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Rollstuhl-Rugby

Teilnehmen ist wichtiger als Siegen

Dr. Horst Strohkendl erinnert daran, dass im Rugby Breitensport und Spitzensport unterschiedliche Bedürfnisse hervorrufen und sich nur bedingt gegenseitig beeinflussen.

Die Blicke im Behindertensport konzentrieren sich immer mehr auf die kommenden Paralympiks in Peking 2008. Die chinesischen Organisatoren haben unglaubliche Anstrengungen unternommen, um in asiatischer/chinesischer Tradition den teilnehmenden Athleten den Service einer fürstlichen Gastfreundschaft zu offerieren. Diese Bemühungen werden die Gastgeber jedoch nicht davon abhalten, im Wettkampf das dicke Ende an Medaillen für sich zu reservieren.

Seit Sydney 2000 fest im paralympischen Programm vertreten , hat Rollstuhl-Rugby, vor allem durch die erstaunliche Tatsache, von Halsquerschnittgelähmten gespielt zu werden, eine ungemeine Faszination für die Spieler und Zuschauer entwickelt. Tetraplegiker spielen ein Kampfspiel, das große Kondition und Konzentration erfordert. Dabei wird gerade das krasse Gegenteil von den Vorstellungen demonstriert, die die üblicherweise zur absoluten Vorsicht neigenden Nichtbehinderten bei der Begegnung mit Halsquerschnittgelähmten haben.

Die Mischung der Mannschaft mit Spielern für die ‚Ballaktionen‘ und für die ‚Blockarbeit‘ hat zu einer wirklichen Integration von hoch gelähmten Spielern geführt, die an den Armen nur über Schulter- und Bizeps-Muskeln verfügen, aber ohne Trizeps und Handfunktionen auskommen müssen. Rollstuhl-Rugby und seine Spieler und Spielerinnen zeigen pure Grenzerfahrung menschlicher Leistungsfähigkeit.

Sich mit den Besten der Welt im olympischen Wettkampf messen zu können, eine alles überragende Vorstellung sportlicher und athletischer Erfahrung für einen Menschen, gehört zu den erstaunlichsten Errungenschaften der modernen Rehabilitation und ihre Verbindung zur paralympischen Bewegung. Die Faszination, sportliche Höchstleistungen durch das Streben nach olympischen Ehren zu erreichen, motiviert jeden Fachverband, optimale Trainingsbedingungen bereitzustellen und dafür talentierte Spieler zu suchen. Dieses Streben in Frage zu stellen, würde viele Bemühungen im aktuellen Rollstuhl-Rugby-Sport und besonders die Motivation talentierter und sportlich ambitionierter Spieler schmälern.

Die deutschen Rugby-Spieler haben sich als Vize-Europameister mit zwei anderen europäischen Mannschaften auch für das 8er-Turnier bei den Paralympiks in Peking qualifiziert. Coach Pierre Sahm, Assistent Coach Bert Metzger und Manager Heiko Striehl werden alles in ihren Kräften mögliche tun, um zum ersten Mal an eine der zu vergebenden Medaillen zu kommen. Zu wünschen ist es der deutschen Delegation, repräsentiert sie doch einen der an Mitgliedern stärksten Verbände im internationalen Rollstuhl-Rugby. Eine Medaille bei den Paralympiks zu erringen, würde nicht nur das Team, sondern alle Mitarbeiter und Fans sehr glücklich machen und weitere Kräfte für den nationalen Aufbau der Sportart frei setzen.

DAS ALLTAGSGESCHÄFT IN DEN VEREINEN LÄUFT WEITER

Neben den internationalen Ambitionen unserer Rollstuhl-Rugby-National-Mannschaft bleibt das wichtigste und übergeordnete Ziel für die Funktionsträger des Fachbereichs der Aufbau eines flächendeckenden Sportangebots für möglichst viele Rollstuhlfahrer und auch Rollstuhlfahrerinnen.

Neben den Tetraplegikern mit Querschnittslähmungen sind auch Körperbehinderte mit anderen funktionell vergleichbaren Behinderungen, wie Muskelerkrankungen, Hirnschädigungen, Amputationen, Dysmelien und Multiple Sklerose in die Rekrutierungsarbeit einzubeziehen.

