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Interview mit Timo Hager

„Was will der denn hier?“

Timo Hager war einer der jüngsten Spieler im Team der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft, als er gemeinsam mit seinen Kollegen bei den Paralympics in Sydney 2000 die Goldmedaille holte. Heute träumt der 33-Jährige wieder von den Paralympics, nur die Sportart sieht heute anders aus.

OUTRUN: Wann ist Dir das erste Mal in den Sinn gekommen, Beachvolleyball zu spielen?

Timo Hager. Foto: Franco Erschbaumer

Timo Hager. Foto: Franco Erschbaumer

TIMO HAGER: Also, ich habe in Wuppertal an der Uni angefangen mit Volleyball, und direkt nebenan ist auch ein Beachplatz in der Zeit entstanden. So habe ich das immer mal wieder ein bisschen mitgespielt, aber es ist halt mit der Prothese auch immer ein größerer Aufwand, die sanddicht zu machen. Eigentlich habe ich mich immer davor gedrückt. So richtig mit Beachvolleyball fängt’s eigentlich jetzt erst an. Ich bin ein reiner Hallenspieler gewesen.

OUTRUN: Beim Worldcup in Kambodscha wurde der Entschluss gefasst, ein Beachvolleyball-Turnier zu veranstalten.

TIMO HAGER: JA, und dann waren wir im März zum ersten Mal in Riccione, bei einem riesigen Beachvolleyball-Turnier. In Riccione ist das größte Beachvolleyball-Festival Europas, da sind 1.500 Spieler, 200 Felder aufgebaut, und da haben wir das erste Mal vier, fünf Tage richtig trainiert, mit dem Wissen: Okay, im Sommer spielen wir dieses Turnier. Jetzt wollen wir sehen, wie sich das entwickelt, und dann versuchen, das zu intensivieren. Wenn man so die Chance bekommt, zu den Paralympics zu kommen, dann wäre das natürlich ein Riesending.

OUTRUN: Wie siehst Du denn die Chancen, dass Beachvolleyball schafft, was Hallenvolleyball nicht mehr geschafft hat?

TIMO HAGER: Also, wenn wir das schaffen, in den nächsten zwei, drei Jahren hier ein Turnier zu veranstalten mit vielen Nationen, das ist das Kriterium, dann sehe ich da gute Chancen. Gegenüber Trendsportarten ist das olympische Programm viel offener als gegenüber etwas, was schon mal da war. Das ist für uns ein Umweg, Volleyball wirklich noch mal reinzukriegen ins paralympische Programm. Es ist eigentlich eine gute Chance, aber wir müssen jetzt unter Beweis stellen, dass wir organisiert sind, dass wir auch Meisterschaften spielen. Es muss ja auch Kriterien geben, wer zu den Paralympics fahren darf. Wenn da alle hinfahren dürften, die den Sport machen, dann wäre der Sportsgeist verfehlt. Es heisst, es müssen so viele Sportler sein, dass man Ausscheidungskämpfe hat. So was muss sich jetzt entwickeln. Und wenn das steht, dann sehe ich da eine Superchance, weil Beachvolleyball auch attraktiv ist, und weil man viele Behinderungen unter einen Hut kriegt.

OUTRUN: Wo spielst Du ansonsten Volleyball?

TIMO HAGER: Ich habe letzte Saison in Hilden gespielt (beim Hildener AT 1864, d.R.).

OUTRUN: In welcher Liga?

TIMO HAGER: Letzte Saison in der Landesliga. Da sind wir dritter geworden.

OUTRUN: Wo siehst Du die Unterschiede zwischen Hallenvolleyball und Beachvolleyball?

TIMO HAGER: Ich würde sagen, es ist eigentlich alles ein bisschen anders. Außer der Netzhöhe, die ist die gleiche. Aber der Boden ist anders, die Bewegung ist ja anders, vom Anlauftiming her, weil du ja mehr einsinkst. Da muss man sich schon umgewöhnen. Das ist ein bisschen, wie mit Birkenstock 100-Meter zu laufen, da denkst du auch im ersten Moment: Ähh?! Mit der Prothese im Sand, ist schon eine ganz schöne Umstellung. Die ersten drei Tage in Riccione waren für mich so frustrierend, ich wäre am liebsten von Italien den ganzen Weg zu Fuss nach Hause gelaufen. Beim Beachvolleyball gibt es einfach Schläge, die kann man nicht mehr kriegen, oder Aktionen, die nicht so gut waren. Die muss man dann abhaken. In der Halle gibt‘s das gar nicht so oft. Wenn du gut spielst, dann bist du oft noch am Ball dran. Für mich kostet es zudem Überwindung, mit der Prothese aus der Ruhe in Schwung zu kommen. Das ist viel anstrengender als in der Halle.

OUTRUN: Der Sand ist also ein echtes Problem?!

TIMO HAGER: Ein großes, hier habe ich ja zwei Gelenke (zeigt auf seine Unterschenkel-Prothese, d.R.), und nur für die beiden Gelenke habe ich das ganze Zeug hier drüber. Du siehst ja selber, da ist überall Sand drauf. Aber das ist jetzt ganz gut, das ist ein Silikon-Liner, der ist schön flexibel, schließt sich hier drum, und das funktioniert ganz gut. Man muss halt immer ein bisschen herumprobieren, was spezielles dafür gibt es nicht.

