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Mit dem Handbike in Israel

Training auf dem Seitenstreifen

Handbiken in Israel, das ist alles andere als alltäglich. Aber so abwegig ist es auch wieder nicht. Die Bezirksgruppe Köln Leverkusen der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) will interessierte Handbiker im kommenden Jahr bei der Teilnahme am Friedenslauf in En Gedi unterstützen. Dr. Britta Siegers war im Februar schon mal dabei, als freiwillige Testsportlerin, sozusagen.

Britta Siegers on the road. Foto: privat

Kaum ein Land taucht so oft in der Tagespresse auf wie Israel. Sei es aufgrund der nicht enden wollenden Unruhen bezüglich seiner Grenzen, der Brisanz Jerusalems als geteilte Hauptstadt, dem Heiligen Jahr oder aufgrund seiner vielen Sehenswürdigkeiten. Sportnachrichten sind jedoch Mangelware. So ist wenig bekannt über den Behindertensport in Israel und Kenntnisse hierüber beruhen zumeist auf persönlichen Erfahrungen oder den Erzählungen anderer Athleten.

Aufhänger für meine Reise war der Friedenslauf Anfang Februar in En Gedi, an dem ich mit meinem Handbike an den Start gehen wollte. Ich kannte Israel trotz meiner großes Reiseleidenschaft bisher nicht und hatte auch noch nie an einem Halbmarathon teilgenommen. Es war somit eine Premiere in vielerlei Hinsicht. Welche Erwartungen hatte ich? In Bezug auf das Rennen erhoffte ich mir ein breites Starterfeld mit einigen Handbike-, vor allem aber Marathonfahrern, gute Bedingungen, also angenehme Temperaturen und ein nicht so steiles Gelände. Bei der Vorbereitung auf dieses Rennen traf mich der deutsche Winter mit seiner ganzen Härte. Langeweile kam nie auf, denn mal gab es Training im Schnee, im Regen, bei Temperaturen unter null Grad, auf matschigen Waldwegen oder in der Dunkelheit.

Ende Januar war es dann aber soweit, es ging ab in Richtung Sonne, nach Tel Aviv. Schnell zeigte sich, dass für eine solche Reise in erster Linie Geduld gefragt ist, und diese bereits am Heimatflughafen. Die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise und auch im Land selber sind extrem. Hier gelten harte Regeln: Wer beispielsweise für den umfangreichen Sicherheitscheck am Flughafen zu spät kommt, wird nicht mitgenommen. Aus Zeitmangel hatte ich nur grob im Vorfeld die Route mit den Sehenswürdigkeiten festgelegt und Übernachtungen und Auto gebucht. Die Anmietung eines umgerüsteten Autos bedarf sicher einer genaueren Vorbereitung, da vor Ort die gängigen Autovermietungen diesen Service nicht anbieten.

Erste Station meiner Reise war das etwa 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv gelegene Wingate Institut. Hierbei handelt es sich um die größte Einrichtung für Sportwissenschaften in Israel, ein Ausbildungszentrum für Trainer und Lehrer und die Talentschmiede des Landes. Hier können moderne Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und Beratung durchgeführt werden. Dieser Komplex mit der Universität bietet Raum für fast alle Sportarten, das Hotel ist jedoch leider nicht rollstuhlgerecht.

Von hier aus bieten sich Ausflüge nach Tel Aviv, Casarea, Haifa und Nazareth an. Ich reiste nach meiner Exkursion an der Mittelmeerküste über Tiberias zum See Genezareth, besichtigte die Golanhöhen und zog dann weiter über Jericho nach Jerusalem. Dort hatte es gerade zum ersten Mal seit 50 Jahren geschneit, was Tausende Schneebewunderer dorthin trieb.