Nicht zu vergessen sind auch die Frauen, die weit weniger von Behinderungen betroffen sind, aber immer noch 25% aller Spieler stellen könnten. Viele aktive Rollstuhl-Rugby-Spieler, viele Vereine und Mannschaften sichern auch langfristig sportliche Erfolge unserer Spitzenteams und der Nationalmannschaft auf internationaler Ebene, wenn auf Landes- und Bundesebene die Trainingsbedingungen für den Spitzensport organisiert und finanziert werden.

1992, in Folge des ersten Workshops für Rollstuhl-Rugby in Deutschland durch ein Englisches Team, schien die nationale Entwicklung des Rollstuhl-Rugbys dem gleichen Muster zu folgen, wie in anderen Sportarten des Behindertensports. Die internationale Bühne bot dabei die günstige Gelegenheit: Gründung einer National-Mannschaft, um 1995 an den Europa-Meisterschaften in Schweden teil zu nehmen. Gleichfalls 1995 Durchführung der ersten deutschen Meisterschaft bei nur drei Vereins-Mannschaften.

Die neue Sportart drohte die gleichen Versäumnisse im nationalen Aufbau der Sportart strukturell und personell zu begehen, wie das leider in vielen Ländern und auch bei einigen nationalen Sportarten des Behindertensports der Fall ist. Hierbei wird allzu vordergründig ein Entwicklungs-Modell aus dem Bereich der Nichtbehinderten bemüht, dass, wenn man die historische Entwicklung und Aufbauarbeit der verschiedenen Sportarten genauer analysiert, in dieser Form auch gar nicht geschehen ist und funktioniert. Ein vorbildliches Beispiel für einen soliden Aufbau ist die Entwicklung des Deutschen Fußball Bundes (DFB) zum größten Verband der Welt. 1900 durch viele regionale Verbände vereint und gegründet, spielte erst 1908 zum ersten Mal eine National-Mannschaft, und die 1. Bundesliga entstand gar erst 1961. Ähnlich organisierte sich der Fußball für die Frauen von der regionalen Ebene zur Bundesebene. Langfristig gesehen, wie der Gewinn der Weltmeisterschaft der deutschen Frauen-Mannschaft zeigt, mit durchschlagendem Erfolg.

Der sportliche Erfolg wurde erreicht durch eine langfristig geplante Aufbauarbeit, die an der Basis nachhaltig viele Interessenten zur aktiven Teilnahme erfassen und motivieren kann. Durch eine flächendeckende Leistungspyramide von Ligen, bestehen für die sportlich talentierten und ambitionierten nicht nur aufsteigende Leistungsanforderungen, sondern auch verbesserte Trainingsbedingungen durch qualifizierte Trainer. Große sportliche Erfolge gerade bei den Spielen und bei Bestehen des vielfältigen nationalen Angebots in den Vereinen und Landesverbänden, führen rückwirkend auch wieder zu mehr Teilnehmern an der Basis.

Die Form der sportlichen Betätigung kann heute im Wesentlichen als zweigleisig beschrieben werden: Es gibt den trainingsintensiven und vorwiegend auf Höchstleistung ausgerichteten Leistungs- und professionellen Spitzensport und daneben den freizeitorientierten Vereins- und Breitensport. Bei Sportarten wie Skifahren, Radfahren, Schwimmen oder Langlaufen besteht zwischen dem Spitzensport und dem Freizeit- und Breitensport keine direkte Verbindung. Sie existieren völlig unabhängig von einander; d.h., Erfolge im Spitzensport sind für die aktiven Teilnehmer im Freizeit- und Breitensport ohne große Bedeutung.

Spitzensport und Breitensport müssen je nach Motivation und Zielsetzungen auch im Behindertensport unterschiedlich begründet und organisiert werden.

UNTERSCHIEDLICHE MENSCHEN UND MOTIVATIONEN

Folgende Fakten müssen bedacht werden, die zum Teil sehr spezifisch für den Behindertensport ausfallen können, wenn das übergeordnete Ziel im nationalen Aufbau einer Sportart, die Beteiligung möglichst vieler aktiver Teilnehmer, erreicht werden soll. :

– Die primär an Meisterschaft und internationaler Teilnahme orientierte Sportart dient einigen wenigen besonders begabten Athleten und Funktionären. Die Finanzierung der Teilnahme an internationalen Events wird in erster Linie durch das Prestigedenken der Politik ermöglicht. Die Bewunderung hoher Leistungsfähigkeit begabter und intensiv trainierender Athleten führt nicht automatisch zu einer größeren Beteiligung von Rollstuhlfahrern. Besonders dann nicht, wenn die Vereinsangebote auf kommunaler Ebene fehlen.