OUTRUN: Am Turnier in Köln waren auf Anhieb Teams aus dem Ausland beteiligt. Wie gut kennt ihr diese Spieler?

TIMO HAGER: Klar kennen wir uns alle. Also mindestens vom Sehen, und zu Einigen hat man über Jahre Kontakte entwickelt.

OUTRUN: Man weiß also auch, wie die spielen?

TIMO HAGER: Ja, obwohl es auch so ist, dass man die Erfahrungen aus der Halle nicht eins zu eins auf den Beach übertragen kann. Zum Beispiel: Der Tom spielt im Sand nochmal fünfmal flinker, das hängt auch mit der Behinderung zusammen. Mit seinen Füssen kann er im Sand voll Gas geben, und bei mir ist es anders rum. Auf einem harten Boden, wirkt meine Feder, hier im Sand habe ich da nichts von. Deswegen muss man bei Beachvolleyball auch erstmal gucken: Wer ist denn hier von seinen Fähigkeiten her wie drauf?

OUTRUN: Was sagst Du zu den indischen Spielern?

TIMO HAGER: Die waren beim letzten Mal in Kambodscha zum ersten Mal dabei. Schön, dass die jetzt direkt wieder da sind, das die am Ball bleiben und wir damit wieder eine Nation dazu gewonnen haben für die Sportart. Das muss man erst mal alles auf die Beine stellen.

OUTRUN: Es heisst, Volleyball sei vor allem deswegen weltweit so populär, weil man nur einen Ball und ein Netz braucht, und dann kann es losgehen. 

Beachboy Timo Hager. Foto: Franco Erschbaumer

Beachboy Timo Hager. Foto: Franco Erschbaumer

TIMO HAGER: Ja, das ist auch so, deswegen ist Volleyball auch in Asien die Sportart Nummer eins. Aber wenn man eine Reise macht, dann muss man für 15 Leute ein Ticket kaufen, und das sind die Gründe, warum Kambodscha dann nicht kommen kann, warum Ghana Probleme hat. Daran scheitert es dann oft, doch wieder am Geld. Wir kriegen auch keine Gelder mehr, wir haben es zwar geschafft, einen Sponsor zu finden, aber das ist alles so knapp auf Lücke, das läuft fast alles privat und auf Eigeninitiative. Wenn viele das Wort Nationalmannschaft hören, fragen die: Was kriegt ihr denn? Wofür macht ihr das? Ja, für die Ehre macht man das! Und so versucht man, einen Sponsor zu kriegen, so dass wenigstens die Reise und die Lehrgänge bezahlt sind. Alles andere geben wir dann noch dazu. Auf der anderen Seite ist es schon eine Ehre, als deutscher Nationalspieler nach Kambodscha zu fliegen. Es ist ja nicht so eine große Konkurrenz im Behindertensport, es sind ja nicht Tausende da. Wenn man es einmal geschafft hat, sich einen Namen zu machen, gut zu sein, und Stammspieler zu sein, kann man sich eigentlich da auch lange halten. Und anders herum ist es so, und das ist auch ein Appell an viele junge Leute, wenn einfach junge Behinderte mit Potenzial da sind, dann ziehen wir die auch groß. Das war bei mir nicht anders. Ich kam auch und konnte eigentlich nix. Da war ich Anfang 20. Das hat halt einen anderen Charakter als in einer Profimannschaft: Da heisst es, 12 Leute, wer nicht spurt, zack raus, der Nächste. Hier ist es genau anders rum. Und wir wünschen uns das auch, dass sich Behinderte einfach trauen, uns anzusprechen, nach dem Motto: Ey, ich habe Lust, ich habe einen Verein und ich weiss, dass ich das kann. Anders geht das nicht.

OUTRUN: Wie war das bei Dir damals, als Du das erste Mal bei einem Volleyball-Verein aufgetaucht bist?

TIMO HAGER: Ich komm da rein, zieh die Hose aus. Auch wenn keiner was gesagt hat, ich kann Dir genau sagen, was die gedacht haben: Was will der denn hier?!

OUTRUN: Und dann waren sie vermutlich erstmal erstaunt, wie gut Du spielst?! Haben Nichtbehinderte da mit ihrem Ego zu kämpfen?

TIMO HAGER: Andersrum, wenn was nicht klappt, bin ich der Dumme (lacht,D.R.). Nein, ich glaube schon: Wenn ich mir vorstelle, wenn ich gegen einen Behinderten spielen würde, und der würde mich da wegblocken, würde ich mir auch denken,… Ich hoffe, dass es so ist. Ich ärgere mich auch manchmal: Wenn du einen Einarmer hast, und dem in den Block haust, dann ist das schlimmer, als wenn der zwei Arme hat. Und ich glaube, mit mir ist das nicht anders, wenn einer gegen mich spielt.

Das Gespräch führte Franco Erschbaumer

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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