Jerusalem, über 900 Meter hoch gelegen, ist eine Herausforderung in jeder Hinsicht. Selbst für einen reise- und abenteuerlustigen Touristen ist es nicht leicht, die Orientierung innerhalb der Stadtmauern zu behalten. Der Höhepunkt Jerusalems ist ohne Zweifel das Wahrzeichen der Stadt, der Tempelberg mit der Al Aqsa Moschee und dem Felsendom. Dieser ist jedoch nur vormittags und dann auch nur stundenweise für die Öffentlichkeit zugänglich. Parkraum in der Stadt ist sehr begrenzt und teuer. Es empfiehlt sich daher mit dem Taxi bis zum Haupteingang zu fahren und dann geduldig in der Schlange auf den Einlass zu warten, um die strengen Sicherheitskontrollen über sich ergehen zu lassen.

Ist man dann endlich im Inneren des Tempelberges, und hat einen sonnigen Tag erwischt, dann kompensiert der Blick auf den Felsendom mit seiner goldenen Kuppel schlagartig die Strapazen und Warterei zuvor. Ein ähnliches Aha-Erlebnis hatte ich beim Blick vom Ölberg auf die Stadt. Zwei Tage vor dem Rennen erreichte ich dann, nach einem kleinen Abstecher zum Georgskloster, das Tote Meer, den tiefsten Punkt der Erde.

Foto: Britta Siegers

Die herrliche Farbe des Wassers lud umgehend zu einem Bad im Salzwasser ein, aber leider ist dies nur an wenigen Stellen möglich. Nahezu das gesamte Ufer ist von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben und Schilder verbieten den Zutritt zu dieser militärischen Zone. Eine Bademöglichkeit besteht in En Gedi, dessen Kibbuz alljährlich den Friedenslauf veranstaltet. Das Bad in dieser hochkonzentrierten Salzlösung ist ein absolutes Erlebnis. Zudem kann man sich mit der schwarzen Heilpaste, die dem Toten Meer entnommen wird, einreiben. Dies ist nicht nur förderlich für die Gesundheit, sondern auch äußerst amüsant anzuschauen.

Radfahren oder Biken in Israel heisst Training auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße oder Autobahnen. bei dem Fahrstil der Israelis sollte man daher bei Trainingseinheiten dieser Art immer eine große Portion Mut und den Schutzengel mitnehmen oder besser sich von einem Auto eskortieren lassen.

Nun war es endlich soweit. Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten am Vorabend herrschte plötzlich reges Treiben in der ansonsten so einsamen Gegend. Es war zweifellos ein Ereignis der besonderen Art, das auch Topathleten wie die deutsche 100-km-Läuferin Birgit Lennartz und die seit Jahren dominierenden Läufer Lornah Kiplagat, John Kipsan und Abraham Limo nicht missen wollten. Ein Lauf, geprägt vom Idealismus und immer darum bemüht, über den Sport etwas für den Friedensprozess im Nahen Osten zu tun.

Der 18. Friedenslauf war reich an Höhepunkten. So stellte im Halbmarathon die amtierende Weltmeisterin Lornah Kiplagat mit 1:11,28 Stunde einen neuen Streckenrekord auf. Auch das Starterfeld brach den bisherigen Rekord. So gingen bei angenehmen Temperaturen von 20 Grad und leichtem Wind fast 1300 Läufer auf die 10- beziehungsweise 21,1 Kilometer lange Strecke. darunter auch 13 Rollstuhlfahrer, entweder mit dem Marathon-Stuhl oder dem Handbike. Es herrschte eine tolle Atmosphäre. Samba-Tänzer verkürzten den Läufern die Minuten bis zum Start. Die Bilderbuch-Kulisse 400 Meter unter dem Meeresspiegel, das kristallklare und tiefblaue Tote Meer, das die Grenze zu Jordanien bildet, und das wuchtige Felsmassiv von Massada machten diesen Lauf zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Es wird eine Neuauflage dieses Rennens im Februar nächsten Jahres geben und es hat sich bewahrheitet, dass dieses Land mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten, seinem sehr eigenen Lebensstil, der allgegenwärtigen Militärpräsenz und tollen Sportereignissen immer eine Reise wert ist, auch wenn es für Rollstuhlfahrer nicht gerade zu den leicht zu bereisenden Ländern zu zählen ist. Dr. Britta Siegers 

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