– Eine Vielzahl von Personen folgen der irrigen Meinung, dass die durchaus positive Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderungen, die der internationale Spitzensport über die Medien in der Öffentlichkeit erzeugt, viele Nachahmer und Aktive auf nationaler Ebene finden könnte. Die aktive Beteiligung von Erwachsenen, erreicht man damit allein nicht. Rollstuhlfahrer mit schweren Funktionseinschränkungen, die den Sport regelmäßig in ihrer Freizeit auf kommunaler Ebene betreiben sollen, brauchen besondere Hilfen. Die Erfahrungen des Ausschusses Reha + Nachwuchs zeigen, dass Menschen, die durch die Behinderung eine schwere Lebenskrise bewältigen müssen, selbst bei Bestehen eines Trainingsangebots in ihrem näheren Umfeld, nur durch den persönlichen Kontakt den Zugang zur Sportart finden. Eine dauerhafte Anbindung an eine Sportgruppe wird wahrscheinlicher, wenn durch gute methodische Hilfen qualifizierter Übungsleiter der Anfänger in der Sportart einen Grad an Können erreicht, der erfolgreiches Lernen und Spielen sichert sowie die persönlichen Beziehungen in der Gruppe stärkt.

– Spitzensport und das Privileg von internationalen Reisen ist als Motiv sehr anspruchsvoll, das bei dem heutigen Leistungsniveau nur von wenigen Begabten erreicht werden kann. Je höher das Niveau in einer Sportart, umso mehr Menschen schließt sie von der aktiven Teilnahme aus, wenn nicht daneben ein unabhängiges Breitensportangebot vorhanden ist.

– Verdeutlicht werden muss dazu der Wert einer regelmäßigen Teilnahme jedes einzelnen am Sport für die Verbesserung seiner/ihrer Lebensqualität, insbesondere im Rahmen der Rehabilitation. Dies erfordert eigene nationale Anstrengungen, die, unabhängig von den Anforderungen und Vorgaben des internationalen Sportangebots, gemäß den Bedürfnissen und Voraussetzungen jedes sportinteressierten Rollstuhlfahrers entwickelt werden müssen.

– Nur wenn kompetente Menschen und Spieler, die von dem hohen Wert des Rollstuhl-Rugby-Sports für ihre Lebensqualität überzeugt sind, aktiv werden, entstehen Vereinsangebote, finden sich Übungsleiter und Gruppenleiter, um Anfänger sportlich anzuleiten, neue Mannschaften zu bilden und sportliche Wettkämpfe zu organisieren.

– Spitzensport und Rollstuhl-Rugby als Vereins- und Breitensport sind zwei unterschiedliche Formen Sport zu treiben. Der Spitzensport besitzt große Anreize, aber auch Verlockungen, wie die Praxis im Behindertensport zeigt. Als Nationalspieler oder Funktionär zu den attraktiven Events des internationalen Behindertensports zu fahren ist für manchen Sportler und Trainer ein verständlicher Wunschtraum. Weniger ambitionierte Rollstuhlfahrer mit schweren Behinderungen zu rekrutieren oder den Aufbau von Vereinsangeboten zu unterstützen, fordert unabhängig vom Spitzensport tätige, engagierte Helfer mit großer sozialer Verantwortung und Kompetenz, sowie der Überzeugung für den großen Wert des Breitensports für die Lebensqualität jedes Rollstuhlfahrers.

ABSCHIED NEHMEN VON ALTEN VORSTELLUNGEN

– Der Fachbereich muss Abschied nehmen von der Vorstellung, dass sportliche Erfolge im Spitzensport automatisch zu einer größeren Zahl von aktiven Sportlern in den Vereinen führt. Dazu müssen strukturelle Veränderungen im Trainingsangebot vorgenommen werden, die einen Überbau zu den Vereinsangeboten bilden:

Dem Vereinssport kommt die wichtige Aufgabe zur Förderung des Rehabilitationssports und des Breitensports zu. Für die Förderung des Spitzensports bedarf es Maßnahmen zum Aufbau vereinsübergreifender, semi-professionell geführter Landeskadern mit eigenen Trainingsmöglichkeiten und qualifizierten Trainern.

Die Vereine können in der Regel den großen und notwendigen Aufwand an Trainingsmöglichkeiten für den Spitzensport nicht leisten und müssen bereit sein, geeignete Spieler an die Trainingsgemeinschaft für den Spitzensport abzugeben.

