis 13 bei dieser WM gefeiert. Im Sprint jubelten Anja Wicker sowie Clara Klug mit Guide Martin Härtl über Silber und Martin Fleig holte mit Bronze bereits seine vierte WM-Medaille. Ohne Edelmetall blieb Andrea Eskau – die sich allerdings mit toller Geste als große Teamplayerin zeigte.

Anja Wicker (Bild) wurde auf den letzten Metern noch von ihrer Teamkollegin und Konkurrentin Andrea Eskau angefeuert. Foto: Ralf Kuckuck

„Quäl dich, du Sau“, zischte Radprofi Udo Bölts vor 20 Jahren bei der Tour de France Jan Ullrich zu und peitschte seinen Teamkapitän damit gehörig an. Eine ähnliche Erfahrung hat bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Finsterau (Bayerischer Wald) nun auch Anja Wicker vom MTV Stuttgart im Biathlon-Sprint (6 km) gemacht. Denn auf der finalen Runde hatte die 25-jährige Sitzskiathletin ihre Mannschaftskameradin Andrea Eskau (USC Magdeburg) im Nacken, die ihr bis zur Ziellinie nicht mehr von der Seite wich. Eskau lag abgeschlagen auf dem vierten Platz und unterstützte folglich ihre Teamkollegin – großer Sport.

„Andrea war am Anstieg plötzlich hinter mir und hat mir Feuer gemacht“, berichtete Wicker, für die es zu dem Zeitpunkt um Silber oder Bronze ging. Das Antreiben zeigte Wirkung. Trotz ungünstiger Schneeverhältnisse lief die Stuttgarterin in 21:21,0 Minuten auf Platz zwei, sehr zur Freude ihres aus der Heimat angereisten Fanclubs. Gold ging an die erneut starke Oksana Masters (USA / 20:56,2 Minuten / zwei Fehler), Bronze schnappte sich die Weißrussin Lidziya Hrafeyeva (21:48,0 Minuten / drei Fehler). Edelhelferin Andrea Eskau musste sich dagegen in 23:15,0 Minuten mit dem undankbaren vierten Platz begnügen. Drei Fehler beim ersten Schießen und zwei beim zweiten nahmen ihr jede Medaillenchance. „Ich weiß nicht, was da los war“, sagte die 45-jährige Elsdorferin, die am Sonntag im Langlauf über die mittlere Distanz aber noch eine letzte Gelegenheit für weiteres Edelmetall hat.

Clara Klug mit ihrem Guide Martin Härtl. Foto: Ralf Kuckuck

Bei den Männern im Schlitten lief der bereits zweimalige Biathlon-Weltmeister von Finsterau, Martin Fleig vom Ring der Körperbehinderten Freiburg, über die 7,5 Kilometer wie schon im Langlauf über die 15 Kilometer zu Bronze. Nach tadelloser Leistung am Schießstand kam er in 21:50,2 Minuten in einem spannenden Dreikampf hauchdünn hinter den Ukrainern Maksym Yarovyi (21:36,1 Minuten / ein Schießfehler) und Taras Rad (21:48,9 Minuten / kein Schießfehler) ins Ziel. Und die Freude über erneutes Edelmetall war beim deutschen Überflieger dieser WM groß. „Unglaublich, dass es wieder geklappt hat. Ich wusste, dass es gegen die Schnellschützen wie Taras sehr schwer wird.“

Die dritte Medaille für Schwarz-Rot-Gold und die insgesamt 13. der WM holte am Nachmittag Clara Klug vom PSV München bei den Damen mit Sehbehinderung – und das äußerst eindrucksvoll. Die 22-Jährige, bisher einmal mit Silber und einmal mit Bronze dekoriert, traf bei zehn Versuchen zehnmal ins Ziel und blieb angetrieben von ihrem Guide und Trainer Martin Härtl (SK Nesselwang) in 20:38,8 Minuten nur 23 Sekunden hinter Oksana Shyshkova aus der Ukraine (20:15,7 Minuten / drei Fehler). Bronze ging an Olga Prylutska (Ukraine / 21:42,3 Minuten / drei Fehler). „Das ist der Hammer, einfach überwältigend“, sagte Klug und nahm die begeisterten Glückwünsche von Verena Bentele entgegen. Die zwölffache Paralympicssiegerin, heute Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, hatte wie viele weitere frühere Spitzensportler der Deutschen Paralympischen Mannschaft im Publikum mitgefiebert. „Das war Claras mit Abstand bestes Rennen ihrer bisherigen Karriere“, lobte auch Bundestrainer Ralf Rombach. „Sie hat Kämpferherz gepaart mit der nötigen Lockerheit gezeigt.“

Der Chefcoach hatte nach einem weiteren unerwartet erfolgreichen Tag ohnehin allen Grund zur guten Laune. „Ich bin richtig stolz auf meine Mannschaft“, betonte Rombach. Nico Messinger (Ring der Körperbehinderten Freiburg, mit Guide Christian Winker, SSV Spaichingen) und Steffen Lehmker (SV Kirchzarten) komplettierten als Neunter bei den Männern mit Sehbehinderung und als Zehnter in der stehenden Konkurrenz das deutsche Teamergebnis. Morgen steht zum Abschluss der Langlauf über die mittlere Distanz auf dem Programm. Kevin Müller

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