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Goalballer vorbereitet

Über Umwege nach Rio

Voller Motivation und Vorfreude bereiten sich die deutschen Goalballer auf die erste Paralympics-Teilnahme seit zwölf Jahren vor.

Erstmals seit 12 Jahren nehmen die deutschen Goalballer 2016 wieder am paralympischen Wettbewerb teil. Foto: Ralf Kuckuck/ DBS-Akademie

Erstmals seit 12 Jahren nehmen die deutschen Goalballer 2016 wieder am paralympischen Wettbewerb teil. Foto: Ralf Kuckuck/ DBS-Akademie

An den 12. November 2015 erinnert sich Michael Feistle noch ganz genau. „Um 7.56 Uhr hat das Telefon geklingelt“, berichtet der 23-Jährige. Am anderen Ende der Leitung: Deutschlands Goalball-Cheftrainer Johannes Günther. Der hatte neun Minuten zuvor per WhatsApp-Nachricht eines befreundeten Schiedsrichters aus dem Iran die Nachricht erhalten, dass China Asienmeister geworden ist. Und das bedeutete: die deutsche Goalball-Nationalmannschaft hat sich für die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert. Erstmals seit Athen 2004. Durchaus unerwartet und über viele Umwege. Und nach sechs langen Monaten des Bangens und Hoffens.

Doch das war an diesem frühen Donnerstagmorgen alles egal. „Ich habe vor Freude gefühlt meine Wohnung auseinandergenommen“, sagt Michael Feistle lachend. Der Traum von Rio – für Deutschlands Goalballer ist er Wirklichkeit geworden. Dabei waren eigentlich die Spiele in Tokio 2020 als Fernziel ausgegeben worden. 2009, bei der Heim-Europameisterschaft in München, war die Ballsportart, die von Sportlern mit Sehbehinderung betrieben wird, in Deutschland am Boden. Letzter Platz, Abstieg in den B-Pool. Zwar gelang ein Jahr später wieder der Aufstieg und 2011 der Klassenerhalt, doch die Paralympics in London wurden verpasst. „Dadurch hatten wir einen Umbruch in der Mannschaft und wurden in den folgenden Monaten durch Abgänge und Verletzungen immer wieder personell zurückgeworfen. Niemand hätte damals auch nur davon geträumt, dass wir es nach Rio schaffen würden“, erklärt Feistle. Doch mit Stefan Hawranke (31), Christian Friebel (27) und Reno Tiede (26) blieben drei Spieler an Bord – und bei einem Sichtungsturnier stießen u.a. mit Thomas Steiger (19) und Oliver Hörauf (19) zwei große Nachwuchstalente zum Team hinzu. „Das war unser großes Glück“, blickt Feistle zurück, der ursprünglich aus Düren (NRW) kommt, 2009 nach Marburg zog und seitdem die Leidenschaft für Goalball entdeckte.

Nach einigen Umwegen hat das deutsche Team nur noch die Paralympics 2016 im Fokus. Ralf Kuckuck/ DBS-Akademie

Nach einigen Umwegen hat das deutsche Team nur noch die Paralympics 2016 im Fokus. Ralf Kuckuck/ DBS-Akademie

Bereits bei der Europameisterschaft 2013 hatte sich die neu formierte Mannschaft gut gefunden. Doch im so wichtigen Viertelfinale schien Endstation zu sein. Deutschland lag 0:4 hinten gegen die klar favorisierten Tschechen. „Doch wir sind volles Risiko gegangen und haben noch 5:4 gewonnen. Das war der Wahnsinn“, erinnert sich Feistle. Trainer Johannes Günther fügt hinzu: „Das war der Türöffner, der Dominostein, der alles ins Rollen brachte.“ Denn dadurch qualifizierte sich Deutschland für die WM 2014 und für die noch wichtigeren World Games 2015 in Seoul. Nach dramatischen Partien landete das deutsche Team auf Rang fünf. Das direkte Ticket nach Rio wurde so verpasst – doch es gab noch die eine letzte Chance. Wenn China Asienmeister würde, dann würde ein Platz frei und Deutschland wäre der erste Nachrücker. So wurde sechs Monate gebangt. Bis am frühen Morgen des 12. November 2015. Als eine WhatsApp-Nachricht für Jubel und Freudentränen sorgte.