Neben den Trainern müssen eigene Übungsleiter befähigt werden, die ihre primäre Aufgabe in der Heranführung neuer Mitglieder an die Vereine und in der Gründung neuer Vereinsangebote sehen.

KOEXISTENZ VON BREITENSPORT UND SPITZENSPORT

Realistisch muss man also von folgenden Grundsätzen ausgehen, damit das Angebot des ‚Spitzensports für talentierte Athleten‘ und der ‚Breiten- und Rehabilitationssport für Alle‘ nebeneinander erfolgreich bestehen können:

– Die breite Basis einer Sportart kann nicht von der Spitze her entwickelt werden, sondern regional nur durch flächendeckende Initiativen von engagierten Rollstuhl-Rugby-Helfern, die vom besonderen Wert regelmäßiger sportlicher Betätigung im Verein überzeugt sind.

– Langfristig wird der Spitzensport besonders dann zum Privileg besonders begabter und finanziell abgesicherten Personen, bei dem die Nachwuchsarbeit sehr erschwert ist, wenn national kein breiter Unterbau an Vereinsangeboten existiert.

– Der Spitzensport und seine Funktionäre sind verständlicherweise an vielen talentierten Leistungssportlern interessiert und nicht primär an vielen Teilnehmern. Sie können nicht den Aufbau eines flächendeckenden Vereinsangebots übernehmen.

– Die Bedingungen des Spitzensports im Bezug auf Trainingsaufwand, Lebensführung und Konsequenzen, die die Qualifizierung für die nationale Spitze erfordern, müssen dem dafür Interessierten deutlich gemacht werden, insbesondere der Unterschied zum einmal wöchentlich stattfindenden Breitensport in den Vereinen.

– Spitzensport schafft, bei besonderer Attraktivität, eher Zuschauer als Teilnehmer.

– Breitensport, vorwiegend durch ehrenamtlich organisierte Vereine angeboten, bildet eine erste wichtige Adresse für den Rehabilitationssport von Frischbehinderten und Anfängern, und

– bildet auch für den talentierten und leistungsorientierten Sportler, der den Spitzensport als motivierende Herausforderung annimmt, eine wichtige erste Durchgangsstufe im Rahmen seiner Rehabilitation.

– Der deutsche Vereinssport als primäres Breitensport- und Rehabilitationsangebot bildet eine wichtige Basis für eine gute Nachwuchsarbeit für den vereinsübergreifenden und semi-professionell organisierten Spitzensport.

TEILNAHME IST WICHTIGER ALS SIEGEN

Die Erben der Bernd-Best-Philosophie und der Gründungsväter des DRS schritten rechtzeitig beim Aufbau der Sportart Rollstuhl-Rugby in Deutschland ein. Rollstuhlsport soll in erster Linie ein Sport für Alle sein. Der Spitzensport ist ein attraktives Zusatzangebot für die dafür talentierten Menschen.

Der Spitzensport gewinnt seinen besonderen Wert für die Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen als effektives Mittel in der Öffentlichkeitsarbeit, in dem er die Eigenschaften Lebensfreude und Leistungsfähigkeit auf überzeugende Weise in Szene setzt.

Norbert Leisten und Horst Strohkendl verfolgten aus gegebenen Anlass den alten olympischen Grundsatz: Teilnehmen ist wichtiger als Siegen. Bei Menschen mit Behinderungen erhält die Teilnahme am Sport in einer Gemeinschaft eine weit größere Bedeutung, als bei den Nichtbehinderten.

Die Sportgruppe im Verein ersetzt oft die Funktion einer Selbsthilfegruppe. Sie wird zu einem sehr erfolgreichen Mittel zur Bewältigung einer Behinderung und Entwicklung eines aktiven Lebenskonzepts. Das Sporttreiben in der Gemeinschaft wird zur Lebenshilfe und zur Verbesserung der Lebensqualität. Dazu genügt bei den meisten Rollstuhlfahrern die regelmäßige Teilnahme einmal pro Woche.

Die Heranführung von Rollstuhlfahrern zum aktiven Sporttreiben im Rahmen der Rehabilitation bedarf besonderer Maßnahmen im Werben und Lernen. Heute kann man mit Fug und Recht behaupten, dass das Bernd-Best-Turnier, in seinem Konzept als Basketballturnier gegründet, besonders auch als Rollstuhl-Rugby-Turnier zwei Prinzipien verfolgt, die der Spitzensport allein nicht leisten kann:

– Einstieg in eine Sportart auf niedrigem Leistungsniveau (Basis-Liga als unterste von insgesamt vier hierarchisch nach der Leistungsstärke gebildeten Ligen),

– Solidarität der erfahrenen Sportler mit den Anfängern einer Sportart im Sinne des Peer Counselings.

