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Behindertensport in den Medien

Aus dem Schatten der anderen

Wenn Oscar Pistorius, ohne Unterschenkel geborener Sprinter aus Südafrika, bei den Olympischen Spielen 2008 gegen die nicht behinderte Konkurrenz antreten will und mit dem zuständigen Weltverband IAAF um eine entsprechende Startlizenz streitet, dann schafft es selbst der Behindertensport in die Schlagzeilen der großen Zeitungen, und TV-Nachrichtensendungen ist dies eine Meldung wert.

Oscar Pistorius (Mitte) bei den Paralympics in Athen 2004. Foto: Franco Erschbaumer

In der Regel gilt noch immer, dass Sportlerinnen und Sportler mit einer Behinderung ein mediales Schattendasein führen. Darüber kann auch die tendenziell wachsende Aufmerksamkeit nicht hinwegtäuschen, die den Athleten während den Paralympics zuteil wird, die im zweijährlichen Turnus wenige Wochen nach den Olympischen Sommer- und Winterspielen ausgetragen werden.

Warum diese allgemeine Zurückhaltung der Medien gegenüber dem Thema Behindertensport? Diese Frage darf wohl erlaubt sein. Oftmals argumentieren Medienvertreter, dass das Interesse der Leser und Zuschauer eben zu gering sei. Wie auch immer: Zumindest teilweise liegen die Gründe wohl in der Beziehung zwischen dem Behindertensportler und dem Sportjournalisten an sich, die wenig leidenschaftlich ist, dafür umso oberflächlicher, und in der jeweils wenig Wissen um die Bedürfnisse und Motivationen des anderen vorhanden ist.

Erfreulicherweise gelingt es aber immer mehr Sportarten, exemplarisch den Beweis dafür anzutreten, dass sie durchaus ein Publikum begeistern und für sich gewinnen können. So spielt der Rekordmeister in der Rollstuhl-Basketball-Bundesliga, RSV Lahn-Dill, seit Jahren zuhause vor vollen Rängen und straft damit die zahlreichen Skeptiker Lügen, die ehemals behauptet haben, dies sei ein Ding der Unmöglichkeit.

In Form der Veranstaltungsserie „Handbike Citymarathon Trophy“ werden Handbiker in aktuell sechs der großen, deutschen Stadtmarathons eingebunden und präsentieren sich somit regelmäßig einem beträchtlichen Publikum entlang der Rennstrecken und daheim vor den Fernsehern. Für viele Zuschauer gehören die Handbiker bereits zum Marathontrubel dazu wie der Geruch von Franzbranntwein.

Ein Highlight der jüngeren Vergangenheit war sicherlich die INAS-FID Fußball Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung, ein Turnier für Spieler mit mentaler Einschränkung, die wie die große FIFA-Schwester 2006 in Deutschland ausgetragen wurde. In vielerlei Hinsicht hat die WM Maßstäbe für Veranstaltungen im Behindertensport setzen können.

Das sind schöne Etappenerfolge, denn eines sollte man nicht vergessen: Der Behindertensport, so wie er sich heute präsentiert, hat sich gegenüber anderen Regelsportarten erheblich später entwickelt, ist damit sozusagen viel später aus den Startlöchern gekommen. Viele Sportarten, die heute das moderne Bild des Behindertensports prägen wie beispielsweise Handbiking oder Rollstuhl-Rugby, sind erst vor wenigen Jahren entstanden. So kam das erste moderne Handbike, das es beinamputierten bzw. querschnittsgelähmten Sportlern ermöglicht, weite Distanzen wie eben einen Marathon zurückzulegen, erstmalig Anfang der 90er Jahre aus den USA nach Europa.

Rollstuhl-Rugby, der bislang einzige Mannschaftssport für Athleten, die an mindestens drei Gliedmaßen funktional eingeschränkt sind, und somit auch für hoch querschnittsgelähmte Sportlerinnen und Sportler prädestiniert, hat ganz zaghaft in den späten 70er Jahren in Kanada begonnen. Und noch heute ist Rollstuhl-Rugby weit davon entfernt, am Ende seiner weltweiten Ausbreitung zu stehen.

Einer der neuesten Trends ist übrigens das Nordic Walking für beinamputierte Menschen. Die Individualisierung hält mit einiger Verzögerung auch im Sport behinderter Menschen Einzug. Für Rollstuhlfahrer gibt es zahlreiche Angebote unter dem Arbeitstitel „Selbstbehauptung – Selbstverteidigung“.

Noch immer müssen Sportler mit einer Behinderung um die Anerkennung ihrer Leistungen kämpfen; und noch immer steht in der Medienberichterstattung das persönliche Schicksal der Athleten anstelle der sportlichen Leistung im Vordergrund. Dies mag ein Grund dafür sein, dass sich viele Sportredaktionen nicht für das Portrait eines Behindertensportlers zuständig fühlen, sondern dafür doch bitte auf die Kollegen vom „Vermischten“ oder den „Gesundheitsseiten“ verweisen.

Gleichwohl lässt sich der Behindertensport nicht auf die bloße Leistung reduzieren. Denn ein aktiver Behindertensportler, ob Freizeitsportler oder Spitzenathlet, ist immer auch ein Beispiel für eine gelungene Rehabilitation und geglückte Integration – und in diesem Sinne ein positives Beispiel für andere.

Um diesen Aspekten publizistisch gerecht zu werden, genügt es nicht, das Augenmerk auf die Paralympics zu richten. In dieser Hinsicht wird oftmals in der kleinen Turnhalle von Nebenan großes geleistet.

Zur publizistischen Gleichbehandlung des Behindertensports ist es jedenfalls noch ein weiter Weg: Als nach der Fußball WM der Menschen mit Behinderung 2006 die deutsche Nationalmannschaft als WM-Dritter wegen Formfehler nachträglich disqualifiziert wurde, nahm grade mal eine Handvoll Sportredaktionen Notiz von der Angelegenheit. Franco Erschbaumer

Dieser Artikel erschien erstmalig in der Zeitschrift „Portal für Sport- und Rehabilitationskliniken“, herausgegeben vom Institut für Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

 

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