„So ein emotionaler Moment“, sagt Johannes Günther. „Es wäre wahnsinnig bitter gewesen, wenn es nach sechs Monaten des Hoffens nicht geklappt hätte. Doch es ist zum Glück gut ausgegangen.“ Seitdem laufen die Vorbereitungen auf die erste Paralympics-Teilnahme seit zwölf Jahren auf Hochtouren. Es wird fleißig trainiert, die Einheiten sind anstrengend – doch das Ziel prangt immer gut sichtbar in Form eines großen Brasilien-Banners in der Halle. „Eine Motivationshilfe, damit die Jungs wissen, wofür sie die ganze Arbeit und die vielen Sonderschichten machen“, betont Günther. Doch am Einsatz mangelt es ohnehin nicht, das Team zieht voll mit. „Je weniger Tage bis zu den Spielen und je näher Rio rückt, desto neugieriger und gespannter wird man. Alleine wenn ich an die Eröffnungsfeier denke, den Einlauf ins Maracana-Stadion, dort, wo Mario Götze 2014 das Tor zum WM-Titel geschossen hat – das wird der Hammer“, sprudelt es aus Michael Feistle heraus. Die Vorfreude ist greifbar.

Um bestmöglich vorbereitet zu sein, wird an vielen Details gefeilt. Goalball ist ein schneller Sport, die Bälle erreichen in der Spitze bis zu 80 km/h. Abwehr- und Angriffssituationen wechseln sich ständig ab. Das erfordert nicht nur gute Kondition und Reaktion, sondern auch Konzentration. Und sehr viel Taktik und Strategie, fast wie beim Schach. Wie positionieren sich die drei Akteure auf dem Feld, um das neun Meter breite Tor so gut es geht zu verteidigen? Wie spiele ich den Klingelball, um die Lücke in der gegnerischen Abwehr zu finden? Wohlgemerkt ohne etwas zu sehen. Denn alle Spieler, ob blind oder sehbehindert, tragen während der 24-minütigen Partie (zwölf Minuten effektive Spielzeit pro Halbzeit) Dunkelbrillen. Da kommt den Trainern nicht nur in der Vor- und Nachbereitung, sondern auch während des Spiels eine wichtige Rolle zu. „Für mich und meinen Co-Trainer Stefan Weil ist es so, als würden wir selbst mit auf dem Feld stehen. Wir haben großen Einfluss auf das Spielgeschehen“, erklärt Johannes Günther. Mit jeder Ansage treffe man eine Entscheidung – entweder eine richtige oder eine falsche. „Dadurch kann man den Spielverlauf schon beeinflussen und es lastet ein Druck auf unseren Schultern.“

Doch diesen Druck nimmt das Trainerteam gerne auf sich. Auch, um die junge Mannschaft davon zu befreien. Alle erleben ihre Paralympics-Premiere, werden erstmals in ihrem Leben vor hunderten oder gar tausenden Zuschauern spielen. Eine völlig ungewohnte Situation – zumal das deutsche Team das mit Abstand jüngste sein wird unter den zehn teilnehmenden Nationen. So könnten in Rio mit Oliver Hörauf und Thomas Steiger zwei U19-Weltmeister von 2015 zwei der drei Plätze auf dem Spielfeld einnehmen. „Sie haben eine tolle Entwicklung hingelegt und in den vergangenen Jahren bereits etwas Routine sammeln können“, sagt Günther.

Und der Cheftrainer hat noch ein weiteres Ass im Ärmel – oder besser gesagt: auf der Tribüne. Dort analysiert Tobias Vestweber nicht nur das deutsche Spiel, sondern auch die Stärken und Schwächen der Gegner mit einem speziellen Liveanalyse-Tool, das die Technische Universität München entwickelt hat. Jeder Spielzug wird damit festgehalten und kann den Trainern sogar während der Partie als Information mittels Tabletcomputer zugespielt werden. So werden die Konkurrenten genau unter die Lupe genommen und nichts dem Zufall überlassen. Weltweit ist nur das finnische Team bei der Analyse ähnlich gut aufgestellt.

Neben harter Arbeit und großer Motivation ist das möglicherweise ein weiterer Baustein, der dabei helfen soll, in Rio das Ziel Viertelfinale zu erreichen. Dort warten in der Gruppenphase mit Kanada, Schweden, Afrikameister Algerien und Gastgeber Brasilien schwere, aber machbare Gegner auf das deutsche Team. Und Zuversicht ist durchaus vorhanden. Michael Feistle: „Ins Viertelfinale wollen wir auf jeden Fall. Dort wartet dann ein harter Brocken auf uns – doch wir haben in der Vergangenheit gezeigt, dass wir auch als Außenseiter nicht chancenlos sind und die Favoriten ärgern können.“ So wie bei der Europameisterschaft 2013, als der Traum von Rio de Janeiro seinen Ursprung hatte. Kevin Müller

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