Nach anfänglichen Mühen, die die Vision von Boris Grundl, 500 bis 2005, nicht erfüllen konnten, sind zumindest die Weichen für den Aufbau des nationalen Rugbysports für viele Menschen mit Tetraplegie und anderen funktionell vergleichbaren Körperbehinderungen entstanden. Dabei musste man sich auf einer einseitigen Ausrichtung auf das Vorbild des internationalen Rollstuhl-Rugby-Sports frei machen. Die wichtigsten Maßnahmen waren

– die Gründung des Ausschuss Reha + Nachwuchs für eine gezielte Nachwuchsarbeit und Neugründung von Vereinsangeboten

– der Aufbau regional verteilter Basis-Ligen, um langfristig von unten ein hierarchisch geordnetes Liga-System aufzubauen, dass den Einstieg von neuen Spielern und Mannschaften erleichtert.

– die Modifizierung des internationalen Klassifizierungssystems, um die Teilnahme der schwerer behinderten Rugby-Spieler, der nicht gelähmten Spieler mit Körperbehinderungen und der Frauen zu unterstützen.

Schon wie die Bezeichnung des eigenen Ausschusses des Fachbereichs Rollstuhl-Rugby verdeutlicht (Reha und Nachwuchs), spielt die Phase der Rehabilitation von betroffenen Menschen, nach einem dramatischen und tragischen Verlust wichtiger Körperfunktionen, eine entscheidende Rolle für einen erfolgreichen Beginn von sportlichen Aktivitäten als Rollstuhlfahrer. Pädagogisch und therapeutisch kann man sich kaum eine schwierigere Aufgabe vorstellen. In diesem Segment des Sportlernens liegt die besondere Herausforderung und Verpflichtung des Behindertensports für seine Nachwuchsarbeit. Besondere Beachtung finden dabei der Prozess der Behinderungs-Verarbeitung, der Behinderungs-Annahme und eigene Versuche zur Entwicklung eines neuen Lebenskonzepts des jeweils von einer Behinderung betroffenen Menschen. Ganz entscheidend ist es, den richtigen Zeitpunkt zum Aufbau eines neuen Lebenskonzepts eines frischbehinderten Menschen zu finden.
a) Bei der Rekrutierungsarbei haben sich zwei Maßnahmen als erfolgversprechend erwiesen:

– Im Rahmen der klinischen Phase ist die Motivation für den Rollstuhl-Rugby-Sport psychologisch sehr schwierig zu leisten. Sie kann dennoch gelingen, wenn engagierte Therapeuten und Sportpädagogen vor Ort, im Schonraum rehabilitativer Bemühungen, enge menschliche und sportliche Beziehungen entwickeln, erste erfolgreiche Bewegungserlebnisse vermitteln und auf die inspirierende nationale Rugby-Szene hin weisen.

– Der Ausschuss Reha + Nachwuchs sieht ein günstiges Betätigungsfeld für die Rekrutierung neuer Spieler und Spielerinnen bei den Reha-Messen. Potentielle Rollstuhl-Rugby-Spieler befinden sich in der Aktiv-Phase der Behinderungsverarbeitung. Möglicherweise suchen sie Hilfen und Neuigkeiten, wenn sie die Messe besuchen. Hier suchen Mitarbeiter des Ausschusses, Rugby-Spieler und Helfer, den persönlichen Kontakt zu den Besuchern und werben mit einem Messestand für ihren Sport.

b) Die Suche von engagierten Interessenten für den Aufbau eines Rollstuhl-Rugby-Angebots auf kommunaler Ebene. Die Geschichte des organisierten Behindertensportsangebots in den Vereinen ist die Geschichte engagierter Personen, die vom Wert des sportlichen Angebots für die Menschen mit Behinderungen im höchsten Maße überzeugt waren, und denen es gelungen ist, die materiellen, personellen und organisatorischen Anforderungen erfolgreich zu bewältigen. Im Rollstuhl-Rugby sind dies in der Regel ein engagierter Spieler und ein engagierter nichtbehinderter Helfer, die andere Teilnehmer zum Mitmachen überzeugen können.

c) Die konkrete Hilfe des Fachbereiches Rollstuhl-Rugby durch seinen Ausschuss Reha + Nachwuchs gelingt am effektivsten durch sein intelligent gestaltetes Workshop-Angebot. Der Ausschuss Reha und Nachwuchs kennt drei Formen von Workshops, mit denen er den Aufbau einer Rollstuhl-Rugby-Initiative wecken und unterstützen kann:

1) Workshop A: Einladung von interessierten und datenmäßig erfassten Spielern einer Region zu einem Schnupper-Lehrgang mit Unterstützung eines bereits bestehenden Rollstuhl-Rugby-Vereins.

