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Handbiker vs. Läufer

Zwischen Wadenkrampf und Kiefern-Öl

Auf immer mehr Marathonveranstaltungen sieht man sie einträchtig auf die Startschüsse warten: Handbiker und Läufer. Beide Gruppen legen 42,195 Kilometer zurück, aber die Eindrücke, die sie bei einem solchen Rennen sammeln, sind vermutlich grundverschieden. Dachten wir von Outrun uns jedenfalls und haben die Probe aufs Exempel gemacht. Während Thomas Wagner beim 6. Ford Köln Marathon mit seinem Handbike an den Start ging, nahm Franco Erschbaumer die Strecke unter seine Laufschuhe.

(Thomas) Es hat gerade mal wieder so geklappt mit der Anmeldung zum Köln-Marathon. Die Veranstaltung ist, wie jedes Jahr, schon Wochen vor dem Start total ausgebucht. Und ich hab natürlich, wie jedes Jahr, wieder viel zu spät gemeldet. Das wird demnächst besser. Ehrlich…;-)

(Franco) Das Telefon klingelt. Jana ist am Apparat. Aus ihrem Marathon-Debut werde wohl nichts – Verletzung am Schienbein, Übertraining. Und ob ich nicht jemanden wüsste, der ihr Ticket für den Köln-Marathon nutzen wolle. Klar kenne ich da jemanden: mich. Schließlich bin ich vor über zehn Jahren auch schon Marathon gelaufen (in heute für mich nicht mehr nachvollziehbaren 2:58:00 Stunden), außerdem bin ich zuletzt an manchen Wochenenden rund zwei Stunden am Stück gejoggt, und um die Gefahr des Übertrainings brauche ich mir ebenfalls keinen Kopf zu machen. Franco, sage ich mir, da bist du dabei!

(Thomas) Als Unterkunft habe ich mir das Kommerz-Hotel Günneweg ausgesucht. Das liegt zentral nahe am Dom, wo sich das Ziel befindet und ist barrierefrei.

(Franco) Als Jana Becker tauche ich im hintersten aller Startblöcke unter. Der Geruch von Kiefernöl hängt in der Luft, und wenn man so steht, wird es ziemlich frisch. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem mir ernste Zweifel an meiner Spontan-Zusage kommen. „Fünf, vier, drei, zwei,…“ – die Läuferinnen und Läufer zählen laut bis zum Start runter. Aber es geht noch lange nicht los. Es dauert einige Minuten, bis sich der Tross an unserer Stelle in Bewegung setzt.

(Thomas) Da es schon am Samstag ununterbrochen geregnet hatte, ahnte ich nichts Gutes für den Marathon-Tag. Und tatsächlich: Kurz vor dem Start öffnet der Himmel seine Schleusen, nachdem es kurz vorher noch einigermaßen hoffnungsvoll ausgesehen hatte. Was soll’s, da muss man halt durch um diese Jahreszeit. Am Start sind etwa 50 Handbiker, die sich der Herausforderung stellen.

Vom Start weg geht es im Pulk über die Deutzer Brücke. Schon kurz dahinter fängt in der Spitzengruppe das Taktieren an, aus dem vier Fahrer als Sieger hervorgehen. Ich gehöre leider nicht dazu. Nach einigen Kilometern kann ich jedoch einen zurückgefallenen Fahrer wieder einholen und will das Rennen wenigstens mit Anstand beenden. Am Abend vorher hatte ich mir noch einmal die Strecke und die neuralgischen Punkte eingeprägt. Hierzu gehören vor allem die Straßenbahnschienen, die heute jedoch mit Ketten ausgelegt sind. Auch die Ordner sind einigermaßen fit und so geht es ohne Probleme dahin.

(Franco) Man, das macht ja richtig Spaß. Ich gehe die ganze Sache locker an, und komme mit dem ein oder anderen Teilnehmer ins Gespräch. „Die Laktat-Könige“ lautet die Aufschrift auf den Trikots einer ganzen Laufgemeinschaft, die bei etwa Kilometer 15 vor mir auftauchen. Ob die so heißen, weil sie so viel Laktat produzieren? Kurz vor der Uni komme ich dann an einem etwas seltsam aussehenden Verpflegungsstand vorbei. Bevor ich wirklich merke, was ich da gereicht bekomme, habe ich auch schon mein erstes Kölsch an diesem Tag intus. Naja, sollen ja auch wertvolle Mineralstoffe und Kohlenhydrate drin sein.

(Thomas) Ab Kilometer 30 warte ich auf die Inlineskater, in deren Windschatten man normalerweise einiges herausholen kann. Der Anschluss an die 5-köpfige Gruppe gelingt dann auch, aber die Jungs sind bei der glitschigen Witterung mehr damit beschäftigt, auf den Rollen zu bleiben als Geschwindigkeit zu bolzen. Schade eigentlich…

(Franco) Mensch Leute, mir war vorher noch nie aufgefallen, dass Köln so bergig ist. Auf den unter Marathonläufern so gefürchteten „Mann mit dem Hammer“ habe ich ab Kilometer 28 zwar umsonst gewartet, dafür aber wollen die Beine nicht mehr so recht. Das leichte Ziehen in der linken Wade weitet sich schleichend zu einem Beinahe-Krampf aus. Ein paar kurze Dehnübungen an der Bürgersteigkante, dann geht es weiter. Aber bloß nicht zu schnell. Was jetzt kommt, ist kein Witz. Ich merke nämlich, wie das langsamere Tempo zwar meinen Wadenkrampf in Schach hält, dafür meldet mein linker Oberschenkel Einwände in Form eines dumpfen Ziehens an. Kilometerstand: 34. Keine Lust, den Rest zu gehen. Ich trabe behäbig weiter und finde allmählich das für mich richtige Tempo, nicht zu schnell für meine Wade, nicht zu langsam für meinen Oberschenkel. In knapp unter vier Stunden trotte ich ins Ziel.

(Thomas) Der Köln-Marathon ist auch bei diesem Sauwetter zu genießen, weil wieder einmal Zigtausende die Strecke säumen und alle Teilnehmer anfeuern. Auch die Streckenführung wird dem gerecht, weil sie immer wieder von den Vorstädten in Richtung Innenstadt führt. Das macht den Kurs zwar etwas winklig, aber man wird immer wieder durch die vielen Zuschauer entschädigt.

Die Zielankunft auf der Domplatte kann man leider nicht besonders lange genießen, weil nach uns die Skater im engen Zielraum eintreffen. Ist mir diesmal auch ganz recht so, weil es doch rasch ein wenig kalt im dünnen Renndress wird.

Erschbaumer Verlag. Outrun – das Sportmagazin. Alle Rechte vorbehalten/All rights reserved

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