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Eine Begegnung in Phnom Penh

Zwischen Tuktuk und Rennrollstuhl

Vor mir teilt sich der Strassenverkehr. Wie Brandungswellen schwappt diese inhomogene Masse aus Menschen, Tieren, Fahrzeugen und Gestank durch die Strassen von Phnom Penh. Manchmal scheint alles zu erstarren, aber es geht trotzdem weiter. Verantwortlich dafür ist mein Tuktuk-Fahrer Kann, der Lücken schafft, wo keine sind. Diese Fähigkeit ist bei diesen Fahrern allgemein verbreitet, aber Kann ist trotzdem ein einzigartiges Exemplar.

Ich habe ihn vor zwei Jahren zum ersten Mal getroffen. Es war vier Uhr früh, stockdunkel und ich stand unter einer Lampe am Stadtrand von Phnom Penh. Um diese Zeit trainiert eines der Rennrollstuhlteams, aber vorerst war es nur dunkel und ich hatte mich auf einen Ameisenhaufen gesetzt, was ich mangels Licht nicht gesehen hatte, aber bald zu spüren bekam. Dann näherten sich sehr schnell einige Glühwürmchen. Es waren die Stirnlampen der Rennfahrer, die mit lautem Geschrei an mir vorbeirasten. Mit einem schnellen Sprung auf mein Fahrrad konnte ich ihnen folgen und ihre Runden begleiten. An der Spitze fuhr Kann, tiefgebückt und nicht einzuholen.

Kann ist in jungen Jahren auf eine Landmine getreten und hat beide Beine verloren, das linke am Oberschenkel und das rechte unter dem Knie. Mit einer Unterschenkelprothese und zwei Krücken lernt er zu laufen und nimmt sein verändertes Leben auf. Trotz allem kommt er weiter, hat eine Familie und zwei Kinder. Als die Cambodian National Volleyball League Disabled (CNVLD) neben dem Standing Volleyball für Behinderte auch Rennrollstuhlteams gründet, ist Kann eines der ersten Mitglieder. Seine Begeisterung und sein Elan reissen andere mit. Bei den diversen Rennen in Kambodscha ist er immer ganz vorne und bekommt so immer wieder Preisgelder. Die spart er für ein ganz persönliches Ziel – die Anschaffung eines Tuktuks.

Motorrad fährt er bereits; er hat sich seine Maschine links mit einem Handschalthebel versehen und rechts kann er mit der Prothese bremsen. Die Krücken klemmt er unter den Arm. So fährt er auch immer wieder in Schulen um zu zeigen, dass man auch ohne Beine ein Motorrad fahren kann. Als genug Geld zusammengekommen ist, kauft er den Anhänger für die Passagiere in einer Tuktukfabrik in Phnom Penh.

Davor kommt das modifizierte Motorrad. Ab sofort verdient er seinen Lebensunterhalt in der Menge der Tuktukfahrer auf den Strassen der Hauptstadt und die Mehrzahl seiner Kunden nehmen den Unterschied gar nicht wahr. Natürlich kann man sehen, dass ein Bein fehlt, aber man sitzt unter dem Dach und der Mann dort vorne teilt die Fluten des Verkehrs, wie gute Fahrer das eben tun. Und von Zeit zu Zeit nimmt er den Helm ab, um mit seinem Handy neue Aufträge anzunehmen.

Jeden Morgen bei Dunkelheit ist Kann mit seinen Rennern auf der Strasse und trainiert. Mittlerweile ist er der Cheftrainer geworden und bringt jüngere Leute zur Spitze. Aber wenn er selbst die Greifringe seines Rollstuhls mit den dicken Handschuhen antreibt, ist er in der Regel immer noch der schnellste. Und bei Sonnenaufgang wartet sein Tuktuk am Ufer des Mekong und es geht auf anderen Rädern weiter. Immer weiter. Michael Huber

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