2) Workshop B: Unterstützung einer gewünschten Gründungs-Initiative vor Ort, bei der die Nachhaltigkeit durch besagte engagierte Initiatoren erwartet werden kann.

3) Workshop C: Unterstützung einer im Aufbau befindlichen Trainingsgruppe bei der Durchführung des Trainings und Beratung für Fortbildungs-, Finanzierungs- und Aufbaumaßnahmen.
d) Design des Workshops:

Zur Durchführung des Workshops werden Rugby-Rollstühle und erfahrene Referenten benötigt.

Das Referenten-Team besteht aus einem

– Low-point-Spieler (Schwerstbehinderter), einem High-point-Spieler und einem Fußgänger, der als Schiedsrichter- oder Trainer große Erfahrung im Rollstuhl-Rugby hat.

– Der Ausschuss Reha + Nachwuchs hat die Transportmöglichkeiten für wenigstens sechs Rollstühle, die den Teilnehmern zur Verfügung gestellt werden können.

– Der Workshop umfasst sechs Unterrichtseinheiten, die bequem an einem Nachmittag durchgeführt werden können.
Wichtige Teile des Programms sind:

i) Anpassung der Rollstühle und Hilfsmittel (Handschuhe; Bauchgurte)

ii) Erlernen der elementaren Fahrtechniken und Ballfertigkeiten

iii) Aufklärung über Beschaffung von Rollstühlen; Verbandszugehörigkeit; Vereinsgründung; Fort- und Ausbildung im DRS etc.

iv) Erstes Spielerlebnis durch effektives Blocken und Tore erzielen.
– Absolut wichtigste Person ist der körperlich schwerbehinderte Spieler als Referent. Mit ihm können sich alle Spieler identifizieren und ermessen, was durch Training und guter Rollstuhl-Anpassung erreicht werden kann. Der High-point unterstützt als Spielmacher die Anfänger beim Mannschaftsspiel. Der Fußgänger zeigt den anwesenden nichtbehinderten Helfern, welche aktiven Möglichkeiten man als Fußgänger im Aufbau des Rollstuhl-Rugby hat. Die Referenten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Lehrfähigkeit aus und dienen den Neulingen als Vorbild zur Bewältigung von Alltagsaufgaben.
2007 war ein sehr erfolgreiches Workshop Jahr:

Durch die ausdauernde Werbung für das Rollstuhl-Rugby bei den Messen in Düsseldorf und Karlsruhe fanden folgende Workshops statt:

11.1.07: Trainingsstart in Düsseldorf Rugby-Gruppe Düsseldorf

27.3.07: Workshop B: Erlangen „Killer-Bees“ Erlangen

23.6.07: Westerkappeln Rugby-Gruppe Osnabrück

26.10.07: Bad Wildbad Rugby-Gruppe Bad Wildbad

27.10.07: Bad Elzach Rugby-Gruppe Freiburg

 

Insgesamt wird nunmehr in 25 Vereinen Rollstuhl-Rugby angeboten. Neue Initiativen und Workshops warten für 2008 in Saarbrücken, Aachen; Bad Berka; Leipzig; Berlin/Potsdam. Des weiteren Messebesuche in Berlin; Leipzig und Düsseldorf.

Hoffnung besteht auf Unterstützung des Ausschuss Reha + Nachwuchs durch Sponsoren, vor allem für die Beschaffung von weiteren Rugby-Rollstühlen, die im Leihverfahren den Start neuer Vereinsangebote unterstützen helfen.

Die Frage nach engagierten Personen im Ausschuss Reha + Nachwuchs ist leicht beantwortet: Axel Rose, Sekretär und zukünftiger Leiter aus Paderborn, mit seinen Helfern Bert Metzger, Herbert Boos, Frank Strobel, Thomas Stieb und anderen, und als Ideengeber und Berichterstatter der Autor dieses Beitrags Horst Strohkendl.

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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